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Am Dienstag zu Besuch in Rosenheim

Mario Dieringer läuft durch Deutschland und hilft Angehörigen von Suizid-Opfern

Einmal quer durch Deutschland: Mario Dieringer und sein Hund Tyrion helfen Menschen, die einen Angehörigen oder Freund durch Suizid verloren haben. Am 21. Juni sind sie zu Besuch in Rosenheim.
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Einmal quer durch Deutschland: Mario Dieringer und sein Hund Tyrion helfen Menschen, die einen Angehörigen oder Freund durch Suizid verloren haben. Am 21. Juni sind sie zu Besuch in Rosenheim.

Seit drei Jahren ist Mario Dieringer zu Fuß durch Deutschland unterwegs und pflanzt Bäume für Suizidopfer. Der 54-Jährige ist mittlerweile mehr als 5000 Kilometer gelaufen und will Menschen helfen, die einen Angehörigen oder Freund an Suizid verloren haben. Am 22. Juni ist er zu Besuch in Rosenheim.

Rosenheim – Im Dezember 2014 hat sich Mario Dieringer versucht das Leben zu nehmen. Fünf Minuten lang war er tot, bevor er von den Notärzten zurück ins Leben geholt wurde. Zwei Jahre später beging sein Lebenspartner Selbstmord. Es sind Momente aus seinem Leben, von denen der 54-Jährige gleich zu Beginn des Telefonats erzählt. Doch um seine Gegenwart zu verstehen muss man auch seine Vergangenheit kennen.

Mario Dieringer ist in den vergangenen Jahren mehr als 5000 Kilometer gewandert.

Ausgrenzung und Schuldzuweisungen

2011 wird bei dem heute 54-Jährigen eine schwereren Depression diagnostiziert. „Ich hatte heftige Suizidgedanken und Angst vor mir selbst“, sagt er. Er weist sich selbst in eine geschlossene psychiatrische Klinik ein und lernt mit seiner Krankheit umzugehen. Es folgt die Trennung von seinem Ehemann, im Herbst 2014 verliebt er sich neu. Das Leben ist gut.

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Bis im Dezember 2014 eine „blöde SMS“ der Auslöser dafür ist, dass sich Mario Dieringer versucht, das Leben zu nehmen. „Das war für mich ein großer Schock, weil es mir eigentlich wieder gut ging“, sagt er. Nur weil José, sein damaliger Partner, ihn noch rechtzeitig gefunden hatte, konnte Schlimmeres verhindert werden.

Zustand seines Lebenspartners verschlechtert sich

Doch während es Mario Dieringer immer besser geht, verschlechtert sich der Zustand von José zunehmend. „Er litt ebenfalls an Depressionen, hat sich aber geweigert, sich behandeln zu lassen“, sagt er. Ostern 2016 verliert José den Kampf gegen seine Depression. In den kommenden Monaten muss Dieringer nicht nur mit seiner Trauer fertig werden, sondern auch mit Ausgrenzung und Schuldzuweisungen.

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„Ich habe viele E-Mails von Freunden und Bekannten bekommen, die mich als Mörder bezeichnet haben.“ Es ist eine Zeit, die er wahrscheinlich nicht überlebt hätte, wenn er nicht rund um die Uhr von Leuten umgeben gewesen sei. Freunde und Bekannte hätten ihn vier Monate lang nicht aus den Augen gelassen, erinnert er sich.

Entscheidung, sein Leben zu verändern

Sechs Monate nach dem Tod von José trifft Mario Dieringer die Entscheidung, sein Leben zu verändern. „Die Idee kam mir irgendwann unter der Dusche“, sagt er. Er recherchiert, spart Geld und gründet den Verein „Trees of Memory“ mit dem Ziel, Menschen die einen Angehörigen oder Freund durch Suizid verloren haben, eine neue Lebensperspektive zu bieten. „Einen Monat bevor ich losgezogen bin, habe ich meine Wohnung aufgelöst, alles verschenkt und die verbliebenen Kisten bei Freunden untergestellt“, sagt er.

Unterwegs mit Hund Tyrion

Zur Erinnerung: Mario Dieringer und eine Angehörige pflanzen einen Baum.

Am zweiten Todestag von José läuft er los. Mit 2000 Euro, ein bisschen Gepäck und seinem Hund Tyrion geht er von Köln nach Frankfurt und pflanzt dort den ersten Baum der Erinnerung, für Menschen, die es nicht geschafft haben und Opfer einer psychischen Erkrankung wurden. Mittlerweile hat er 30 Bäume gepflanzt. „Ich laufe immer dorthin, wo entweder eine Baumpflanzung ansteht oder mich Menschen eingeladen haben“, sagt der 54-Jährige.

Einladung einer Rosenheimerin

Aus diesem Grund ist er am Dienstag (21. Juni) auch in Rosenheim. Diplom-Sozialpädagogin Monika Schindler von der Fachambulanz für Sucherkrankungen der Diakonie Rosenheim hat den 54-Jährigen eingeladen. „Das Thema ist auch in Rosenheim sehr präsent“, sagt sie. Doch auch sie habe beobachtet, dass das Thema Suizid sehr schambehaftet sei und niemand darüber redet.

Nach München, Ulm und Straßburg

Von Rosenheim geht es für Dieringer dann weiter nach Wolfratshausen, München, Ulm, Straßburg bis hin zum Bodensee.

Er übernachtet in seiner Hängematte oder auf Campingplätzen. Den Winter verbringt er in seiner Wohnung in Berlin. Zudem arbeitet er als Trauerredner und bietet Vorträge zum Thema Suizidprävention an Schulen, Polizeidienststellen und für Selbsthilfegruppen an.

Unterstützung mit Aufklärungsarbeit

Mit seiner Arbeit will der 54-Jährige auf die hohen Suizidzahlen aufmerksam machen und mit Aufklärungsarbeit den Angehörigen helfen, sich von Schuldgefühlen zu befreien.

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Denn wenn einer weiß, wie man sich zurück ins Leben kämpft, dann ist es Mario Dieringer. „Die Reise hat mir einen neuen Sinn gegeben und geholfen, wieder selbstbestimmt durchs Leben zu gehen“, sagt er.

Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter 0180-6553000. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de

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