Leerer Sitzplatz in Mittelschule Unterwössen

Tiroler Abschlussschüler (16) darf nicht zum Unterricht über die Grenze

Nun steht Evelyn N. allein am Grenzübergang in Schleching. Sie lebt mit ihrer Familie in Kössen und rief bei sämtlichen Stellen bis ins Kultusministerium an, damit ihr Sohn ab Montag als Schüler der Abschlussklasse wieder die Mittelschule in Unterwössen besuchen darf – ohne Erfolg.
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Nun steht Evelyn N. allein am Grenzübergang in Schleching. Sie lebt mit ihrer Familie in Kössen und rief bei sämtlichen Stellen bis ins Kultusministerium an, damit ihr Sohn ab Montag als Schüler der Abschlussklasse wieder die Mittelschule in Unterwössen besuchen darf – ohne Erfolg.

Wenn am kommenden Montag die Abschlussschüler der 9. Klassen der Mittelschule Unterwössen wieder in ihre Klassenzimmer zurückkehren, bleibt einem der Zugang verwehrt: dem 16-jährigen Carlos N. (Name der Redaktion bekannt).

Unterwössen/Kössen – Er lebt mit seiner Familie in Kössen in Tirol. Fast das gesamte österreichische Bundesland gilt seit Sonntag Mitternacht als Virusvariantengebiet, die Einreise nach Bayern ist nur noch wenigen Pendlern aus systemrelevanten Berufen möglich. Für Schüler ist keine Sonderregelung vorgesehen, Carlos N. bleibt im Distanzunterricht (plus-Artikel auf ovb-online.de). Seine Enttäuschung ist groß.

Mutter versuchte, alle Hebel zu bewegen

Stunden des Hoffen und Bangens liegen hinter ihr, als Evelyn N. vom Staatlichen Schulamt in Traunstein am Freitag Mittag die Nachricht erhält, dass ihr Sohn ab Montag nicht über die Grenze kommt und seine Schule in Unterwössen besuchen darf.Sein Vater arbeitet im Achental, deshalb geht der junge Mann in Unterwössen zur Schule.

„Das bedeutet, dass mein Sohn weiterhin zuhause bleiben muss“, so Evelyn N. Sie hatte am Donnerstag noch versucht, alle Hebel in Bewegung zu setzen, als sie das erste Mal erfuhr, dass dies so kommen wird.

Die psychische Belastung ist groß für den 16-Jährigen

Schlimm sei für ihren Sohn vor allem die psychische Belastung. „Er fühlt sich ausgegrenzt, er hatte Tränen in den Augen“, erzählt sie von dem Moment, als die Nachricht per Telefon eintraf. „Er empfindet das wie eine Strafe, er wäre total gerne wieder in die Schule zurückgekehrt.“

Seine Freunde lebten in Bayern und seit Monaten habe er sie nicht mehr sehen können. Er habe sich so sehr darauf gefreut, in der Schule wieder jemanden persönlich zu treffen.

Einreisebeschränkung wird „gnadenlos durchgezogen“

„Klar ist nur eine Minderheit von den Regelungen betroffen, aber was ist, wenn wir uns plötzlich nicht mehr um Individuen kümmern“, so Evelyn N., die aus Rücksicht auf ihren Sohn den vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

„Man hätte doch zumindest eine 20-Kilometer-Regelung finden können“, sagt sie mit Resignation in der Stimme. „Aber das wird eiskalt durchgezogen, gnadenlos. Wenn er über die Grenze geht, muss er in Quarantäne.“

Das Nein zu dem Fall kam vom Kultusministerium selbst

Schulamtsdirektorin Monika Tauber-Spring erklärt im Gespräch mit unserer Zeitung, dass sie die Angelegenheit am Donnerstag nach dem ersten Anruf von Evelyn N. sofort an die Regierung von Oberbayern weitergeleitet habe.

Die Behörde habe am Freitagvormittag in einem internen Gespräch den Fall geprüft. Vom Kultusministerium sei die Antwort ein klares Nein gewesen. Eine Einreise für Schüler aus Tirol sei nicht möglich – nicht ohne zehntägige Quarantäne.

„Bedauerlich, leider kann nichts machen“

„Da kann man leider nichts machen, es ist bedauerlich, das ist überhaupt keine Frage“, so Tauber-Spring. Die Entscheidung sei an oberster Stelle getroffen worden. „Wir haben alles getan, was wir tun konnten.“ Der 16-Jährige müsse nun als einziger Schüler der Klasse im Distanzunterricht bleiben, werde aber von der Schule mit Material versorgt.

„Wir wissen alle nicht, wie lange die Abschlussklassen überhaupt im Präsenzunterricht bleiben können“, versucht sie die Sache zu relativieren. „Wenn der Inzidenzwert im Landkreis Traunstein wieder über 100 geht, müssen alle wieder in den Distanzunterricht.“ Ausnahmen gebe es nur für die Abschlussschüler der Gymnasien und der beruflichen Abschlussklassen, bei denen die Prüfungen bald bevorstehen.

Der Unterwössener Schulrektor Otto Manzenberger sagte zu unserer Zeitung: „Es tut mir Leid für den Schüler.“ Er werde weiterhin betreut. Dies sei zwar nicht parallel zu den Unterrichtszeiten in der Schule möglich, doch nach Schulschluss würden sich Klassen- und Fachlehrer mit dem 16-Jährigen in Verbindung setzen, ihn mit Unterrichtsmaterial versorgen und für Fragen zur Verfügung stehen.

Außerdem werde sich die Jugendsozialarbeiterin mit ihm in Verbindung setzen, sofern er sich gerne mit einer außerschulischen Person austauschen möchte. „Wir versuchen, das Optimale für ihn herauszuholen. Wir werden von schulischer Seite versuchen, alles möglich zu machen.“

Lüftungsanlage und zusätzliches Zimmer ausgeräumt

Manzenberger berichtet, dass die Abschlussklasse in Anbetracht ihrer besonderen Anforderungen durch die anstehenden Abschussprüfungen bisher die meisten Präsenztage gehabt habe. Die Gemeinde habe im Klassenzimmer in eine Lüftungsanlage investiert, für den Unterrichtsstart der Abschlussklasse kommenden Montag sei ein weiterer Raum ausgeräumt worden, damit alle Abstände eingehalten werden können.

Videokonferenzen und reger direkter Austausch zwischen Lehrern und Schülern

Der Distanzunterricht sei von den Lehrern mit täglich mehreren Videokonferenzen und allen modernen Möglichkeiten intensiv durchgeführt worden. Die Lehrer seien mit den Schülern zu allen Tageszeiten im direkten Austausch gewesen. Für Carlos N. ändert sich daran vorerst nichts – im Gegensatz zu seinen Mitschülern.

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