Trotz 15-jährigem Mietvertrag sind sie am 1. Dezember obdachlos

Sohn und Mutter aus Siegsdorf vor Zwangsräumung: „Kämpfen um unsere Existenz“

Andreas M. aus Siegsdorf droht die Obdachlosigkeit. Am 1. Dezember steht die Zwangsräumung an.
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Andreas M., der einen 15-jährigen Mietvertrag für ein Haus in Siegsdorf unterschrieben hat, droht die Obdachlosigkeit. Am 1. Dezember steht die Zwangsräumung an.

Siegsdorf – Andreas (42) und Irmgard M. (64) droht der Rauswurf aus ihrem Mietshaus in Siegsdorf, obwohl sie einen 15-jährigen Vertrag unterschrieben haben. Seit Jahren kämpfen sie um ihr Überleben, die Zwangsräumung wäre wohl das endgültige Aus.

Anfang November kam das Schreiben vom Vollzugsrichter, Andreas und Irmgard M. sollen zwangsgeräumt werden. „Wir kämpfen gerade um unsere Existenz. Am 1. Dezember wird eine Spedition kommen und unser Hab und Gut mitnehmen. Danach sind wir obdachlos“, so Andreas M. gegenüber chiemgau24.de. Die Kündigung selbst bezeichnen beide als eine Sittenwidrigkeit, da der Mietvertrag 2017 seitens Vermieter unter falschen Angaben auf die Laufzeit, sowie unter falschen Voraussetzungen zustande kam.


Zwangsräumung trotz 15-Jährigen Mietvertrag: Andreas und Irmgard M. aus Siegsdorf kämpfen um Existenz

Denn eigentlich hatte der Sohn 2017 einen Mietvertrag über 15 Jahre unterschrieben. „Durch den Zusatz einer zweifelhaften Klausel wurde das Mietverhältnis auf ein halbes Jahr reduziert. Das ist eine klassische Mietfalle“, so Irmgard M.. Dies war auch das Ergebnis einer juristischen Überprüfung der Rechtsschutzversicherung. Ihnen sei somit 2017 eine 15-jährige Laufzeit vorgegaukelt worden, da aktuell diese Befristung vor Gericht seitens des Vermieters als unwirksam erklärt wurde. „Ohne Begründung ist das Gericht diesem zweifelhaften Vortrag sowie der fragwürdigen Klausel gefolgt“, ärgert sich die 64-Jährige.


Bei befristeten Mietverträgen sei grundsätzlich keine Kündigungsform möglich. „Nur bei schuldhaft vertragsbrüchigem Verhalten der Mieter sind Kündigungen umsetzbar, was in unserem Fall nicht zutrifft“, so die Mutter. Zwar hätten sie 2018 unverschuldet mehrfach die Miete nicht rechtzeitig zahlen können, aber sie haben immer Bescheid gegeben und nachgezahlt. Der Vermieter konnte auch bis vor kurzem damit leben. Offene Mietschulden gibt es seit zwei Jahren nicht. Der Räumungsgrund unterliege einer völlig anderen Motivation, welche mit der angegebenen Unwirksamkeit der Befristung zusammenhängt und noch juristisch geklärt werden müsste.

Unfall, Familiendrama und Stalker

Der Sohn und die Mutter haben sich bewusst für den langen Zeitraum entschieden. Denn ihr Leben verlief bisher nicht gerade einfach. „Andreas hatte im Jahr 2000 einen schweren Unfall gerade noch überlebt. Das Haus sollte einen gesicherten und geschützten Rückzugsort bilden, wo seine Seele und Psyche zur Ruhe kommen und heilen kann“, schildert Irmgard. 2011 gab es zudem ein Familiendrama als die Oma von Andreas starb. „Nur drei Stunden nach der Totenscheinausstellung wurde ich von jetzt auf gleich von meiner Tante vom Reiterhof verjagt, den ich mit meiner Oma knapp 25 Jahre bewirtschaftet hatte - mit den Worten: Andy du hast lang genug in dem Haus mietfrei gelebt, wenn du heute nicht gehst, dann morgen, aber dann mit der Polizei“, erinnert sich der 42-Jährige.

Hinzu kommt, dass die Familie seit 2013 von Stalkern belästigt wird. An ihrem Auto wurden beispielsweise mehrfach Seitenspiegel zerschlagen, das Cabriodach zerschnitten, von Reifen bis zu 40 mal die Luft entfernt oder wie gerade vor 14 Tagen Reifen zerstochen. Von Diebstahl, Körperverletzung, Einbruch bis hin zu lebensbedrohlichen Übergriffen war alles dabei. Mehrere fluchtartige Umzüge unter Adressenverschluss halfen hier nichts. „Das ist seit Jahren eine unerträgliche Belastung für uns. Wir haben zwar den Rechtsweg eingeschlagen, der ist allerdings nicht nur sehr mühsam, sondern auch sehr nerv- und zeitraubend“, schildern beide.

Seit 2013 wird die Familie offenbar von Stalkern belästigt. Vor 14 Tagen wurde beispielsweise ein Autoreifen zerstochen.

Zudem haben sie keinen Anwalt, da im Strafrecht kein Rechtsschutz greift, aber bei solch langwierigen Prozessen enorme Kosten entstehen. Das könnten sie sich nicht leisten und Opferanwälte sind zudem sehr schwer zu bekommen. Bislang bearbeitet die 64-Jährige alle juristischen Schritte selbst und fertigt 90 Prozent aller Strafanträge, Klagen usw. ohne Anwalt an. „Eigentlich bräuchten wir dringend einen Anwalt, der uns bei allen Themen ehrlich und fachgerecht unterstützt“, weiß auch Frau M., aber solange die Kostendeckung noch nicht geklärt ist, muss sie alleine durchhalten.

Existenz steht auf dem Spiel

Am 1. Dezember steht nun die Räumung an, welche die Existenz beider komplett zerstören würde. Die gesamten juristischen Arbeiten könnten nicht mehr bearbeitet werden und Ende des Jahres droht bei vielem die Verjährung. Der Arbeitsplatz plus Selbständigkeit von Andreas stehe zudem auf dem Spiel und damit das gesicherte Einkommen. „Die Zwangsräumung kostet uns wohl auch noch über 20.000 Euro. Unser Hab und Gut würde dem Vermieter als Pfand stehen. Alle Pflanzen und Unveräußerbares wird einfach entsorgt. Damit wären wir bis auf unser letztes Hemd ruiniert“, so die Mutter.

Zwar gibt es seitens der Gemeinde einen Container für eine vorübergehende Obdachlosenunterbringung, der allerdings nur zehn Quadratmeter groß ist. Pro Person darf in diesem Fall auch nur ein Koffer mitgenommen werden. Auch Haustiere sind nicht erlaubt. Die geliebte Katze „Miezi“, zwölf Jahre alt, müsste somit ins Tierheim oder eingeschläfert werden.

Andreas M.: „Keinen Grund, wofür es sich dann noch zu leben lohnt“

Für Andreas ist das alles keine Option. Sollte es dazu kommen, habe er keinen Lebenswillen mehr. Er kämpfe schon über Jahre täglich ums nackte Überleben und arbeite zum Teil Tag und Nacht, trotzdem werde es immer schlimmer. Noch dazu fehle ihnen von juristischer Seite brauchbare Hilfe. „Wir laufen Gefahr, dass die Straftäter mit deren sechsstelligen Schädigungen nicht voll zur Verantwortung gezogen werden. Ich bin inzwischen einfach nur ausgebrannt und kraftlos. Sollte es für uns tatsächlich kein normales Leben mehr geben, wüsste ich keinen Grund, wofür es sich dann noch zu leben lohnt“, schildert Andreas M. ganz nüchtern. Der derzeitige Ist-Zustand sei bereits ein kriegsähnlicher Überlebenskampf- von einem Elend in das Nächste und ein Ende steht in weiter Ferne.

Michael Maurer von der Caritas Traunstein versuchte in den letzten Monaten zwischen den Parteien zu vermitteln. „Nachdem dem Vermieter aktuell keinerlei Schaden entstanden ist, jeden Cent seiner Miete erhalten hat und auch sonst keine Kritikpunkte vorlegen kann, wirkt die Durchsetzung der Zwangsräumung für mich als unverhältnismäßig hartes Vorgehen“, so Maurer in einem Brief an alle Beteiligten. Eine Duldung wäre für ihn wünschenswert, da die Wohnungssuche im Landkreis Traunstein sich derzeit sowieso als sehr schwierig gestaltet.

Das Amtsgericht Traunstein lehnt jedoch eine weitere Duldung ab. Nach Ansicht des Gerichts ist der gestellte Antrag unbegründet, weil trotz der Einschränkungen durch Corona eine Wohnung zu finden ist. Der Vermieter habe dem Gericht auch seine schützenswerten Interessen glaubhaft dargelegt. Sein Schutzbedürfnis sei voll und in erster Linie zu berücksichtigen, heißt es in dem Schreiben. Auch der schlechte Gesundheitszustand sei kein Grund die Härteklausel anzuwenden, da es normal ist, dass eine Räumung eine gesundheitliche Belastung darstellt.

Die Zeit drängt, eine Lösung nicht in Sicht

„Wir haben nichts verbrochen. Wir wünschen uns lediglich eine menschlich, niveauvolle Umgangsweise mit der Chance unser ganzheitliches Überleben zu erhalten oder bestenfalls sogar zu sichern“, so Irmgard M.. Direkte Anlieger empfinden sie als angenehme Nachbarn und können den Vermieter nicht im Geringsten in seinem Handeln verstehen. Warum sich der Vermieter nicht persönlich mit ihnen zusammensitzt, um eine gemeinsame Lösung zu Gunsten aller Beteiligten zu finden, wissen sie nicht. Mehrere Anfragen an den Vermieter von chiemgau24.de blieben bislang unbeantwortet.

An der Bereitschaft auszuziehen mangelt es nicht. „Wir suchen dringend ein ländliches Anwesen in der Region Siegsdorf“, erzählt Irmgard M.. In einem solchen hätte sie genügend Platz für ihren Tierschutzverein. Derzeit kümmert sich die 64-Jährige um 55 Igelbabys, welche den Winter draußen nicht überlebt hätten. Die Arbeit mit Tieren liegt ihnen sehr am Herzen, hierin finden wir Sinn und Freude. Auch der Einsatz für die Tiere scheint in Gefahr. „Aus einem Container heraus, nur mit einem Koffer weniger Habseligkeiten dabei, ist ein normales Leben chancenlos vorbei. Solange wir am Boden gehalten werden gibt es keine lebenswerte Zukunft für uns“, so die 64-Jährige. In einem Anwesen mit den Tieren wäre eine Basis geschaffen, auf welcher man aufbauen könnte. Besonders Andreas könnte nach einem Jahrzehnt voller Qualen endlich zur Ruhe kommen und neue Lebensfreude erleben.

jz

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