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Die Basis will ernst genommen werden

Kirche funktioniert so nicht mehr: Pfarrei Schwabering hat die Nase voll und fordert Reform

Veränderungen in der Institution Kirche fordert die Pfarrei Schwabering und mit ihr der Pfarrverband Prutting-Vogtareuth. Gleichgesinnte gesucht.
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Veränderungen in der Institution Kirche fordert die Pfarrei Schwabering und mit ihr der Pfarrverband Prutting-Vogtareuth. Gleichgesinnte gesucht.

Jetzt reicht‘s den aktiven Christen der Pfarrei Schwabering. Der Missbrauchsskandal war der Punkt, an dem Unzufriedenheit zu Revolutionsgeist kippte. Eine Reform der katholischen Kirche muss her. Jetzt. In Taten, nicht in Worten. Kardinal Marx weiß schon, was aus der oberbayrischen Idylle auf ihn zu kommt.

Schwabering – Sie haben die Nase voll, die Gläubigen in der Pfarrei Schwabering. Von Bischöfen mit Starallüren, von der bigotten Sexualmoral der Amtskirche, von der Ausgrenzung Gläubiger beim Mahl, vom Pflichtzölibat, von klerikaler Abgehobenheit, vom verkrusteten kirchlichen Arbeitsrecht, vom undurchsichtigen Finanzsystem und vor allem vom Dulden, Drumherumreden und Totschweigen jahrzehntelanger schwerster Missbrauchsvergehen. „Dadurch haben die dafür Verantwortlichen der katholischen Kirche uns an der Basis den Boden entzogen“, schreibt der Pfarrgemeinderat. Es müsse sich Gewaltiges tun in der katholischen Kirche. „Der Mensch – nicht die Institution – muss wieder im Mittelpunkt stehen.“

Von unten Bewegung in die Kirche bringen

In Schwabering gibt es schon lange keinen eigenen Pfarrer mehr. Deswegen organisierte sich die Pfarrei schnell selber und übernimmt im Pfarrverband mit Prutting, Vogtareuth und Zaisering öfter mal die Vorreiterrolle. „Aber die anderen Pfarreien ziehen gerne mit“, unterstreicht Pfarrer Guido Seidenberger, Leiter des Pfarrverbandes.

Die „Graswurzelbewegung“, wie es der ehemalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende Kurt Kantner nennt, das Bemühen, von unten Bewegung in die katholische Kirche zu bringen, sich auf die Ursprünge und Werte des christlichen Glaubens zu besinnen, gefällt Seidenberger. Der selber sagt: „In der Amtskirche ist noch zu wenig angekommen, dass wir eine plurale Gesellschaft sind.“

Kirche „von oben“ funktioniert so nicht mehr, ist man sich im Pfarrverband einig. „Es kommen uns doch immer mehr Menschen abhanden“, sagt Edith Heindl, die 35 Jahre lang als Pastoralreferentin aktiv war. Und das, obwohl Kirche und Glaube vielen Menschen immer noch wichtig sind, spätestens beim Heiraten oder beim Sterben, fügt Seidenberger an.

Im Pfarrverband Prutting-Vogtareuth heißt es „zurück zu den Wurzeln“. Christliche Gemeinschaft und Nächstenliebe zu leben, ist das Ziel. Gleich, ob der Nächste katholisch, evangelisch, alt-katholisch, aus der Kirche ausgetreten, geschieden, wieder verheiratet, schwul oder lesbisch ist. Egal, ob den Wortgottesdienst ein Mann oder eine Frau leitet. Denn: „Die Gemeinschaft ist der Schlüssel“, sagt Kantner. „Kirche lebt von Beziehungen“, formuliert es Seidenberger. „Wir können manche Sachen nicht ändern. Aber wir können Kirche so leben, wie sie ursprünglich gedacht war. Und wir können benennen, was uns an den Strukturen stört.“ Denn die, so sind sie überzeugt, überdecken die Arbeit und Bewegung an der Basis.

Und die hat sich abgekoppelt vom Betrieb Ordinariat. Das hat Seidenberger nicht nur in seinem eigenen Pfarrverband festgestellt, das nahm er auch jüngst bei einer Dekanatsversammlung wahr, zu der er die Erklärung seiner Pfarrgemeinderäte mitgenommen hatte. „Einhellige Unterstützung!“, sagt er und strahlt.

Frustrierte Mittvierziger wieder einzufangen wird schwer, dessen ist man sich im Pfarrverband bewusst. „Zielpublikum“ sind neben den ohnehin Aktiven vor allem die jungen Menschen, angefangen bei den Firmlingen. „Da müssen wir die Freude und das Interesse am Glauben, an der christlichen Gemeinschaft wecken“, sagt Kantner. Das Potenzial ist da, ist sich Seidenberger sicher. In den vergangenen zwei Jahren waren die Gemeindepfarrer für die Firmung zuständig, Seidenberger deswegen, wenn es Corona zuließ, mit Firmgruppen unterwegs. „Da haben sich am Kicker oder am Billardtisch tolle Gespräche ergeben“, erzählt er. Einen Bischof habe bei den Firmungen niemand vermisst. Dieses Jahr kommt er wieder. Auf einen roten Teppich wartet er im Pfarrverband Prutting-Vogtareuth vergebens. Denn in der Erklärung der Pfarrgemeinderäte heißt es auch: „Kirchliche Würdenträger werden wir empfangen, wie alle anderen Gäste in der Pfarrei. Mit Herzlichkeit, aber ohne Prunk.“

Vernetzen mit vielen Gleichgesinnten

Sie wollen kein „kleines gallisches Dorf“ sein, das sich allein der Hierarchie der katholischen Kirche entgegenstemmt. Sie wollen nicht mehr und nicht weniger, als eine Neuausrichtung der Amtskirche. Dazu will sich der Pfarrverband mit vielen Gleichgesinnten vernetzten. Seidenberger hat die Streitschrift in Dekanat mitgenommen, Edith Heindl hat sie an etwa 20 Pastoralreferenten weitergegeben, die Landjugend und ihr Verband sind eingebunden und wer will, findet die Erklärung auf www.pfarrei-schwabering.de unter „Zukunft der Kirche“.

Revoluzzer? Nein. Wie wichtig die Basis für die katholische Kirche ist, hatte schon Papst Johannes XXIII. erkannt und das zweite Vatikanische Konzil eingesetzt. „Da gäbe es einen riesigen Schatz, auch heute noch“, so Edith Heindl, „der ist aber leider völlig in der Hierarchie versackt.“ Naja, sagt Kurt Kantner, „Kardinal Marx bewegt sich ja etwas. Wenn es auch nicht gleich ein Erdbeben ist.“

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