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Kritik an der Stadt, weil sie nur auf privaten Flächen entstehen

Gedenken an NS-Opfer: In Rosenheim werden die ersten sieben Stolpersteine verlegt

Künstler Gunter Demnig verlegte im März 2020 im Beisein von rund 100 Bürgern zwei Stolpersteine vor der Kolbermoorer Stadtbibliothek. Thomae
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Künstler Gunter Demnig verlegte im März 2020 im Beisein von rund 100 Bürgern zwei Stolpersteine vor der Kolbermoorer Stadtbibliothek. Thomae
  • VonJohannes Thomae
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Die „Initiative Erinnerungskultur“ verlegt am Donnerstag, 10. Juni, sieben sogenannte Stolpersteine zum Gedenken an sieben Opfer der Nazi-Diktatur in Rosenheim. Verlegt werden die Gedenkplatten auf privaten Flächen, nicht auf städtischem Grund. Was wiederum für leise Kritik an der Stadt sorgt.

Rosenheim – Am Donnerstag, 10. Juni, werden in Rosenheim die ersten sieben Stolpersteine verlegt. Vieles, was damit verbunden ist, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

Es ist ein Satz des amerikanischen Philosophen George Santayana. Und es ist Dr. Thomas Nowotny von der „Initiative Erinnerungskultur – Stolpersteine für Rosenheim“, der ihn zitiert. Und damit ist auf den Punkt gebracht, was diese Initiative antreibt.

Ins KZ gesteckt und dort ermordet

Es geht darum, an alle zu erinnern, die dem Unrechtsstaat des Dritten Reiches zum Opfer gefallen sind: Juden, Sintis und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Behinderte, politisch Andersdenkende. Mitten aus einem normalen bürgerlichen Leben gerissen, in Konzentrationslager gesteckt, dort ermordet.

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Diese staatliche Vernichtungsmaschinerie konnte sich etablieren, weil der Hass gegen das Andere und die Anderen in der damaligen Gesellschaft zumindest geduldet, allzu oft sogar geteilt wurde. Die Anfänge waren schleichend – und genau deshalb mahnte vor Kurzem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in aller Entschiedenheit: „Antisemitische Proteste wird unsere Gesellschaft nicht dulden.“

80.000 Stolpersteine in ganz Europa

Für die Initiative Erinnerungskultur greift genau hier der Satz von Santayana: Ein Weg, um katastrophale Fehlentwicklungen zu vermeiden, ist, sich daran zu erinnern, wohin sie schon einmal geführt haben. Ein Mittel zu dieser Erinnerung sind die sogenannten Stolpersteine, eine Idee des Künstlers Gunter Demnig. Mehr als 80 000 dieser kleinen, zehn auf zehn Zentimeter messenden Mahnmale, gibt es bereits in Europa. Eingelassen ins Straßenpflaster vor dem letzten Wohnort der Ermordeten.

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Nicht überall sind die Gedenkplaketten willkommen, ein oft vorgebrachtes Gegenargument ist, dass hier die Ermordeten noch einmal mit Füßen getreten würden. Zwar sehen das die Angehörigen der Opfer oft anders, doch auch die Stadt Rosenheim kann sich bisher nicht dazu entschließen, solche Gedenksteine auf öffentlichem Grund und Boden anzubringen.

Leise Kritik von Thomas Nowotny

Schade findet Thomas Nowotny dabei, dass es aber auch keine alternativen Formen der Erinnerungskultur, etwa kleine Erinnerungsstelen, gibt. Hier hemmt das Nachdenken über die beste Form der Erinnerung das Vorankommen, wie er findet. Vorankommen sei aber wichtig.

„Es passiert immer öfter“, so berichtet Nowotny, „dass die Nachfahren der Ermordeten selbst keine Erinnerung wollen – schlicht, weil sie die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit fürchten und glauben, dass sie negative Reaktionen auslösen.“ Dass jüdisches Leben schon wieder die Verborgenheit sucht, Angst hat, aufzufallen, ist für Thomas Nowotny ein Alarmzeichen, das zeigt, wie wichtig jede, auch die kleinste Form der Erinnerung ist.

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Doch es gibt auch in der Region viele Kommunen, die dem Vorhaben gegenüber aufgeschlossen sind: In Stephanskirchen, Niedernburg bei Prutting und Kolbermoor gibt es bereits Stolpersteine, in diesen Gemeinden sogar auf öffentlichem Grund und unter aktiver Beteiligung der dortigen Bürgermeister.

Unterstützung durch die Hausbesitzer

In Rosenheim werden die Stolpersteine für Ewald Thunig, Alexander Wiener, Frieda Wiener, Charlotte Wiener, Katharina Reichner, Isaak Isidor Camnitzer und Franz Gory Kaufmann auf Privatgrund verlegt werden, unterstützt von den jetzigen Hausbesitzern. In der Münchener Straße zum Beispiel werden die Stolpersteine auf Vorschlag der Hausbesitzersfamilie auch noch durch eine Gedenktafel ergänzt, die an die Schicksale der jüdischen Kaufmannsfamilien Wiener und Camnitzer erinnert.

Die Kolbermoorer Stolpersteine erinnern an das italienische Zwangsarbeiterpaar Fernanda und Fortunato Zanobini.

Zur Verlegung der Stolpersteine in Kolbermoor im März vergangenen Jahres kamen spontan über 100 Gäste. Für die Verlegung am Donnerstag ist coronabedingt jedoch eine Anmeldung erforderlich. Die Verlegung wird auch über einen Live-Stream zu verfolgen sein, ebenso die Gedenkfeier, die ab 17 Uhr in der Altkatholischen Kirche an der Kaiserstraße stattfindet. Dort werden die Biographien der sieben Nazi-Opfer noch einmal ausführlich vorgestellt werden.

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