Zwickmühle durch Coronavirus

Sorge, Ängste, Verantwortung: Das beschäftigt die Zahnärzte der Region

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Zahnärzte können bei der Behandlung der Patienten keinen 1,5-Meter-Sicherheitsabstand einhalten. Dennoch praktizieren sie weiter.

Landkreis - Während viele Betriebe ihre Arbeit einstellen mussten, sind Zahnärzte auch in Bayern immer noch für ihre Patienten da. Allerdings arbeiten genau sie dort, "wo Corona rauskommt". Nicht ganz einfach, wie uns von mehreren Seiten bestätigt wurde.

"Es ist einfach nur traurig, dass die Regierung über alle spricht, aber nicht an die denkt, die wirklich noch an älteren Personen arbeiten", schildert Zahnarzthelferin Martina ihre Ängste rosenheim24.de. "Wir arbeiten nur noch an den Patienten deren Termine wir leider nicht verschieben können, weil wir unsere Patienten ja auch nicht auf unbestimmte Zeit mit Schmerzen hängen lassen wollen." Martina selbst ist deshalb hin- und hergerissen: "Auf der einen Seite hab ich Respekt vor dem Virus und will nicht krank werden, andererseits will ich auch noch ein bisschen Normalität."


Eine Normalität, die zur Zeit wohl in keinem Bereich besteht. Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns hat im Bayerischen Zahnärzteblatt verkündet: "Die bayerischen Zahnärzte lassen ihre Patienten auch in der Krise nicht im Stich. Wir stellen zumindest die Versorgung von Schmerzpatienten trotz der weltweiten Corona-Pandemie sicher."

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Doch auch diese Sicherstellung ist an hygienische Vorgaben gebunden. "Einerseits müssen wir die zahnmedizinische Versorgung der Bevölkerung aufrechterhalten, andererseits müssen wir uns selbst, unsere Mitarbeiter und die Patienten schützen", appelliert Dr. Rüdiger Schott, der stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns.


Zahnärzte zu Zeiten von Corona: "Wir arbeiten nur mit langsam laufenden Geräten"

Florian Gierl, Freier Obmann des Berchtesgadener Landes im Zahnärztlichen Bezirksverband Oberbayern, behandelt deshalb bereits deutlich weniger Patienten als sonst. "Wir halten uns an die Leitlinien, was verschoben werden kann, wird verschoben." Dazu gehören vor allem Prophylaxe- und Kontrolltermine. "Wer Schmerzen hat oder bereits in einer Zahnersatzbehandlung steckt, wird behandelt", versichert Gierl.

Dabei wird aber darauf geachtet, möglichst wenig Aerosol zu produzieren. "Wir arbeiten nur mit langsam laufenden Geräten." Auch die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns empfiehlt:

  • die Verwendung von Ultraschallhandstücken, piezoelektrischen Ultraschall- und Chirurgiegeräten vermeiden.
  • die Verwendung von Pulverstrahlgeräten (z.B. „Air-Flow“) vermeiden
  • die Verwendung von Turbinen vermeiden
  • Antiseptische Mundspülungen können dazu beitragen, eine Infektionsübertragung zu minimieren
  • in Abhängigkeit von Art und Umfang der Exposition und des Infektionsrisikos entsprechende persönliche Schutzausrüstung konsequent und ordnungsgemäß tragen. Die zusätzliche Verwendung von Visieren/Schutzschilden bei der zahnärztlichen Behandlung kann die Sicherheit weiter erhöhen.

Weiterhin sollte jede Form der Behandlung von Risikogruppen (Senioren, multimorbide Patienten, immunsupprimierte oder immunreduzierte Patienten oder anders einschlägig gesundheitlich vorgeschädigte Patienten) auf ein absolut notwendiges Maß reduziert werden, besonders um Kontakte im Wartezimmer oder in der Praxis zu vermeiden. Patienten, die unter Quarantäne stehen, und/oder infiziert sind, sollen sich an das zuständige Gesundheitsamt wenden.

Zahnarzthelferin appelliert: "Entscheiden Sie sich gegen einen Zahnarztbesuch"

An diesen Ratschlag hält sich Florian Gierl. In seiner Praxis in Bad Reichenhall bemüht er sich mit seinem Team, Termine so zu vergeben, dass die Patienten im Wartezimmer nicht aufeinander treffen. Doch der Appell von Zahnarzthelferin Astrid, die sich ebenfalls an rosenheim24.de gewandt hat, geht an die Vernunft der Patienten: "Entscheiden Sie sich gegen einen Zahnarztbesuch." Denn sie fühlt sich nicht ausreichend geschützt. "Die Zahnärzte schauen natürlich, dass sie Umsatz machen ohne Rücksicht auf uns", so ihre Kritik.

Dem stehen die Vorgaben der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns und der Bayerischen Zahnärztekammer entgegen. "Das Wichtigste in dieser noch nie dagewesenen Situation ist, dass die Ärzte, ihre Angehörigen und ihre Mitarbeiter gesund bleiben. Sie sollen keine unnötigen Risiken eingehen und die Handlungsempfehlungen des Robert-Koch-Instituts befolgen. Sicherstellung ja, aber der Selbstschutz hat im Zweifel Vorrang."

Die Vereinigung und die Kammer versprechen den Zahnärzten dafür hohe Teilzahlungen – unabhängig davon, ob und wie viele Fälle abgerechnet werden. Das sollte vorerst "die dringend notwendige Liquidität der Praxen" sichern. Außerdem wird mit Politik und Krankenkassen verhandelt, wie die Existenz der Praxen langfristig gesichert werden könne.

Flächendeckender Notdienst unter der Woche in Bayern

Auch wenn im Berchtesgadener Land noch keine Praxis aufgrund von zu wenig Hygienematerial schließen musste, sind es bayernweit bereits 190 Praxen. Eine Maßnahme der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns und der Bayerischen Zahnärztekammer ist für Schmerzpatienten daher sehr wichtig: "Wir haben am 19. März 2020 beschlossen, einen flächendeckenden Notdienst unter der Woche einzurichten. 

Praxen, die nicht mehr behandlungsfähig sind, müssen sich jetzt nicht mehr selbst um eine Vertretung kümmern. Die KZVB veröffentlicht eine Liste der behandlungsbereiten Notdienst-Praxen." Rund 80 Prozent der bayerischen Praxen verfügt weiterhin über die notwendige Ausstattung (Mundschutz, Handschuhe, Schutzbrille und Desinfektionsmittel) und nehmen am Notdienst unter der Woche teil.

Ein kleiner Trost für Martina, Astrid und auch Florian Gierl ist es, dass bisher in Deutschland kein Fall bekannt ist, bei dem ein Mitarbeiter in einer Zahnarztpraxis oder ein Zahnarzt durch die Berufsausübung infiziert wurden. Gierl ist sich aber sicher: "Langfristig werden wir eine Infektion nicht vermeiden können."

cz

Quelle: BGland24.de

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