„Ist die Schule für alles zuständig?“

München - Gut gemeint – aber wirklich gut? Ein Medienführerschein soll Grundschüler für TV, Werbung und Internet wappnen; neue Anleitungen sollen Lehrer dazu animieren, ihren Schülern den Umgang mit Geld beizubringen. Was die Frage provoziert, ob die Grundschulen nicht mit Aufgaben überfrachtet werden.

Grundschule einmal anders: Nachrichten bewerten, Zuhören lernen, Fernseh-Helden als Identifikationsfiguren hinterfragen, Gefahren von TV-Werbebotschaften, Internet sowie Computerspiele erkennen – das ist der neue Medienunterricht. Der Medienführerschein ist ein Lieblingsthema des früheren Kultusministers Siegfried Schneider, weshalb die Staatskanzlei auch die Federführung in dem Projekt hat. „Alles ist aber mit dem Kultusministerium abgesprochen“, versichert die Staatskanzlei – insbesondere auch die Frage, wie der Lehrer die Zeit dafür finden soll. „Die Zeit ist vorhanden“, versichert der Sprecher der Staatskanzlei, ohne das näher zu erläutern. Immerhin sechs Doppelstunden benennt die Staatskanzlei als Aufwand, ehe der Medienführerschein in Form einer Urkunde an die Schüler ausgestellt werden dürfe. Als siebter Baustein wird sogar ein Elternabend zum Thema Internet empfohlen – aber die Erteilung des Medienführerscheins ist daran nicht gekoppelt.

Gerd Nitschke vom Grundschullehrerverband BLLV zweifelt nicht am Sinn der Unterrichtseinheiten. „Aber die Frage stellt sich schon: Ist denn die Schule für alles zuständig?“ Er glaubt, dass die Grundschulen ein Zeitproblem haben. Vor allem in der 4. Klasse „wird es schwierig, das Themenpaket unterzubringen, schließlich konzentrieren sich dort alle auf den Übertritt.“ Manche Aspekte, fügt Nitschke an, eigneten sich auch eher für weiterführende Schulen. „Themen wie Facebook, eigene Email-Adressen und ähnliches ist erst bei Zwölfjährigen richtig ein Thema.“

Es ist indes nicht das letzte Projekt, das den Grundschulen Zusatzarbeit aufhalst. Für Anfang Dezember planen Kultus- und Justizministerium eine größere Aktion zur Verbraucherbildung. „Empfehlungen“ sollen Lehrer informieren, wie sie die Themen Kaufen, Tauschen und Herstellen sowie den Umgang mit Geld und die Geldkreisläufe ihren Grundschülern nahe bringen können. Die Unterrichtseinheit für den Heimat- und Sachunterricht erinnert an den vor einigen Wochen lancierten Vorschlag von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, einen „Geldunterricht“ einzuführen – damals applaudierte die JU und schlug sogar vor, regelrechte Banker-Themen wie „private Finanzplanung, Vorsorge und Liquiditätssicherung“ in den Vordergrund zu stellen.

Die Teilnahme an der Medien- und Verbrauchererziehung ist freiwillig, wird aber allen Grundschulen in Bayern ausdrücklich nahegelegt. Womöglich wird das in den Schulen auch einmal zur Pflicht. Wie vor Jahren Englisch. Auch hier begannen die Gehversuche mit einem freiwilligen Englischunterricht für die Grundschüler als Spielerei. Mittlerweile ist das Fach ab der 3. Klasse Pflicht, wobei sich die Geister nach wie vor scheiden, wie Ludwig Unger vom Kultusministerium berichtet. „Manche sagen, es bringt was, andere raten ab“ – schließlich bauen die weiterführenden Schulen nicht auf dem in der Grundschule erworbenen Wissen auf, sondern beginnen von vorne.

„Dieses Thema schreit nach Koordination“, findet deshalb Gerd Nitschke vom BLLV. Aufgrund von umfangreichen Nachschulungen der Lehrer sei die Unterrichtsqualität heute für stark verbessert. Forderungen, Englisch zu benoten, lehnt Nitschke indes als „absolut falschen Weg“ ab – so wie es auch falsch wäre, für Medien- und Verbraucher-Erziehung Noten zu geben.

Dirk Walter

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