Poesie 2.0: Von Kurzgeschichten und Bühnenliteratur

"Ein Mixtape im Körper eines Buches geboren"

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"Martin Sieper ist Kind der 80er, Jugendlicher der 90er und das Beste von heute."
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Rosenheim - Martin Sieper ist Dichter. Ein Dichter der besonderen Art. Der Poet spricht über die Lesebühnen Bayerns, Poetry-Slams und warum der Dicke jetzt in den Tulpen liegt.

"Meine Großeltern halten nicht sehr viel von moderner Technik. Letztes Jahr haben wir ihnen zu Weihnachten einen EDV Kurs an der VHS geschenkt. Seit dem ist Oppa der festen Überzeugung, dass man mit Windows Vista den Krieg definitiv auch verloren hätte. Das geht schon so weit, dass er uns glaubhaft machen wollte aus seinem Weltenempfänger Klopfbotschaften des russischen Geheimdienstes zu empfangen, bis mein Bruder ihn darauf hingewiesen hatte, dass er Dubstep auf Sunshine Live höre." Kleine Geschichten aus dem echten Leben, ein wenig auf die Spitze getrieben, die Spezialität von Martin Sieper.

Poetry Slam - Bis einer heult

Martin Sieper ist Dichter, ein Dichter der neuen Generation. Auf sogenannten "Poetry-Slams" kämpfen die Nachwuchspoeten um die Kronen der Reimkunst, obwohl sich in den Werken der jungen Literaten eher selten das bewährte a-b-a-b, geschweige denn ein Jambus oder sogar ein Trochäus finden lässt.

Martin Sieper im Interview

Kurz zur Erklärung: Was bedeutet "Poetry Slam"eigentlich und wie bist zu dieser Art der Poesie gekommen?

Ein Poetry Slam ist eine Art moderner Dichterwettstreit, bei dem jeder die Chance hat sich mit seinen Texten oder Geschichten einem Publikum zu präsentieren. Man steht sozusagen im Wettbewerb zueinander und “kämpft” um die Gunst des Publikums. Natürlich gibt es, wie bei jedem Wettbewerb, ein paar Regeln. Zunächst mal müssen die Texte selbst verfasst sein. Man darf nicht singen, oder sich mit einem Instrument begleiten. Es geht einzig und allein um das gesprochene Wort. Darüber hinaus gibt es ein Zeitlimit, welches nicht überschritten werden darf. Sonst wird man sanft, aber bestimmt vom Moderator der Bühne verwiesen. Und am Ende kürt das Publikum einen Gewinner, der sich in Ruhm, Ehre und Anerkennung baden kann.

Wie muss man sich einen solchen Wettbewerb vorstellen?

Der Wettbewerbsgedanke spielt bei einem Poetry Slam eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Es ist ganz einfach. Du gehst mit deinem Text auf die Bühne, trägst diesen frei vor, oder liest ihn von einem Blatt ab und nach fünf bis sechs Minuten bekommst du eine Bewertung vom Publikum. Meistens gibt es zwei oder drei Vorrunden und die jeweils Gruppen-Besten treffen in einem kleinen Finale erneut aufeinander.Das wirklich Schöne ist, dass es bei einem Poetry Slam kein bestimmtes Genre gibt. Man darf wirklich alles machen. Es muss nur selbst geschrieben sein. Völlig egal ob Lyrik, Gedichte, Kurzgeschichte oder Rap. Das macht das Format für mich aus. Man kann sich kaputt lachen und bekommt im Anschluss einen nachdenklichen, lyrischen Text präsentiert. Es ist sehr abwechslungsreich.

Warum ist diese "Subkultur" immernoch verhältnismäßig unbekannt?

Man kann schon sagen, dass sich das Format Poetry Slam in den letzten Jahren in der Kulturlandschaft etabliert hat. Trotzdem finden die Veranstaltungen zumeist in Kneipen, Clubs, oder irgendwelchen Kellergewölben statt. Es ist eine starke Kontrastveranstaltung zu einer “normalen” Wasserglas-Lesung. Bei einem Slam leben die Geschichten auf der Bühne durch die direkte Interaktion mit dem Publikum. Das macht es sehr spannend. Man bekommt bei jedem Wort, jeden Satz ein unmittelbares Feedback. Trotzdem gibt es vereinzelt Poetry Slams die auch in größeren Locations stattfinden. Ich denke da an das Lustspielhaus in München, die Jahrhunderthalle in Bochum, oder die O2-World in Hamburg.

Wie bist du persönlich zum Schreiben gekommen?

Das war eine sehr lustige Sache. Mit Poetry Slam habe ich während meines Studiums angefangen. Ich habe schon immer geschrieben, aber meine Geschichten meist niemandem vorgelesen. Irgendwann fragte mich der Veranstalter einer kleinen Marburger Lesebühne, ob ich nicht auftreten mag. Ich war zu der Zeit sehr pleite und es gab Freibier. Von dem Auftritt habe ich vor lauter Aufregung irgendwie gar nichts mitbekommen. Das Publikum, welches überwiegend stark betrunken war, auch nicht. Das war Ende 2009. Meinen ersten Poetry Slam hatte ich dann 2010. Die Mutter des Veranstalters und Moderators hatte ein unfassbar gutes Buffet im Backstage Bereich hergerichtet. Als Student muss man ja sehen wo man bleibt. Das Essen war prima und der Text kam an. So bin ich dabei geblieben.

Was bedeutet Dir das Schreiben und wie kommst Du auf die Geschichten? Ein Einblick ins "wahre Leben"?

Mir bedeutet das Schreiben sehr viel. Jeder Mensch braucht ja ein gewisses Ventil, um Erlebtes zu verarbeiten. Die einen treiben Sport, andere singen, oder schreiben Tagebuch. Ich schreibe eben Geschichten. Für die Inspirationen muss man eigentlich gar nicht so weit gehen. Der Mensch neigt in den meisten Fällen dazu immer irgendwie lustig zu sein. Lustig blöd, oder einfach nur lustig. Ich treffe oft unterschiedliche Menschen, führe Gespräche, oder setze mich an die Mangfall und beobachte Menschen, schnappe Gesprächsfetzen auf. Und wenn diese spannend sind, dann schreibe ich sie auf. In meinem Fall ist aber meine Familie der größte Inputgeber. Alleine die Gesprächsthemen beim letzten Weihnachtsessen würden ein halbes Buch füllen. Das führt allerdings dazu, dass ich mittlerweile nach jedem Gespräch den Hinweis bekomme: “…aber wehe du verarscht mich jetzt wieder in einer deiner Geschichten!”  Bisher hat es mir aber niemand so wirklich krumm genommen.

Kannst Du alleine von den Auftritten leben?

Ein ganz klares Jein! Also einzig und allein von Poetry Slam- Auftritten kann man sicherlich nicht leben. Für viele ist dieses Format aber auch ein Sprungbrett zum Kabarett, oder zur Stand-Up Comedy. Einige schreiben und verlegen Bücher, oder geben Workshops an Schulen und anderen Institutionen. Es gibt da viele Möglichkeiten, aber man muss dies schon mit einer großen Leidenschaft betreiben. Von den Auftritten alleine wird man nicht reich. Man reist oftmals viele hunderte Kilometer per Bus oder Bahn für bestenfalls 10 Minuten Auftritt, Fahrtkosten und einer Flasche Sieger-Whiskey. Viele schütteln da nur verständnislos den Kopf. Es ist eben ein Hobby. Und trotzdem habe ich am 22.4. mein erstes Buch “Zurückgespult - Analoggeschichten in Stereo” im Blaulicht Verlag veröffentlicht. Es ist eine Sammlung von 29 lustigen Kurzgeschichten über das Leben eines etwas moppeligen, jungen Menschen, der wirklich rein zufällig “Ich” heißt. Eine Reise von der Geburt, über die Schule, der Schwimmprüfung, Konflikte mit den Eltern, bis hin zum Leben in einer WG mit einem doch sehr abstrusen Mitbewohner.

​"Slammen in der Stadtbücherei"

Wer einen Poetry Slam einmal selbst hautnah miterleben möchte, hat dazu das nächste Mal Mitte Oktober in der Stadtbücherei Rosenheim die Möglichkeit dazu. Bei der letzten Veranstaltung konnte sich Martin Sieper hier sogar den Sieg sichern.

Quelle: rosenheim24.de

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