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Wie sich die Ruhpoldingerin für Inklusion stark macht

„Habt einfach keine Berührungsängste“: Was uns Miriam (23) mit auf den Weg geben will

Die 23-jährige Miriam Kurz aus Ruhpolding sitzt wegen eines Sauerstoffmangels während der Geburt im Rollstuhl.
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Die 23-jährige Miriam Kurz aus Ruhpolding sitzt wegen eines Sauerstoffmangels während der Geburt im Rollstuhl. Jetzt will sie anderen Menschen mit Behinderung ihre Hilfe anbieten.

Menschen mit Handicaps gehören längst dazu? Mitnichten, sagt Miriam Kurz aus Ruhpolding. Die 23-Jährige berichtet aus ihrem Leben im Rollstuhl - und gibt uns Tipps, was wir alle besser machen können.

Ruhpolding - „Manche meinen, nur weil ich im Rollstuhl sitze bin ich schwerstbehindert und kann gar nichts. Aber so ist es nicht. Geht doch einfach ganz normal mit mir um.“ Miriam Kurz ist eine Frau, die sich viele Gedanken macht über die Welt in der sie lebt. Und sie nennt die Dinge beim Namen. Spricht ohne Scheu und Zurückhaltung über das was sie will, was sie stört, was sie hindert. Die Ruhpoldingerin kam als Vierling auf die Welt. Ein Sauerstoffmangel bei der Geburt hinterließ Schäden im zentralen Nervensystem. Heute ist Miriam Kurz auf den Rollstuhl angewiesen und weil die rechte Hand nicht bei allem mitmacht, braucht sie manchmal Hilfe bei der Körperpflege oder beim Zubereiten des Essens.

Miriam Kurz aus Ruhpolding: „Den Mensch hinter ‚der Rollstuhlfahrerin‘ sehen“

Anfangs, als Miriam zusammen mit ihren drei Schwestern in die Grundschule ging, war vieles noch normal. „Für die Mitschüler war es null komma null ein Problem. Sie waren ja von Anfang an mit mir konfrontiert“, erzählt die heute 23-Jährige beim Besuch von chiemgau24.de, obwohl sie die einzige Schülerin mit Handicap in der Klasse war. „Was ich konnte fanden die anderen Kinder cool. Und wenn ich wo nicht mitmachen konnte, haben wir‘s halt gelassen.“ Erst nach der Grundschule, in einem Förderzentrum, sei der Fokus viel mehr darauf gelegt worden, was Miriam alles nicht kann. Auch ihre Mutter bezeichnet den Gang ins Förderzentrum rückblickend als „großen Fehler“.

Und genau darum geht es Miriam heute. Dass der Mensch hinter „der Rollstuhlfahrerin“ gesehen wird, das ist es, was die Ruhpoldingerin von anderen verlangt. „Geht einfach ganz normal mit mir um. Und nicht ewig gaffen.“ Ja, das Gaffen passiere noch immer, interessanterweise vor allem in der Großstadt. Natürlich brauche auch sie im Alltag manchmal Hilfe von Fremden und wünscht sich da mehr Offenheit. Hilfe, um in manchen Zug zu kommen oder wenn eine unvorhergesehene Stufe im Weg ist. Miriam kann ein Lied davon singen, wie Luft behandelt zu werden. Wenn Leute lieber mit ihrer Mutter über sie reden - obwohl sie direkt daneben ist.

Viele Absagen im Berufsleben - „Hat es eher mit meiner Behinderung zu tun?“

„Je mehr Absagen ich bekommen hatte, umso mehr dachte ich mir, das hat ja gar nichts mit mir zu tun, sondern mit meiner Behinderung“, erzählt Miriam von ihrem weiteren Leben nach der Schule. 70 bis 80 Bewerbungen hatte sie geschrieben um eine Lehrstelle in der Region zu finden. Vergeblich. Und das obwohl die Agentur für Arbeit den Unternehmen Hilfen anbot. In München hatte sie schließlich Erfolg. Heute arbeitet Miriam Kurz als gelernte Bürokauffrau in einer inklusiven Schule in Oberaudorf. Aber es war ein langer Weg mit vielen Praktika und Rückschlägen bis dorthin.

Die Familie Kurz aus Ruhpolding.

Ein Beispiel: In einem Fall, als Miriam in die engste Bewerberauswahl kam, verzichtete der Arbeitgeber - eine öffentliche Behörde - dann lieber gleich darauf, die Stelle überhaupt zu besetzen. Denn bei gleicher Eignung müssen Arbeitgeber freie Stellen an schwerbehinderte Bewerber bevorzugt vergeben. „Es geht darum, dem Menschen zuzutrauen, eine Ausbildung oder einen Job zu schaffen.“ Aber oft würde sich herausgeredet, erzählt die 23-Jährige: die Toiletten wären für Rollstuhlfahrer zu klein oder Treppen im Gebäude würden den Job unmöglich machen. „Unternehmen sollen nicht denken, wir bräuchten so viel Hilfe und dass sie das nicht stemmen könnten. Habt einfach keine Berührungsängste!

Betroffene können mit Miriam Kontakt aufnehmen

Auch wenn sie in manchen Fällen als Ausrede hergenommen werden mag: Barrierefreiheit ist ein großes Thema. „Allein die Suche nach dem richtigen Hotel für den Urlaub dauert bei mir Stunden.“ Ist die Dusche wirklich ebenerdig? Gibt es dort Hocker und Griffe? In beratender Funktion für Hotels oder Reisebüros zu arbeiten, das wäre ein Traumjob für die Ruhpoldingerin. Denn sie ist weitgereist und weiß, wovon sie spricht - nämlich, dass das Label „barrierefrei“ für die Betroffenen oft nicht hält, was es verspricht.

Ziele hat Miriam Kurz viele. Für sich selbst und in Hinblick auf Menschen, denen es ähnlich geht. Zum einen würde sie gerne ein Buch schreiben, über ihr Leben, ihre Probleme, über die Wünsche von Menschen mit Behinderungen und mit Tipps für alle, die ohne ein solches Handicap leben dürfen. Zum anderen will sie sich in Zukunft ganz praktisch noch mehr für Inklusion einsetzen. Über ihre E-Mail-Adresse Miriam_Kurz@web.de soll sich auch jetzt schon jeder an sie wenden, der nach Rat beim Thema Inklusion sucht.

xe

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