Prozess um TechnoSan:

Angeklagter: Auch Behörden haben versagt

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

München/Neuötting - Der Umweltskandal um die Firma TechnoSan hat hohe Wellen geschlagen. Seit dem Vormittag stehen mehrere Angeklagte vor Gericht. Ihre Aussagen:

UPDATE 18.30 Uhr:

Auch die Behörden scheinen im Fall des Umweltskandals versagt zu haben. Das geht aus den Aussagen des Angeklagten Wolfgang B. hervor: "Weil die Papiere in Ordnung waren, haben die uns als eine Art Vorzeigebetrieb gesehen und uns alles geglaubt." Er ist sich sicher: "Wenn die Behörden auf die Anlage gekommen wären und sich das genau angeschaut hätten, hätten sie merken müssen, dass da was nicht in Ordnung ist." Wenn ein Behördenmitarbeiter kam, habe er ihm einfach alles gezeigt. Mehr nicht. Er sei "nicht weiter gelöchert" worden. Ein Behördenmitarbeiter habe sich einmal nach Wasser erkundigt, das gerade aus einem Brunnen abgepumpt wurde. "Da habe ich einen Schluck aus unserem Brunnen genommen, dann war er auch zufrieden."

UPDATE 17.05 Uhr:

Wolfgang B., der Betriebsleiter, stellt sich im Gegensatz zu C. den Nachfragen von Gericht, Staatsanwalt und Anwälten. Den ganzen Nachmittag lang erläuterte er ausführlich die Manipulationen auf der Betriebsanlage in Neuötting. So wurden etwa Teile des angelieferten Materials in der EcoSan-Anlage thermisch behandelt, danach aber wieder mit belastetem Material zusammengeworfen und auf nicht geeigneten Deponien abgelagert. Auch an der Waage wurde manipuliert. Ein Mitarbeiter habe ein Computer-Programm geschrieben, das dazu diente, falsche Nachweise auszudrucken, obwohl die EcoSan-Anlage nicht lief. "Sie hatte ständig Defekte", sagte der Betriebsleiter.

UPDATE 15 Uhr:

Der Hauptangeklagte Alexander C. hat eine vorbereitete Erklärung abgegeben, die einem Teilgeständnis gleichkommt. Er sitze "nicht zu Unrecht hier", er habe viele schwerwiegende Fehler gemacht und übernehme die Verantwortung. Allerdings sei sein Betriebsleiter in Neuötting auf die Idee mit den Manipulationen gekommen, die Behörden hätten auch nicht genug kontrolliert. Er zeichnete ein Bild von sich als sehr ehrgeizigen Unternehmer, der sich im Bereich Umwelttechnik Lorbeeren verdienen wollte und dafür eine spezielle Maschine, die EcoSan-Anlage, austüftelte. Im Nachhinein müsse er zugeben, dass er vor lauter Ehrgeiz wohl zuviel Druck auf seine Mitarbeiter ausgeübt habe.

In der Anfangszeit sei alles "gut und ehrlich" abgelaufen, beteuerte der Angeklagte Wolfgang B., Betriebsleiter in Neuötting. Doch dann habe es finanzielle Probleme gegeben, weil die EcoSan-Anlage Probleme gemacht habe, es wenige Aufträge gegeben habe, schwieriges Material geliefert worden sei und extreme Kosten zu Buche geschlagen hätten. Nach Personalabbau habe sich die Firma erholt. Doch der Druck von Seiten des Chefs sei immer größer geworden, das Volumen des angenommenen Materials immer höher. "Es war in den letzten Jahren wirklich keine vernünftige Behandlung des Materials mehr möglich." Er habe sich da reinziehen lassen. Immer wieder habe er sich vom Geschäftsführer zum Weitermachen überreden lassen, weil er an seine Familie gedacht habe. "Ich war aber mit der Firma nicht mehr im Einklang." In seiner Verzweiflung habe er begonnen, immer mehr zu trinken. Vorigen Sommer machte er einen Entzug.

Erstmeldung aus dem Gerichtssaal:

Vier Angeklagte müssen sich seit dem Vormittag wegen unerlaubten Umgangs mit Abfall und Betrugs in großem Stile vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München II verantworten. Was so juristisch klingt, ist ein handfester Umweltskandal: Die Firma TechnoSan aus Krailling (Kreis Starnberg) soll fast eine halbe Million Tonnen an hochgiftigen, teils krebserregenden Abfällen nicht wie vereinbart thermisch behandelt und entsorgt haben, sondern illegal verschwinden haben lassen. Zum größten Teil soll der Giftmüll unbehandelt auf dem Betriebsgelände in Neuötting (Kreis Altötting) lagern. Trotzdem habe die Firma ihren Kunden üppige Rechnungen gestellt. Gesamtschaden laut Anklage der Staatsanwaltschaft: fast 13 Millionen Euro.

Staatsanwalt Thomas Böx verlas zunächst die 67 Seiten starke Anklage mit viel Zahlenmaterial. Angeklagt sind vier Mitarbeiter: der Geschäftsführer der Firma TechnoSan, ein Kaufmann (47) aus Krailling; der Betriebsleiter in Neuötting, ein Baumaschinenmechaniker (51) aus Furth bei Landshut; der stellvertretende Betriebsleiter in Neuötting, ein Zimmerer (53) aus Winhöring; die Assistentin der Geschäftsleitung, eine Geografin (38) aus Bad Tölz. Die Verteidiger kündigten bereits an, dass sich die Angeklagten äußern werden. Ob sie auch Nachfragen beantworten, ist noch offen.

Nina Gut

Zurück zur Übersicht: München

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser