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Als Hobbykünstler auf Weihnachtsmärkten unterwegs

„Drechseln ist wie Urlaub“: Wie ein Kolbermoorer Geschichten aus Holz erzählt

An den Adventswochenenden ist Manfred Rackl aus Kolbermoor ausgebucht. Dann steht der Berufsfeuerwehrmann auf Weihnachtsmärkten und erzählt Geschichten aus Holz.
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An den Adventswochenenden ist Manfred Rackl aus Kolbermoor ausgebucht. Dann steht der Berufsfeuerwehrmann auf Weihnachtsmärkten und erzählt mit seinen Drechselarbeiten Geschichten aus Holz.

Die Adventswochenenden sind bei Manfred Rackl aus Kolbermoor ausgebucht. Dann steht der Berufsfeuerwehrmann auf Weihnachtsmärkten und erzählt Geschichten aus Holz. Wie er das macht, und was Zirbenholz mit einem Walfisch zu tun hat.

Kolbermoor – „Die Natur ist der größte Künstler. Und so gibt mir das Holz die Ideen für meine Arbeiten“, sagt Manfred Rackl. In seiner „Drechselbude“ in Kolbermoor hat er schon so manchem „Klotz“ neues Leben eingehaucht. Aus einer australischen Grasbaumwurzel oder dem Veredlungsknoten eines Apfelbaumes drechselte er Obstschalen. Die Maserknolle eines Eykalyptusbaumes verwandelte er in eine Standuhr. Aus einem Stück Kaffeebaum entstand der Sockel für einen Tisch.

Die Natur ist der Ideengeber: Aus einer australischen Grasbaumwurzel (links) oder dem Veredlungsknoten eines Apfelbaumes (rechts) drechselte er Obstschalen. Die Maserknolle eines Eykalyptusbaumes (Mitte) verwandelte er in eine Standuhr.

Doch der Kolbermoorer verarbeitet nicht nur Exoten. Meist verwendet er einheimische Hölzer. Jede seiner Arbeiten hat eine eigene Geschichte, denn Rackl weiß genau, woher das Holz kommt oder wo der Baum stand. „Die Leute bringen mir sogar Holz aus ihrem Garten und wünschen sich daraus ein Erinnerungsstück“, erzählt er.

Vor mehr als 50 Jahren wurde Rackls Leidenschaft fürs Drechseln geweckt. „Unser alter Nachbar in der Ottostraße war Wagnermeister, fertigte Wagen- und Kutschenräder an. Ich habe es geliebt, ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Doch am meisten hat mich begeistert, wie er Radnaben drechselte“, erinnert sich der heute 61-Jährige an die Anfänge.

Leidenschaft fürs Drechseln entfacht

Wagnermeister Röckenschuss zeigte ihm die Grundlagen des Handwerks. Die Feinheiten erschloss sich Rackl selbst. Er ist von der Bandbreite des Handwerks begeistert: „Wenn Du Holz bearbeitest, siehst Du sofort das Ergebnis. Die Drechslerei hat so viele Sparten. Du machst eine Tür auf und stehst schon vor einer anderen“, schwärmt er.

Zu seinem Beruf hat er die Holzbearbeitung damals trotzdem nicht gemacht. Er wurde Kaminkehrer, stieg mit 14 Jahren ehrenamtlich bei der Feuerwehr Kolbermoor ein, ging mit 26 zur Berufsfeuerwehr nach München und fuhr dort viele Jahre als Rettungsassistent auf dem Notarztwagen. „Da habe ich viele Kinder zur Welt gebracht“, erzählt er lachend.

„Eine Stunde Drechseln ist wie eine Woche Urlaub“, sagt Manfred Rackl. In 34 Jahren bei der Berufsfeuerwehr München war die Drechselbank für ihn ein guter Ausgleich. Als Rentner ist er nun fast täglich in seiner Werkstatt.

Nach den 24-Stunden-Schichten oder dramatischen Einsätzen stand er in seiner Werkstatt und vertiefte sich ins Holz. „Das hat mir immer geholfen, runterzukommen“, sagt er: „Eine Stunde Drechseln ist wie eine Woche Urlaub.“

Seine erste Drechselbank baute er aus einem alten Waschmaschinenmotor. „Das habe ich aber schnell gelassen, denn es ist schon eine gefährliche Sache, wenn man die Geschwindigkeit nicht beeinflussen kann“, beschreibt er.

Rackl hat sich vieles selbst angeeignet: das Haus aus dem Jahr 1868 renoviert, die Kinderzimmermöbel und die Küche gebaut. „Und dabei einfach die alte Küche zerlegt und nachgebaut“, erinnert er sich.

Ideales Hobby für die Rentenzeit

Mit 50 Jahren machte er sich Gedanken darüber, womit er seine Rente ausfüllen würde und richtete sich in der alten Werkstatt seine „Drechslerbude“ ein. Heute ist sie perfekt organisiert. Neben Holzlager, Drechselbänken, Bandsägen und Poliermaschine machte er seine Schränke zu wahren Stauwundern für Bohr- oder Schleifstationen und alle anderen Utensilien, die er braucht.

Nach 34 Jahren bei der Berufsfeuerwehr ist er im September 2021 in Rente gegangen. Nun hat er noch mehr Zeit für sein Hobby und ist täglich in seiner Werkstatt. Seine Markenzeichen sind Brotdosen aus Zirbe, Pfeffer- und Muskatmühlen aus den verschiedensten Hölzern und mit den schönsten Maserungen. „Das sind Augen- und Handschmeichler“, sagt er und erklärt, wie er das Holz an den Polierbürsten mit Carnauba-Wachs zum Glänzen bringt, denn: „Holz lebt, solange es existiert. Es atmet und bewegt sich, deshalb wird bei mir nichts lackiert.“

An den Polierbürsten bringt Rackl das Holz mit Carnauba-Wachs zum Glänzen, denn: „Holz lebt, solange es existiert. Es atmet und bewegt sich, deshalb wird bei mir nichts lackiert.“

Zirbenholz sei besonders ergiebig, erklärt er: „Es ist wie ein Walfisch. Du kannst alles verarbeiten.“ Und so sticht er mit einem Schalenstecher die Formen für Deckel aus den Rohlingen, die zu Schalen werden sollen. Die Späne werden gesiebt und zu Zirbenkissen oder -säckchen verarbeitet. Das Sägemehl bekommt der Metzger zum Räuchern. Ist das Holz sanft an der Luft getrocknet und hat eine Restfeuchte von 15 Prozent, verarbeitet er es zu Brotdosen.

Brotdosen aus Zirbenholz (links) fertigt Rackl besonders gern und in verschiedenen Größen an, aber auch ein kleine Zuckerdosen wie diesen Apfel (rechts), für den er verschiedene Hölzer kombinierte.
Auch seinen Humor verarbeitet der Drechsler in Holz: „Manche Leute verbiegen sich bis zum Gehtnichtmehr und nageln sich dann doch ins Knie“, sagt er (links). Seine lustigen Minischränkchen (rechts) entstanden an der Bandsäge.

Für seine Arbeiten kombiniert er die verschiedensten Hölzer, Wurzeln und Früchte: Kirsche, Esche, Ahorn, karelische Birke, Eibe, Zirbe, Nuss, Mammut- oder Ebenholz, Thuja-Wurzeln oder Thika-Nüsse. „Es gibt so viele tolle Hölzer“, schwärmt er. Er freut sich, wenn seine Arbeiten Anerkennung finden und ist besonders stolz, dass er als „Laie“ unter vielen Profis auf dem Drechselforum im Erzgebirge eine Auszeichnung erhielt.

Kreativ verarbeitet der Kolbermoorer verschiedene Hölzer. Aus Thika-Nüssen wurden Wichtel (links), beim Honigtopf (Mitte) faszinierte ihn besonders die Maserung des Holzes. Für seine Dose aus karelischer Birke und Ebenholz (rechts) erhielt er eine Auszeichnung.

Dass er die Schönheit der Natur bewahrt und hervorhebt, macht seine Werke so besonders. Deshalb kommen auch viele Menschen mit Hölzern zu ihm, die für sie eine besondere Bedeutung haben, weil sie mit ihnen über Jahrzehnte zusammenlebten. So fertigte er beispielsweise auf Wunsch einer Familie für ihren verstorbenen Großvater eine Urne aus dem alten Nussbaum in dessen Garten. Eine besonders emotionale Arbeit.

Eine besonders emotionale Arbeit: Auf Wunsch einer Familie fertigte Rackl für ihren verstorbenen Großvater eine Urne aus dem alten Nussbaum in dessen Garten. Dabei brachte er die Schönheit der Natur zur Geltung.

Seit zehn Jahren präsentiert Manfred Rackl seine Drechselarbeiten auf Märkten. Und so sind auch seine Adventswochenenden schon seit Jahren ausgebucht. Diesmal startet er im Trachtenkulturzentrum in Holzhausen, ehe er an drei Wochenenden den Weihnachtsmarkt seiner Heimatstadt Kolbermoor bereichert. Die Besucher dürfen gespannt sein auf „Fredls Drechselbude“ und die Geschichten, die seine Arbeiten erzählen.

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