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Zum Welt-Alzheimertag

Wenn das Vergessen beginnt: Rosenheimer Doktor Henning Peters über die Krankheit ohne Heilung

Weltweit sind etwa 46 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen. Oft bemerken Betroffene eine zunehmende Vergesslichkeit.
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Weltweit sind etwa 46 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen. Oft bemerken Betroffene eine zunehmende Vergesslichkeit.
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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Rosenheim – Weltweit sind etwa 46 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen. Um die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren, findet noch bis zum 26. September die bayerische Demenzwoche statt. Am heutigen Welt-Alzheimertag spricht Henning Peters, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und der Leiter des Arbeitskreises „Netzwerk Demenz“ von Pro Senioren über die Krankheit.

Ab wann sollte ich mir Gedanken über eine mögliche Alzheimer-Erkrankung machen?

Henning Peters: Die Alzheimerkrankheit ist die häufigste der neurodegenerativen Erkrankungen. Manche sagen, man muss nur alt genug werden, um daran zu erkranken. In den meisten Fällen wird die Diagnose erst deutlich nach dem 65. Lebensjahr gestellt. Insbesondere früheres Auftreten kann ein Hinweis auf eine ausgeprägtere Erblichkeit darstellen. Dann stellt sich auch die Frage, wie genau die Kinder Betroffener hinschauen wollen.

Aber selbst in diesem Fall, kann ich mir vorstellen, dass gerade junge Menschen, nicht unbedingt wissen wollen, dass sie später einmal an Alzheimer erkranken werden.

Henning Peters, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich nach genauer Information durch spezialisierte Ärzte und gegebenfalls in Absprache mit Angehörigen treffen muss. Natürlich hat eine solche Diagnose weitreichende Folgen. Das betrifft die gesamte Lebensplanung von Versicherungsabschlüssen bis hin zur Suizidgefahr.

Wann sollte man sich auf jeden Fall an einen Nervenarzt wenden?

Peters: Gegenwärtig macht eine Vorstellung insbesondere Sinn, wenn man selber bemerkt, dass sich etwas verändert oder, wenn es entsprechende Rückmeldungen von Angehörigen gibt.

Von welchen Veränderungen sprechen Sie?

Peters: Viele Menschen bemerken eine zunehmende Vergesslichkeit. Sie können sich an Namen von Bekannten beispielsweise nicht mehr so gut erinnern. Oder Angehörige bemerken, dass kürzlich besprochene Inhalte wiederholt nachgefragt werden. Auch die Orientierung und manche Alltagstätigkeiten fallen schwerer oder werden anders als üblich ausgeführt, beispielsweise wird das fünfte Päckchen Butter besorgt oder gängige Gerichte gelingen nicht wie gewohnt. Veränderungen im Verhalten, der Persönlichkeit oder beim Schlaf können ebenso Hinweise sein.

Sie bieten, wie viele andere Ärzte auch, eine sogenannte Gedächtnissprechstunde an. Was hat es damit auf sich?

Peters: Eine Gedächtnissprechstunde bietet Raum für einen festen Untersuchungsstandard. Neben einer Untersuchung der geistigen Leistungsfähigkeit, insbesondere des Gedächtnisses, führen wir eine Elektroenzephalografie durch. Damit kann die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen und grafisch dargestellt werden kann. Zudem gehört in der Regel ein MRT dazu, wenn der Verdacht einer Demenz im Raum steht.

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Um Stoffwechselerkrankungen oder Mangelzustände auszuschließen, stimmen wir die Untersuchung der Blutwerte mit dem Hausarzt ab. Es ist auch wichtig, an eine Depression denken, die ebenso zu kognitiven Beeinträchtigungen bis zur sogenannten „Pseudodemenz“ führen kann. Dies lässt sich meist mit Medikamenten und Psychotherapie gut behandeln.

Und wenn Medikamente und Psychotherapie nicht anschlagen, muss man davon ausgehen, dass es sich um Demenz handeln könnte?

Peters: Demenz beschreibt nur die Symptome. Die Diagnose dahinter wird in Zusammenschau der zuvor genannten Befunde und anhand der Untersuchung gestellt. Nicht jede Depression wird sofort geheilt. Zudem kann eine Depression auch ein Vorbote einer Demenz sein, der zum Teil fünf bis zehn Jahre vor der kognitiven Verschlechterung auftritt. Insbesondere bei grenzwertigen Ergebnissen der kognitiven Testung ist der Verlauf wichtig. In der Regel nach sechs Monaten führen wir eine erneute Untersuchung durch, bei deutlicher Verschlechterung jederzeit davor.

Wie schwer ist es für Sie als Arzt, jemanden zu sagen, dass Ihr Patient an Alzheimer erkrankt ist?

Peters: Wichtig ist, dass Angehörige mit eingebunden werden. Im ersten Gespräch ist eine ausreichende Information meist gar nicht möglich. Hier kommt den spezifischen Beratungsstellen eine besonders wichtige Rolle zu. Die Angehörigen erfassen die Tragweite der Diagnose oft mehr als Betroffene. Eine frühe Diagnosestellung ist nicht die Regel. Wir ermöglichen auch mehreren Familienangehörigen, Termine gemeinsam wahrzunehmen oder sich direkt zur Beratung vorzustellen.

Wie gehen die Angehörigen mit so einer Nachricht um? Gibt es Tipps für den Umgang mit Betroffenen?

Peters: Es ist wichtig, dass die Angehörigen offen kommunizieren, wenn es ihnen zu viel wird. Der Umgang mit Menschen mit Demenz ist nicht immer einfach. So bringt es meist nichts, den Betroffenen einen Vorwurf zu machen, wenn sie Sachen häufig falsch verstehen. Der Eskalation von Konfliktsituationen kann oft vorgebeugt werden, wenn die Betroffenen nicht laufend korrigiert werden.

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Stattdessen kann man im Rahmen von sogenannter Biografiearbeit beispielsweise vergangene Erlebnisse aufrufen oder Bilder von früher anschauen. Die Erinnerung an das, was weit zurückliegt, bleibt wesentlich länger erhalten, als die Erinnerung an kurz zurückliegende Ereignisse. Wichtig ist auch, dass ganz alltägliche Dinge wie selber aufstehen oder sich waschen, so weit wie möglich beibehalten werden.

Unterstützung bekommen Angehörige auch vom Arbeitskreis „Netzwerk Demenz“ von Pro Senioren.

Peters: Es gibt viele Beratungsstellen, die hervorragende Arbeit leisten. Der AK ist eine Anlaufstelle für die Vernetzung Hilfeleistender und zum Ausbau der Infrastruktur. In Rosenheim sind wesentliche Anlaufstellen zur Beratung zum Beispiel die Angehörigenberatung der Caritas oder die Nachbarschaftshilfe sowie, auch überregional, die Alzheimergesellschaft.

Demenz ist im Moment noch nicht heilbar, gibt es trotzdem Hoffnung?

Peters: Die gängigen Medikamente können den Krankheitsverlauf nur unzureichend beeinflussen. Selbst Medikamente, die Eiweiße abbauen, die im Rahmen der Erkrankung vermehrt im Gehirn abgelagert werden, zeigen bisher keine überzeugenden Ergebnisse. Es bleibt wichtig, kognitive Reserven aufzubauen, insbesondere im mittleren Lebensalter.

Das bedeutet?

Peters: Aktiv bleiben und am sozialen Leben teilhaben. Wer nach Hause kommt und erst mal eine Runde laufen geht oder einem Hobby nachgeht, macht hierfür wesentlich mehr, als wenn man sich vor den Fernseher setzt, Chips isst und Cola trinkt. Wer sich für seine Mitmenschen interessiert und aufmerksam mit der Umwelt in Kontakt tritt, hält sein Gehirn fit, sein Verhalten flexibel anzupassen.

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