Corona-Lockerungen gestoppt

Ein Corona-Test für drei Stiefmütterchen: Frust bei Chiemgauer Gärtnereien

Inmitten eines vollen Gewächshauses steht Bernhard Häusler aus Siegsdorf. Sollte seine Gärtnerei länger schließen müssen, droht ein Teil seiner Pflanzen auf dem Müll zu landen.
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Inmitten eines vollen Gewächshauses steht Bernhard Häusler aus Siegsdorf. Sollte seine Gärtnerei länger schließen müssen, droht ein Teil seiner Pflanzen auf dem Müll zu landen.

Ein Schritt vor im März, nun wieder ein Schritt zurück: Die Gärtnereien müssen wegen der Corona-Zahlen wieder schließen. Chiemgauer Blumenhändler bangen um ihre Pflanzen.

Chiemgau – Am 1. März 2021 durften sie nach dem Lockdown öffnen, doch die Freude darüber ist längst passé: Blumenläden und Gärtnereien fallen ab Montag, 12. April, nicht mehr unter die Lockerungen, sondern dürfen nur noch bei einer Inzidenz unter 50 regulär öffnen. Der Frust ist bei Floristen und Gärtnerei-Betrieben in der Region groß.

So auch bei Jens Kohl. Er ist einer der beiden Inhaber des Gartencenters Büchele in Haslach. Die kurzfristige Entscheidung des bayerischen Kabinetts zur Rücknahme der Öffnungen schafft erst einmal viele organisatorische Probleme: „Wenn wir das früher gewusst hätten, hätten wir uns immerhin darauf einstellen können.“

So sei sein Geschäft voll mit verderblichen Produkten, denn das Frühjahr sei die Hauptsaison in der Branche.

Online-Formular nicht von heute auf morgen

Kurzfristig versucht Kohl, ein Formular für die Internetseite bereit zu stellen, bei dem sich Kunden zumindest für Click and Meet anmelden können. Denn das bleibt bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 erlaubt. Steigt die Inzidenz auf einen Wert von mehr als 100, ist Einkaufen mit Terminvereinbarung möglich, jedoch zusätzlich mit negativem Corona-Test.

Dabei darf ein PCR-Test höchstens 48 Stunden alt sein, ein Schnelltest 24 Stunden. Laut Robert-Koch-Institut liegt die Inzidenz im Landkreis Traunstein am Freitag bei 177,6. Geht der Wert über 200, darf gar kein Verkauf mehr stattfinden.

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Zu aufwändig findet Kohl die Regelung, denn das typische Einkaufsverhalten sei ganz anders: „Bei uns schauen Leute meist spontan vorbei.“ Jörg Freimuth, Geschäftsführer des Bayerischen Gartenverbandes, schließt sich an. „Wir reden über relativ kleine Warenkörbe, wo das gleiche Geld wie beim Metzger ausgegeben wird“, sagt er.

Ob man sich dann für drei Stiefmütterchen im Internet anmelde und extra einen Corona-Test mache, bezweifelt Freimuth. Bislang sei noch kein Ansturm auf die Garten-Center zu beobachten, das könne aber noch am Wetter der vergangenen Tage liegen. Der Verbandschef denkt aber auch, dass viele Menschen müde von den ständigen Regeländerungen sind und gar nicht mehr mitkommen.

Bayerischer Sonderweg

„Bayern ist wieder das einzige Bundesland, in dem wir nicht regulär öffnen können“, resümiert Freimuth. Gleichzeitig räumt er ein, dass er und viele Gärtner schon Restriktionen geahnt hatten, als das Urteil zur Öffnung der Schuhläden gefallen war. Diese durften nach einer Klage wieder öffnen.

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In dem Moment hatte auch Elisabeth Bühler, die in Übersee eine gleichnamige Gärtnerei mit Blumenladen führt, geahnt, dass als Reaktion darauf wieder Regeln verschärft werden würden.

Dass die neue Regelung zu geringeren Infektionszahlen führen könnte, daran glaubt sie nicht: „Es verlagert und verdichtet sich nun eben anderswo, wenn die Leute Pflanzen kaufen wollen.“ In den Gewächshäusern und im Freiverkauf bei ihrem Betrieb hält sie die Ansteckungsgefahr für deutlich geringer.

„Dann halt im Supermarkt“

Unverständlich auch für Bernhard Häusler, der in Siegsdorf eine Gärtnerei betreibt, dass Supermärkte die gleichen Produkte verkaufen können. „Uns bleibt nur Zweckoptimismus“, sagt er mit Blick auf seine vollen Treibhäuser.

Besonders bitter sei, dass die eigentliche Saison für seinen Betrieb erst noch startet: „Viele Kunden leben in Inzell oder Ruhpolding, wo noch Schnee liegt. Da geht es erst Ende April los.“ Er habe zwar einen treuen Kundenstamm, auf den er zählen könne, aber wenn die Schließung noch länger daure, werde es auch bei ihm eng.

Dokumentation von negativen Tests unklar

Völlig unklar sei noch, wie Corona-Tests ab einer Inzidenz von 100 dokumentiert werden müssen. Er werde daher ab dem Schwellenwert vorerst nur Telefonverkauf anbieten statt Click and Meet.

Der Traunsteiner Landrat Siegfried Walch (CSU) hatte Ende Februar im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung dafür plädiert, dass die Branche öffnen darf. In seinem eigens entwickelten Öffnungskonzept soll der Einzelhandel bei entsprechendem Impffortschritt bereits ab 15. April öffnen, mit der Beschränkung von 20 Quadratmeter Fläche pro Kunden. Die Staatsregierung hat nun eine gegenteilige Entscheidung getroffen.

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