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Corona-Krise belastet Familien zunehmend

Erziehungsberatung in Corona-Zeiten: „Mehr Ängste, mehr Aggressionen in Familien“

Familien haben aus meiner Sicht zu wenig Lobby“: Der Diplom-Psychologe Dr. Michael Fürst an seinem Arbeitsplatz. Foto: re
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Familien haben aus meiner Sicht zu wenig Lobby“: Der Diplom-Psychologe Dr. Michael Fürst an seinem Arbeitsplatz.
  • Ulrich Nathen-Berger
    VonUlrich Nathen-Berger
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Hochkonjunktur für Erziehungsberater auch in Prien: Die Corona-Krise sorgt bei Familien mit Grundproblemen für mehr Ängste und mehr Aggressionen. Über besondere Herausforderungen sprach die Chiemgau-Zeitung mit dem 64-jährigen promovierten Diplom-Psychologen und Sozial-Pädagogen Dr. Michael Fürst.

Prien – Die Auswirkungen der Corona-Pandemie stellen den Alltag vieler Familien auf den Kopf: Kinder bleiben zuhause, weil Kitas oder Schulen geschlossen sind; Eltern sind in Kurzarbeit oder arbeiten im Home-Office. Soziale Kontakte werden eingedampft oder fallen weg, Probleme in vorbelasteten Familien werden größer, Konflikte spitzen sich zu.

Das spüren derzeit vor allem die Experten von Erziehungsberatungsstellen, wie Dr. Michael Fürst von der Kinder-, Jugend und Familienhilfe Prien der Caritas München und Oberbayern. Über diese besonderen Herausforderungen sprach die Chiemgau-Zeitung mit dem 64-jährigen promovierten Diplom-Psychologen und Sozial-Pädagogen.

Wie spüren Sie das in Ihrer Arbeit als Erziehungsberater?

Dr. Michael Fürst: Im Vergleich des ersten Lockdown mit dem zweiten war beim ersten teilweise eine Verbesserung der Situationen in den Familien zu verzeichnen, die schon ein Grundproblem hatten. Bei der zweiten Maßnahme gerieten fast alle Familien in einen schlechteren Zustand, was das Verhalten und die Gefühle angeht.

Die Kinder, die zu uns kommen, zeigen deutlich vermehrte Ängste, Aggressionen, aber auch Depressionen – was eine Folge von lang anhaltenden Ängsten ist – und Trauer oder Verwirrung über das Erlebte.

Was sind dabei die primären Themen, die Sie beschäftigen?

Dr. Fürst: Das hängt ab vom Alter der Kinder, am meisten vertreten sind sie im Grundschulalter. Sie belastet besonders die Kontaktbeschränkung, dass sie ihre Freunde nicht mehr treffen können, so gibt es für sie keine neuen Anregungen, keinen Austausch.

Viele kommen nicht zurecht mit dem ständigen Hin und Her von Wechselunterricht in der Schule und Distanzunterricht zuhause. Sie leiden, weil sie nicht genügend Selbstdisziplin haben. Das sind gravierende Punkte, durch die sich langfristige Schwierigkeiten entwickeln können – wenn nicht gegengesteuert wird.

Mit welchen Mitteln kann Ihnen das gelingen?

Dr. Fürst: Aus Langzeitstudien lassen sich Ableitungen für die Gegenwart herziehen. Wenn in Familien mit widrigen Umständen eine stabile Bezugsperson da war, haben sich Kinder auch über einen Zeitraum von 30 Jahren hin zum Erwachsenen gut entwickeln können. Springen wir in die Gegenwart, bedeutet das, wenn eine Bezugsperson da ist, dann werden sich die Kinder – ähnlich wie ein Leuchtturm-Effekt – an diese Person wenden und ausrichten.

Sie muss natürlich bestimmte Eigenschaften und Kompetenzen aufweisen und Geborgenheit oder Trost vermitteln können, Verständnis zeigen – einfach da sein. Für schulische oder soziale Belange sollte die Bezugsperson auch entsprechende Fertigkeiten mitbringen.

Welche Chancen haben Sie als Erziehungsberater, dies zu erfüllen?

Dr. Fürst: Wir stellen sozusagen eine Hilfe zur Selbsthilfe dar. Der wichtigste Punkt ist in Beratungsgesprächen zunächst, dass die Familien sich verstanden fühlen. Dann schauen wir darauf, was bei ihnen gut funktioniert – das nennen wir Ressourcenblick – und suchen anschließend gemeinsam Veränderungswege.

Um helfen zu können ist es wichtig, dass die Familien Vertrauen zu Ihnen aufbauen. Ist das der Garant für Ihren Beratungserfolg?

Dr. Fürst: Es kann sein, dass schon ein Einzelgespräch Erfolg bringt, es kann sich aber auch eine ein- bis zweijährige Beratungszeit entwickeln. Die ist abhängig vom Entwicklungsschritt des Kindes oder der Verfassung der Familie.

Bei Trennungs- oder Scheidungskindern ist die Problematik besonders intensiv, weil sie eine besondere Dynamik durchleben mit den Fragen, zu wem gehöre ich, verliere ich Mama oder Papa, oder beide, wo lebe ich. Das ist eine zusätzliche Belastung, die für die Psyche der Kinder eine gravierende Schädigung bedeuten kann.

Bieten Sie derzeit Ihre Beratungen nur online an oder gibt es auch Direktkontakte?

Dr. Fürst: Online-Beratungen bieten wir für ältere Kinder und Eltern an, dazu E-Mail-Beratungen, zudem Telefon- oder Video-Beratungen auch mit Konferenzen, natürlich auch die persönliche Beratung unter den geltenden Hygienebedingungen.

Ist der direkte Kontakt nicht sehr wichtig, um über die Körpersprache des Ratsuchenden herauszufinden, wie er emotional reagiert? Das ist doch bei der Online-Beratung viel schwieriger…

Dr. Fürst: …da haben Sie recht, das ist eine zweischneidige Sache. Manche Familien sagen, dass sie ihren Berater direkt erleben wollen, aus dessen Sicht verhält es sich genauso. Am Telefon oder auch online fehlen mir eine ganze Menge an Sinnes- und Informationsquellen.

Bei einem Acht-Stunden-Tag wird das richtig anstrengend, weil ich mich zum Beispiel auf die Untertöne im Gespräch und ihre Deutung äußerst konzentrieren muss. Beim Direktkontakt habe ich viel mehr Möglichkeiten der richtigen Einschätzung.

Wo würden Sie als politischer Entscheidungsträger ansetzen, um vor allem diese Corona bedingten psychischen Mehrbelastungen der Familien zu begrenzen?

Dr. Fürst: In der Sozialpolitik ist sicher wichtig, eine sogenannte Verantwortungsgemeinschaft für Familien zu gründen. Das bedeutet einen Zusammenschluss von Politik, Arbeitswelt, Kindertagesstätten und Schulen. Die Familien haben aus meiner Sicht zu wenig Lobby im Gegensatz zur Arbeitswelt.

Wo laden Sie eigentlich ab, wenn Ihr persönliches Verarbeitungs-Level an Grenzen stößt?

Dr. Fürst: Mir helfen Joggen, Radeln oder Sit-Ups – (lachend) und das täglich mindestens eine Stunde lang.

Zielgruppe und Angebote der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Prien

Zielgruppe: Eltern, Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, andere Erziehungsberechtigte, Kontaktpersonen wie zum Beispiel Fachkräfte aus anderen Institutionen

sowie alle, die im Umgang mit Kindern und Jugendlichen Fragen haben.

Angebote:Diagnostik; Beratung; Therapie einzeln, mit Ehepaaren, Familien, in Gruppen; pädagogisch-psychologische Stellungnahmen; Fachberatung; Supervision; Vermittlung in geeignete Maßnahmen; Zusammenarbeit mit anderen Institutionen Beratung für pädagogische Fachkräfte und Institutionen. Informationsveranstaltungen zum Lernen mit Kindern.

Kontakt und Informationen: Telefon 0 80 51/6 12 40; Fax 0 80 31/20 37 29; E-Mail czrosenheimeb@caritasmuenchen.de

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