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Inzidenz wieder über 200

Warum ist Rosenheim ein Corona-Hotspot? Eine Spurensuche

Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Gesundheitsamts Rosenheim
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Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Gesundheitsamts Rosenheim

Seit Beginn der Pandemie haben Stadt und Landkreis Rosenheim auffällig hohe Corona-Inzidenzzahlen. Auch aktuell liegen sie wieder über 200. Warum ist das so?

Rosenheim  Gegen zwei Uhr morgens ist für Dr. Wolfgang Hierl (57) nicht mehr an Schlaf zu denken. Hörbücher hört er dann. „Aber auf Englisch, weil man sich da richtig konzentrieren muss“, sagt Hierl. Sonst geht die Gedankenspirale los. Es ist das Coronavirus, das den Leiter des Rosenheimer Gesundheitsamts um seinen Schlaf bringt. Seit Beginn der Pandemie stehen die Stadt und der Landkreis Rosenheim immer wieder wegen hoher Inzidenzen in den Schlagzeilen.

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Es ist Anfang März 2020, als ein Skiurlauber aus Südtirol mit Symptomen zurückkommt. Er begibt sich in häusliche Quarantäne, ein Corona-Test ist positiv. „Danach hat es uns überrollt“, sagt Hierl. Binnen eines Monats stecken sich noch rund 1000 Menschen in Stadt und Landkreis Rosenheim an. Und das sind nur die getesteten und registrierten Fälle.

Hierl musste schon zig mal Antwort geben, warum die Corona-Zahlen so hoch sind. Der große, ruhige Mann ist vorbereitet. Stapelweise Dokumente mit Diagrammen und Tabellen liegen beim Pressegespräch auf dem Besprechungstisch im Büro von Landrat Otto Lederer (CSU). Fast so, als wolle man zeigen, dass man auch wirklich seine Hausaufgaben gemacht hat.

Spur eins: Das Starkbierfest

Da ist zum Beispiel das Rosenheimer Starkbierfest in der Inntalhalle, dem ein hochprozentiger Beitrag zum Infektionsgeschehen nachgesagt wird und das bundesweit für Aufregung sorgte. „Bayerns fatale Liebe zum Starkbier“ titelte das Magazin „Spiegel“ im vergangenen Jahr. Nur wenige Tage vor dessen Start am 6. März 2020 hatte Mediziner Hierl dazu geraten, das Fest wegen zu hoher Infektionsgefahr abzusagen. Die Stadt – unter der damaligen Oberbürgermeisterin Gabi Bauer (CSU) – folgte dem Rat des Gesundheitsamt-Chefs aber nicht und entschied sich dazu, das beliebte Starkbierfest stattfinden zu lassen – um es nach drei feucht-fröhlichen Abenden dann doch wieder zu beenden.

Einer, der beim Starkbierfest auch auf der Bierbank saß, ist der heutige Landrat Otto Lederer (51). Im März 2020 war er noch Abgeordneter im Bayerischen Landtag und stand mitten im Wahlkampf um das Amt des Landrats. Es kommt selten vor, dass Politiker Fehleinschätzungen einräumen. Lederer sagt: „Ich muss ganz offen zugeben, dass ich Corona völlig unterschätzt habe.“ Er ist nicht der Einzige mit dieser Fehleinschätzung. Die Bilder von damals zeigen die Rosenheimer Polit-Prominenz dicht gedrängt auf Bierbänken in der Inntalhalle. Ein knappes Jahr später wird in der Inntalhalle kein Starkbier ausgeschenkt, sondern die Rosenheimer Bevölkerung geimpft.

Trotz all der Aufregung um das Starkbierfest bleiben Hierl und auch Lederer aber bei ihrer Meinung: Das Starkbierfest sei kein Superspreader-Event gewesen, sagen sie und beziehen sich auf die Daten, die dem Gesundheitsamt in Rosenheim vorliegen. Die Infektionsketten, betonen beide, würden ganz klar andere Zusammenhänge aufzeigen.

Spur zwei: Die Skiurlauber aus Italien und Tirol

Nämlich zu Reiserückkehrern aus Norditalien – und aus Ischgl. Sogar eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft weist darauf hin. „Warum das bei uns so geballt war, aber in anderen Landkreisen in Bayern nicht – das können wir nicht nachvollziehen“, sagt Lederer. Über tausend Menschen sind in der ersten Pandemie-Welle im Raum Rosenheim gestorben.

Aktuelle Artikel und Nachrichten finden Sie in unserem Dossier zur Corona-Pandemie

Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März (CSU) wollte sich nicht persönlich zu den hohen Fallzahlen äußern. Auf eine Anfrage unserer Zeitung kam nur eine schriftliche Reaktion von seinem Sprecher: „Die Frage nach den Ursachen für die teilweise hohen Inzidenzwerte in einzelnen Regionen ist aus Sicht der Stadt Rosenheim müßig.“ Das Gesundheitsamt habe die Öffentlichkeit wöchentlich über Auffälligkeiten und Cluster-Bildungen informiert. „So waren zu Beginn der Pandemie überwiegend Urlaubsrückkehrer aus Tirol und Südtirol betroffen, bei der 2. und 4. Welle waren es Urlaubsrückkehrer speziell aus südosteuropäischen Ländern.“ Das bestätigt auch Wolfgang Hierl, der Chef des Gesundheitsamtes.

Spur drei: Sommerurlauber vom Balkan

In der Tat hat Rosenheim einen hohen Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund aus dem ehemaligen Jugoslawien. Am 27. August 2021 liegt die 7-Tage-Inzidenz in der Stadt Rosenheim bei 201. Zwei Drittel der neuen Infektionen sind bei Reiserückkehrern, überwiegend aus dem Balkan, festgestellt worden. Stadt und Landkreis schreiben daher noch im August Menschen mit südosteuropäischer Herkunft persönlich an und appellieren in dem Schreiben, sich an die Abstandsregeln zu halten, sich testen und am besten impfen zu lassen.

Spur vier: Die Impfgegner

Impfen ist ein schwieriges Thema in der Region Rosenheim. Auch das kann einen Einfluss auf die Fallzahlen haben. „Es gibt bei der Impfbereitschaft ein Nord-Süd-Gefälle in Bayern und zwar nicht nur bei Corona, sondern zum Beispiel auch bei den Masern“, drückt sich Otto Lederer etwas theoretisch aus. Derzeit sind in Rosenheim nur 55,1 Prozent der Menschen komplett geimpft, während es bundesweit rund zehn Prozent mehr sind.

Bettina R. (Name geändert) bezeichnet sich als Impfskeptikerin und will im Gespräch mit unserer Zeitung lieber anonym bleiben. Sie lebt in Rohrdorf im Kreis Rosenheim und besuchte schon vor der Pandemie einen Stammtisch zum Thema Impfkritik. „Ich bestreite nicht, dass Menschen schwer an Corona erkranken und auch sterben“, sagt die zweifache Mutter. Nur habe sie Vertrauen in ihre Intuition und weniger bis gar nicht in den Staat, wenn es um ihre Gesundheit gehe.

Zig Anfragen von Bürgern bekommt Hierl täglich und versucht, diese auch zu beantworten. Es mutet wie eine Sisyphus-Arbeit an, wenn Hierl davon erzählt. Ganz stoisch erträgt auch er es nicht. Eine Frau habe immerhin zurückgeschrieben und sich bedankt, auch wenn er nicht glaubt, dass sie sich nun impfen lasse, erzählt der Leiter des Gesundheitsamts.

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Hierl und auch Lederer bekommen aber auch ganz andere Mails. „Ihr tötet meine Eltern“ musste sich Otto Lederer anhören, als das Besuchsverbot in den Altenheimen eingeführt wurde. „Am selben Tag kommen dann aber auch Vorwürfe, dass man das schon viel früher hätte machen müssen“, erzählt er. Wie sie solche Kritik wegstecken? Hierls Augen leuchten, wenn er von seinen zwei Wochen Urlaub in Süditalien erzählt. „Aber die ganze Erholung war gleich in der ersten Woche zurück wieder weg“, sagt er und es klingt weniger verbittert als schlicht erschöpft.

Lederer will nicht so viel preisgeben. Er räumt lediglich ein, dass er sich sein erstes Jahr im Amt auch etwas anders vorgestellt habe. Ihm gehe es vor allem um die Mitarbeiter in der Verwaltung und in den Kliniken: „Die Leute haben seit eineinhalb Jahren nicht mehr die Erholungsphasen, die sie bräuchten. Auf Dauer wird das nicht so weitergehen.“

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