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Der Historiker Jim G. Tobias beleuchtet in seinem Buch unerforschte Geschichte

Sie hatten keine Heimat mehr: Auffanglager für jüdische Kriegswaisen in Prien

Ein Bild vom Strandhotel Märklstetter aus den 50er Jahren. Dort waren nach dem Krieg jüdische Kriegswaisen untergebracht.
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Ein Bild vom Strandhotel Märklstetter aus den 50er Jahren. Auch dort waren nach dem Krieg jüdische Kriegswaisen und Kinder untergebracht.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs brach die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten zusammen. In Prien befand sich von 1946 bis 1948 ein Auffanglager für Kinder und Jugendliche - etwa die Hälfte davon jüdischer Herkunft. Jim G. Tobias hat dazu geforscht und ein Buch geschrieben. Wir stellen seine Erkenntnisse zum Holocaust-Gedenktag (27. Januar) vor.

Prien - Der 68-Jährige Jim G. Tobias beschäftigt seit fast 30 Jahren mit der Geschichte der jüdischen Displaced Persons (DP) – entwurzelte, verschleppte und entrechtete Menschen. Der Historiker schrieb zahlreiche Bücher, produzierte Dokumentationen fürs Fernsehen und Radio. Das neueste Buch heißt „Heimatlos. Displaced Children‘s Camps in Bayerisch Gmain und Prien“ und es ist im Antogo-Verlag Nürnberg erschienen.

In Prien lebten ständig um die 200 jüdische Kinder und Jugendliche im Strand- und im Seehotel, erzählt er. Die Häuser waren nach dem Krieg beschlagnahmt und wurden als DP-Camp von internationalen Organisationen verwaltet.

„Die jüdischen Kinder hatten keine Heimat mehr in Osteuropa, die war vernichtet“, schildert Tobias. Der größte Teil von ihnen sei nach dem Aufenthalt in Prien nach Nordamerika gegangen. Die kanadische Regierung hatte laut Tobias ein spezielles Kriegswaisenprogramm aufgelegt.

Sprachkurse, Sport und Schule

Kanadische und US-amerikanische Sozialarbeiter kamen nach Prien und bereiteten die jungen Menschen auf ihr neues Heimatland vor: „Die Jugendlichen konnten in den Camps eine Schule besuchen und sich weiterbilden, sie bekamen Sprachkurse, es gab Sport und Sportveranstaltungen.“ Aufgrund ihres Verfolgungsschicksals in den Kriegsjahren hätten viele der Kinder und Jugendlichen jahrelang keinen Schulunterricht mehr genossen.

Recherche in den Canadian Jewish Archives in Montreal: Jim Tobias, Archivchefin Janice Rosen (hinten) und ihre Mitarbeiterin Hélène Vallée.

Tobias recherchierte unter anderem im Kanadischen Jüdischen Archiv in Montreal, wo er viele Dokumente und Personalakten vorfand. Darunter seien auch Biografien gewesen, in denen nachzulesen sei, wie die jüdischen Kinder und Jugendlichen durchgestanden hätten. „Viele überlebten in Klöstern, im Untergrund oder im Wald“, sagt Tobias.

„Ein Stück Heimatgeschichte lange Zeit vergessen“

Der Historiker verweist auch auf sein Buch „Heimat auf Zeit – Jüdische Kinder in Rosenheim 1946 bis 47“ über das zentrale Erstaufnahmelager für jüdische Jungen und Mädchen. Zu den Recherchen für dieses Buch vor rund 20 Jahren habe er auch über die OVB-Heimatzeitungen Zeitzeugen gesucht, sagt er. Er spricht von einem „spannenden Stück Heimatgeschichte“, das leider vergessen und verdrängt worden sei: „Wenn man sich eingestanden hätte, da leben Waisen, hätte man sich die Frage stellen müssen, wer hat die Eltern umgebracht.“

Für Tobias ist das Fehlen solcher Dokumente vor Ort in Deutschland nichts Ungewöhnliches, wie er sagt: „Die meisten Unterlagen sind in den Vereinigten Staaten. In New York gibt es ein großes jüdisches Archiv. Das ist sehr aufschlussreich, anhand der Dokumente kann man die Geschichte gut nacherzählen.“ Auch in israelischen Archiven ist er fündig geworden.

Die Bilder aus dem Buch stammten ebenfalls aus Archiven und teilweise sogar aus Privatbesitz von ehemaligen Bewohnern.

Zeitzeugen werden immer weniger

Er habe noch mit Personen in Israel sprechen können, die im Camp in Bayerisch Gmain (Berchtesgadener Land) gelebt hatten, mit ehemaligen Prien-Bewohnern jedoch nicht, da musste er sich mit Video- und Audiointerviews begnügen. Von den Zeitzeugen leben nicht mehr viele.

Tobias zieht eine Parallele in die heutige Zeit zu den minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen: „Das Kriegswaisenprogramm in Kanada galt nur für junge Menschen bis 18 Jahre. Nicht wenige Jugendliche in diesen Heimen haben sich deshalb jünger gemacht, das wussten die kanadischen Sozialarbeiter auch, aber sie haben beide Augen zugedrückt.“ Und so den jungen Menschen eine Perspektive gegeben.

Für Interessierte verweist Tobias auf diese Internetseite. In diesem Lexikon gibt es Informationen über jüdische DP-Camps und Communities in den westlichen Besatzungszonen nach 1945.

Wer Prien in die Suchbox eintippt, kommt dort auf weitere Informationen. Im Impressum ist das Nürnberger Institut angegeben, das Tobias leitet.

(„Heimatlos.Displaced Children’s Camps in Bayerisch Gmain und Prien“, Jim g. Tobias, Antogo-Verlag Nürnberg 174 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-393828654948).

Nothilfe:

Der Priener Kulturbeauftragte und Kreisheimatpfleger Karl J. Aß bestätigt auf Anfrage, dass im Gemeindarchiv der Marktgemeinde keine Unterlagen über die Children‘s Center vorhanden sind. Dagegen findet sich folgender Eintrag im neuen Priener Heimatbuch, Band 1, Seite 279: „Diverse Liegenschaften waren von den Amerikanern beschlagnahmt worden, so beispielsweise das Strandhotel Mäklstetter, in dem sich ein Rückwandererheim für Mitglieder der NSDAP-Auslandsorganisation befand. Im Sommer 1946 eröffnete die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) eine Nothilfeorganisation der Vereinten Nationen, in diesem Gebäude ein Heim für jüdische Kinder. Mehr als zwei Jahre lebten hier etwa 250 Kinder.“

Priener Wasserschutzpolizei holte Flugzeugtank aus dem Chiemsee:

Der Nußdorfer Diplom-Kaufmann Rainer Esterer beschäftigt setzt sich ebenfalls intensiv mit der Geschichte der Camps für Displaced Persons (entwurzelte und entrechtete Menschen) auseinander. Er ist als Oberregierungsrat beim Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei in Ainring (BFPI) im Berchtesgadener Land beschäftigt. Auf dem Gelände der Einrichtung im Ortsteil Mitterfelden befanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg zwei solcher Camps. Davor waren dort zu NS-Zeiten ein Regierungsflughafen und die Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug untergebracht, die ausschließlich dem Schreckensregime und ihren schrecklichen Absichten dienten. All dies ist am BPFI in der Dokumentationsausstellung „Mitten im Feld“ aufgearbeitet, die von Esterer mitbetreut wird. Ihm sind auch die Children‘s Center in Prien bekannt, wie er gegenüber den OVB-Heimatzeitungen sagt. Detaillierte Kenntnisse speziell dazu hat er jedoch nicht. Ein ausführliches Interview mit Esterer lesen Sie hier. Darin spricht er unter anderem auch über einen Besuch des Buchautors Johannes K. Soyener. Der war wegen Recherchen zu seinem Krimi „Toteissee“, den er im Zuge der tausendjährigen Gründungsfeier der Stadt Rosenheim geschrieben hatte, in die Dokumentations-Ausstellung ans BPFI gekommen. Esterer: „Wir hatten damals gemeinsam mit der Wasserschutzpolizei in Prien einen Zusatztank für amerikanische Kampfflieger aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Chiemsee geborgen, der sich in der Ausstellung befindet, was damals durch die Presse ging und Herrn Soyer auf uns aufmerksam machte.“