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Weitsee, Mittersee und Lödensee

Ekelhafte Erinnerungen im Gebüsch: Keine Toiletten im Drei-Seen-Gebiet

Bayerisch-Kanada wird die Region um die drei Seen zum Teil genannt. Geyer
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Bayerisch-Kanada wird die Region um die drei Seen zum Teil genannt.

Wunderschön ist es in „Bayerisch-Kanada“. Nur wenn man mal muss, dann wird‘s schwierig. Denn im Naturschutzgebiet zwischen Reit im Winkl und Ruhpolding gibt es zwar zahlreiche Besucher – aber keine Toiletten.

Reit im Winkl/Ruhpolding – Glasklares Wasser, tiefgrüne Bäume und und die anthrazitfarbenen Felsen und Zacken der Hörndlwand. Recht viel schöner als im Drei-Seen-Gebiet geht es im Chiemgau kaum. Kein Wunder, dass der Weitsee und seine Nachbarn im Naturschutzgebiet im Sommer hunderte Badegäste anziehen. Klar, dass es rund um die Seen Hundestationen gibt. Was fehlt, sind hingegen Toiletten für Zweibeiner.

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Dabei ist die Vegetation dort aus guten Gründen geschützt. „Beispielsweise wachsen auf flachgründigen moorigen Böden am Ostufer des Weitsees Pfeifengras-Streuwiesen mit Vorkommen der sibirischen Schwertlilie, und ein großer Teil des Seegrunds ist in den flachen Zonen mit Unterwasservegetation bedeckt“, so die Auskunft der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Traunstein.

Wer öfter im Naturschutzgebiet unterwegs ist, stellt aber fest, dass viele Badende die Regeln ignorieren. Von zugeparkten Straßen und Wanderwegen ganz abgesehen. Am Mitter- und am Lödensee sei das Baden grundsätzlich erlaubt, die Vegetation sei dort unempfindlicher. Mit einer Einschränkung: „Etwas abseits der Ufer befinden sich auch hier sehr hochwertige, artenreiche Pflanzengesellschaften, die von je her extensiv beweidet werden und die zu ihrem Erhalt auch auf diese Beweidungsform angewiesen sind.“

E-Biker und Stand-Up-Paddler

Der letztjährige Corona-Sommer tat sein übriges. Viele Einheimische beschwerten sich über die Zustände an den Seen. Von illegalen Campern und Stand-Up-Paddlern war dort die Rede. Dass die Besucherzahlen im Drei-Seen-Gebiet zugenommen haben, räumt auch das Landratsamt Traunstein ein, „insbesondere durch Fahrrad- und E-Bikefahrer“.

Forst möchte Toiletten

Eine einfache Formel: Je mehr Menschen dort sind, desto mehr hinterlassen sie in der Natur. Zwischen den Bäumen nahe dem Uferbereich finden sich im Sommer allerorts Taschentücher in diversen Verfallszuständen. Und eben auch menschlicher Kot. Unsichtbar sind die Urinspuren, die Menschen im See hinterlassen, jedoch nicht weniger fatal. „Alles was in den See geht, bringt das ökologische Gleichgewicht durcheinander“, sagt Forstbetriebsleiter Paul Höglmüller.

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Für ihn ist es ein Unding, dass trotz der Besucherzahl keine öffentlichen Toiletten vorhanden sind. „Wir fordern seit Jahren, das Problem zu lösen“, sagt Höglmüller.

Hundetoiletten sind vorhanden, wobei hier oft Hausmüll abgeladen wird.

Nachgefragt bei Bürgermeister Justus Pfeifer (CSU) in Ruhpolding. „Ich habe auch schon Beschwerden über die fehlenden Toiletten bekommen“, sagt der Bürgermeister. Wobei sein Fokus bisher auf der schwierigen Parksituation gelegen hat: „Bisher war die Bundesrepublik Deutschland Grundstückseigentümer der Parkplätze. Dadurch hatte die Gemeinde diesbezüglich kaum Möglichkeiten, tätig zu werden.“

Parkgebühren auf Ruhpoldinger Seite

Nun habe man sich mit dem Bund einigen können und ein Parkplatzkonzept erarbeitet, auch das Thema Toiletten stehe auf der Agenda, wobei das angesichts fehlender Wasser- und Kanalanschlüsse nicht so leicht sei. „Mittlerweile gibt es aber sehr innovative, naturverträgliche und geruchsneutrale Lösungsmöglichkeiten“, sagt Pfeifer, ohne konkrete Ansatzpunkte zu nennen.

Ab dem kommenden Jahr werden auf der Ruhpoldinger Seite Parkgebühren am Mittersee und am Lödensee erhoben. Um ein Parkchaos zu verhindern, stimme man sich mit den Kollegen in Reit im Winkl ab, so Pfeifer.

Unterschiede zwischen den Gemeinden

Wobei die Gemeinden eine unterschiedliche Ausgangs- und Interessenslage haben. „Bei uns am Weitsee ist die Situation ein bisschen anders als an den Ruhpoldinger Seen“, sagt Reit im Winkls Bürgermeister Matthias Schlechter (CSU). Denn die Gemeindegrenze verläuft mitten im Drei-Seen-Gebiet. „Dadurch, dass es am Weitsee nicht so viele Parkplätze gibt, können nicht so viele Menschen an den See kommen“, erklärt Schlechter. Zumal es dort nur drei Stellen gebe, an denen man Baden dürfe. „Das reguliert sich eigentlich bislang ganz gut“, sagt der Bürgermeister.

Der Weitsee werde auch nicht als Badesee beworben. Schlechter räumt allerdings ein, dass er derzeit angesichts fehlender Toiletten nicht barfuß in den Wald hinter der Badestelle gehen würde. Deshalb wolle man in Reit im Winkl Toiletten schaffen, aber nur, wenn der Haushalt dadurch nicht belastet werde. Parkgebühren seien derzeit kein Thema.

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Der Bund Naturschutz hat in erster Linie ein Interesse daran, dass weniger Gäste ins Drei-Seen-Gebiet kommen. „Der Badebetrieb ist immer mehr geworden in den vergangene Jahren“, sagt die Kreisvorsitzende Beate Rutkowski. Wobei sie weder für ein Badeverbot plädiert, noch für fest installierte Toiletten: „Dann kommen noch mehr Leute. Außerdem sind wir gegen Bauten im Naturschutzgebiet.“ Sie bedauert, dass das mit dem zunehmenden Tourismus die Natur immer mehr leide – nicht nur im Drei-Seen-Gebiet.

Plumpsklos am anderen Seeufer

Nicht verschwiegen werden soll, dass es auch im Drei-Seen-Gebiet eine Möglichkeit gibt, auf verträgliche Art und Weise sein Geschäft zu hinterlassen. Bei der Langlaufhütte am Mittersee gibt es Plumpsklos. „Ein paar von denen sind auch im Sommer offen“, sagt Pächterin Maria Gruttauer. Allerdings weit entfernt von den Parkplätzen und den beliebtesten Badestellen.

So gefährlich sind Kot, Urin und Müll für die Natur

Nicht nur grausig, sondern auch gefährlich sind die Hinterlassenschaften von Besuchern im Drei-Seen-Gebiet, heißt es auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung aus dem Landratsamt Traunstein: „Auf nährstoffarmer Vegetation haben die Hinterlassenschaften eine unerwünschte Düngewirkung, stellenweise sind auch Bleichprozesse an der Vegetation festzustellen.“ Kerstin Staton, stellvertretende Leiterin des Wasserwirtschaftsamtes Traunstein betont allerdings, dass Einträge durch die Landwirtschaft an vielen Seen deutlich schädlicher seien, als die Urinspuren der Badegäste.

Bei den drei Seen findet auch immer wieder Beweidung durch Rinder statt. Sprecherin Laura Lockfisch vom Landratsamt betont, dass Kot von Mensch und Tier selbstverständlich generell nichts in Futtermitteln zu suchen haben. „Dass dadurch für Weidetiere eine direkte Gesundheitsgefahr ausgeht, ist zwar nicht wahrscheinlich, denn die Rinder meiden verunreinigte Stellen in der Regel für die Futteraufnahme, aber natürlich auch nicht gänzlich ausgeschlossen“, so die Sprecherin. Selbst der immer wieder in diesem Zusammenhang in den Medien genannte Parasit Neosporum caninum, der vom Hund über Kot übertragen werden kann und bei Rindern vor allem zu Aborten, also Fehlgeburten führt, sei offensichtlich nur dann ein Problem, wenn der Kot von Hunden stammt, die sich selbst infiziert haben.

Aus Sicht der Behörde sei der Müll von den Besuchern der Seen viel gefährlicher, da dieser bei der Aufnahme durch die Rinder schwere Schäden im Verdauungstrakt verursachen könne.

„Das Thema Müll ist seit Jahren ein Problem im Dreiseengebiet“, sagt Ruhpoldings Bürgermeister Justus Pfeifer. „Da wurden Mülleimer zum illegalen Abladen von Hausmüll missbraucht. Und viele Badegäste lassen ihren eigenen Müll am Fuße der Hundetoiletten zurück“, sagt Pfeifer. Aktuell überlege die Gemeinde, ob sie im Rahmen des Parkplatzkonzepts Personal zur Kontrolle und Einleitung von Bußgeldern einsetzen soll. „Zuletzt versuchen wir aber immer an die Touristen und Bürger zu appellieren, den Müll wieder mit nach Hause zu nehmen“, so der Bürgermeister.

Haftungsrisiko für Gemeinden

Ein Urteil des Bundesgerichtshofs erschwert die Situation für Gemeinden, Badestellen anzubieten. Hintergrund ist der Unfall eines zwölfjährigen Mädchens in einem kommunalen Freibad. Das Mädchen hatte sich unter Wasser mit einem Arm in einer Boje verfangen. Zwar wurde das Mädchen gerettet, trug aber massive Hirnschäden davon. Der Bundesgerichtshof entschied damals für das Mädchen und gegen die Kommune. Die Folge ist, dass bei jeglicher Badeinfrastruktur wie einem Steg die Kommune in der Pflicht steht, Badende zu schützen.

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