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Einladung zur bewussten Trauerarbeit

„Weil ich an Dich denke“: Für Post an Verstorbene gibt es in Kolbermoor bald einen Briefkasten

Erinnerungen an einen lieben Menschen oder Bilder für den verstorbenen Opa? Im Gedenkwaldgarten in Au reichen die Schiefertafeln fast nicht mehr aus.
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Erinnerungen an einen lieben Menschen oder Bilder für den verstorbenen Opa? Im Gedenkwaldgarten in Au reichen die Schiefertafeln fast nicht mehr aus.

Ein schmiedeeiserner Briefkasten für Trauerpost wird an der Aussegnungshalle des Neuen Kolbermoorer Friedhofes aufgestellt. Hier können Trauernde Briefe an ihre Verstorbenen einwerfen. Doch was passiert danach mit den intimen Zeilen?

Kolbermoor – Der Rosengarten auf dem neuen Friedhof „Am Rothbachl“ wurde offiziell eröffnet. In dieser Woche finden die ersten Beisetzungen statt. Fertig ist die Anlage aber noch nicht. Im Herbst wird sie um einen schmiedeeisernen Laubengang, Schiefertafeln und einen Trauerpostkasten komplettiert. Was es damit auf sich hat, erklärt Michael Hartl vom Rosenheimer Friedhofs-Kompetenz-Zentrum im Interview mit dem Mangfall-Boten.

Von einem Trauerpostkasten werden die meisten Menschen noch nie etwas gehört haben. Was ist das?

Michael Hartl: Unsere Inspiration war die Klagemauer in Jerusalem. Viele Menschen stecken Zettel in die Spalten der Mauer, auf die sie Gebete, Wünsche oder Danksagungen geschrieben haben. Diesen Grundgedanken möchten wir auf dem Kolbermoorer Friedhof auch verwirklichen. Deshalb wird an der Aussegnungshalle ein geschmiedeter Briefkasten aufgestellt. Daneben werden Postkarten und Stifte liegen, damit die Trauernden ihre Gedanken, ihre Erinnerungen an den Verstorbenen oder auch ihre Sorgen aufschreiben können.

Michael Hartl.

Und wer liest die Briefe oder Postkarten dann und antwortet?

Michael Hartl: Niemand. Die persönlichen Briefe der Trauernden bleiben anonym. Sie werden im jährlichen Osterfeuer beim morgendlichen Gottesdienst verbrannt. So entsteht ein neues Abschiedsritual. Ein sehr schönes, wie ich finde.

Wenn niemand die Briefe liest, wird auch der mögliche Hilfebedarf eines Menschen nicht erkannt.

Michael Hartl: Das ist richtig. Aber vielleicht geben die Briefe oder Gespräche mit anderen Betroffenen dem Einzelnen ja auch den Anstoß, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Trauerarbeit und Trauerritual: Ihre Gedanken können Hinterbliebene aufschreiben und in den Trauerbriefkasten einwerfen. Im Osterfeuer werden sie dann verbrannt.

Haben Sie bereits Erfahrungen, ob das von Trauernden angenommen wird?

Michael Hartl: Ja, sogar sehr gut. Einen Trauerbriefkasten gibt es im Gedenkwaldgarten in Au bei Bad Feilnbach schon seit einem Jahr. Er wird sehr rege genutzt, genauso wie die Schiefertafeln und die dazugehörige Kreide.

Davon werden in Kolbermoor drei aufgestellt. Wofür?

Michael Hartl: Für Gedanken, Wünsche, ermunternde Verse oder auch für Bilder. In Au werden die Schiefertafeln wunderschön bemalt. Vor allem von Kindern, die sich auf diese Weise ausdrücken. Die meisten Erinnerungen an einen verstorbenen Menschen stammen aus einer glücklichen Zeit. Sie sind fröhlich. Warum also soll nicht auch der Friedhof ein fröhlicher Ort sein?

Sind Tod und Trauer nicht eher Tabuthemen?

Michael Hartl: Die Trauerkultur verändert sich. Wir möchten ganz bewusst dazu einladen, Trauer zu leben, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Deshalb sind die Urnengräber auch pflegefrei. So kann der Trauernde sich hier ganz auf sich, seine Erinnerungen und seine Pläne für die Zukunft einlassen. Die Bänke im Rosengarten laden ein, zu verweilen, seinen Gedanken nachzuhängen, die Seele baumeln zu lassen und mit anderen ins Gespräch zu kommen. Wenn Betroffene über ihre Trauer reden können, hilft ihnen das. Es kann heilsam sein, zu begreifen, dass man nicht allein ist mit seinem Schicksal.

Der Rosengarten soll als Park von allen angenommen werden. Warum wollen sie Menschen auf den Friedhof ziehen?

Michael Hartl: Weil Friedhöfe Teil unserer Geschichte sind und Geschichten erzählen: vom Leben und Sterben der Menschen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Sie berichten von Geburtsort, Beruf, Alter, Lebensumständen oder Familienverhältnissen der Verstorbenen. Sie werfen Fragen auf, die man in geschichtliche Zusammenhänge einordnen kann. Friedhöfe sind Erinnerungsorte, Bestandteil einer sich verändernden Kultur. Und sie sind in jedem Land und jeder Region anders. Ich finde es sehr spannend, überall auf der Welt Friedhöfe zu besuchen.

Es sind die Grabsteine, die Geschichten erzählen. Die fehlen hier aber.

Michael Hartl: Im Rosengarten können 15 mal 15 Zentimeter große Erinnerungstafeln angebracht werden. Und die darf jeder so gestalten, wie er es möchte. In Bronze, Stein, dezent oder ganz bunt. Sie werden diese Geschichten erzählen.

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