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Kontaktverfolgung bei Corona

Datenschutz egal? Landkreis Traunstein setzt auf umstrittene Luca-App

Ein Scan mit dem Smartphone statt sich mit dem Kugelschreiber in Listen eintragen, das ist das Konzept der Luca-App.
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Ein Scan mit dem Smartphone statt sich mit dem Kugelschreiber i n Listen eintragen, das ist das Konzept der Luca-App.

Der Landkreis Traunstein nutzt zur Kontaktnachverfolgung seit Kurzem die Luca-App, die nahezu täglich für Schlagzeilen sorgt. Eine Entscheidung trotz massiver Bedenken von IT-Experten.

Traunstein – Ein unvergessliches Bild im Corona-Sommer 2020 war sicherlich die Zettelwirtschaft in der Gastronomie. Selbst für einen Cappuccino musste der Gast ein Formular ausfüllen. Abhilfe schaffen soll diesen Sommer die Luca-App, die nun auch das Landratsamt Traunstein benutzt und empfiehlt– trotz massiver Bedenken von Fachleuten.

Mit dem Programm, das auf Smartphones genutzt werden kann, sollen Infektionsketten leichter nachverfolgt werden können. Derzeit sei die App zwar noch wenig verbreitet, dennoch heißt es seitens der Pressestelle des Landratsamts: „Jeder Datensatz, welcher digital zur Verfügung steht für eine Erleichterung.“

Einchecken per App

Funktionieren soll das wie folgt: Die Nutzer können vor dem Besuch eines Geschäfts oder Restaurants „einchecken“, indem sie einen sogenannten QR-Code dort scannen. Beim Verlassen des Betriebs checken sie wieder aus. In dem Fall, dass sich dort zur gleichen Zeit eine mit Corona infizierte Person befunden hat, werden diese Informationen nach entsprechender Freigabe verschlüsselt an das Gesundheitsamt übermittelt und die möglichen Kontaktpersonen informiert.

Gastronomie rechnen nicht mit Entlastung

Kosten fallen für den Landkreis keine an, sagt Sprecher Michael Reithmeier: „Der Freistaat Bayern übernimmt mit einer Landeslizenz die anfallenden Kosten, so wie es bereits über zehn weitere Bundesländer machen.“

Inwiefern die digitale Unterstützung mittels Luca Gastronomie und Gesundheitsämter den Alltag erleichtern wird, ist aber fraglich. Denn die Nutzung ist freiwillig. In der Gastronomie zeigt man nicht nur deshalb skeptisch. „Die Luca-App wird nicht die Riesenentlastung sein“, sagt Klaus Lebek, Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA).

Für weniger technik-affine Menschen müsse vermutlich die schriftliche Registrierung beibehalten werden. „Außerdem müssen wir überwachen, dass sich auch Leute mit der App tatsächlich registrieren“, sagt Lebek. Dafür sei Personal notwendig. Dr. Wolfgang Krämer, Leiter des Gesundheitsamtes im Landkreis Traunstein, appelliert an die Nutzer: die App zu nutzen.

Komplett freiwillig

Ob Nutzer Luca Vertrauen schenken, ist fraglich angesichts von Mängeln, die die App betreffen. Denn obwohl die Lizenz staatlich finanziert ist, ermittelt parallel das Bundesamt für Informationssicherheit zu datenschutzrechtlichen Lücken in der App. Auch der Chaos Computer Club, ein Sprachrohr von Digitalexperten, kritisiert die App vehement.

Eher schmallippig ist die Auskunft seitens des Digitalministeriums dazu: „Im Gegensatz zu analogen Gästelisten sind die persönlichen Daten der Gäste im Luca-System zu keinem Zeitpunkt für die Gastgeber sichtbar. Sie können ausschließlich von den Gesundheitsämtern entschlüsselt werden.“ Die bayerischen Datenschutzbehörden seien bei der Umsetzung des Systems eng eingebunden gewesen.

Zentrale Speicherung der Daten sorgt für Bedenken

Prof. Dr. Wolfgang Mühlbauer von der Fakultät für Informatik der Technischen Hochschule (TH) Rosenheim teilt ebenfalls die Bedenken vieler Kritiker: „Sämtliche Check-In Daten, nämlich wer war wann wo, werden zentral gespeichert, wenn auch zweifach verschlüsselt.“

Lesen Sie auch: Luca-App: Ein digitaler Strohhalm für den Landkreis Traunstein (Plus-Artikel ovb-online.de)

So ein zentraler Ansatz sei immer gefährlich. „Was passiert, wenn die Schlüssel zum Entschlüsseln in die falschen Hände geraten?“, fragt sich Mühlbauer. Er werde sich die App vermutlich nicht holen und bei der Papiervariante bleiben.

Nur elf Fälle über Corona-Warn-App

Eine Erleichterung bei der Rückverfolgung von Infektionen versprach vor knapp einem Jahr auch die vom Bund finanzierte Corona-Warn-App. Ein Heilsbringer mit mäßigem Erfolg: Ganze elf Personen sind laut Landratsamt seit Einführung nach einer Warnung auf der App im Kreis Traunstein positiv auf Covid-19 getestet worden.

Zwar sei die Zahl mit Vorsicht zu genießen, da unbekannt sei, wie viele Corona-Warn-App-Nutzer sich testen ließen, da negative Testergebnisse nicht an das Gesundheitsamt übermittelt werden und Angaben zu Testungen von den Hausärzten nicht an das Gesundheitsamt gemeldet werden. Ein Erfahrungswert der Testzentren sei laut Reithmeier, dass sich wöchentlich elf bis 13 Personen wegen einer Warnmeldung in der App testen lassen. Die Testkapazitäten liegen allein in Traunstein bei mehreren hundert Tests täglich.

Erklärt: Das sind die Unterschiede zwischen Luca und der Corona-Warn-App

Die Corona-Warn-App läuft nach Installation im Hintergrund und sendet circa alle fünf Sekunden Nachrichten aus. Gleichzeitig hält sie alle fünf Minuten Ausschau nach ankommenden Nachrichten von Smartphones in der Nähe und bekommt bestimmte Kennungen übermittelt. Diese werden aber periodisch ausgewechselt, um anonym zu bleiben.

Es bleibt unbekannt, welche Person hinter der Kennung steht, da nur eine Zahl angegeben wird. Das andere Handy protokolliert diese Kennungen. Somit bleiben sowohl Nutzer als auch Veranstaltungen anonym, auch gegenüber dem Gesundheitsamt.

Bei der Luca-App funktioniert dies anders, Daten werden zentral gesammelt. Die App hat drei Schnittstellen mit dem Gastgeber, dem Benutzer und dem jeweiligen Gesundheitsamt. Die verschlüsselten Daten werden in Deutschland bei einem Server-Anbieter gespeichert.

Der Benutzer meldet sich einmal in der App mit seinen Daten auf einem mobilen Endgerät an. Luca generiert einen QR-Code, der dem Endgerät zugeordnet ist. Der Nutzer checkt per Scan bei seinem Gastgeber, der die App ebenfalls nutzen muss, ein und wird automatisch ausgeloggt, wenn er den Ort wieder verlässt oder er muss sich manuell „auschecken“. Tritt ein Infektionsfall ein, werden alle Gäste informiert, die sich zur betreffenden Uhrzeit dort aufgehalten haben. Parallel werden die Gesundheitsämter informiert, die dann automatisch Zugriff auf die unverschlüsselten Daten der übrigen Gäste haben.

Aktuelle Artikel und Nachrichten finden Sie in unserem Dossier zur Corona-Pandemie

Auch die Corona-Warn-App hat neuerdings eine Funktion, sich zu Veranstaltungen einzuchecken. Im Falle einer Infektion werden alle Nutzer direkt über die App gewarnt. Die Gesundheitsämter erfahren nicht, wer, auf welcher Veranstaltung war. Das allerdings erfüllt die Vorgaben der Bundesländer an Veranstalter nicht, die Registrierung über die Corona-Warn-App ist daher vor allem für private Veranstaltungen gedacht.

Luca ohne Handy?

Laut Landratsamt Traunstein ist die Nutzung sogar für Personen möglich, die kein Smartphone besitzen. „Es sind Luca-Schlüsselanhänger zu erwerben. Auf den Schlüsselanhängern befindet sich ein Barcode, mit dem dann eingecheckt werden kann“, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Wirtschaftsförderung plane, ein Basispaket der Schlüsselanhänger zu erwerben.

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