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Rezension

Das Junge Theater Rosenheim will mit dem Stück „Kohlhaas“ zum Nachdenken anregen

Der Schauspieler Andreas Schwankl schlüpft in mehrere Rollen, während Kohlhaas durchgehend von Benedikt Zimmermann gespielt wird.
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Der Schauspieler Andreas Schwankl schlüpft in mehrere Rollen, während Kohlhaas durchgehend von Benedikt Zimmermann gespielt wird.

Mit der Neuinszenierung des Klassikers „Kohlhaas“ nach Heinrich von Kleist bringt das Junge Theater Rosenheim (JTR) ein tagesaktuelles Stück auf die Bühne. Der Protagonist wird zum Sinnbild eines Menschen, der um sein Recht kämpft. Noch bis zum 26. Juni wird das Stück in der Bühne im Künstlerhof zu sehen sein.

Rosenheim – Auslöser und Angelpunkt der Handlung ist die ungerechte Behandlung des Pferdehändlers Michael Kohlhaas durch den Landherren Junker von Tronka. Als Kohlhaas diesen vor Gericht bringen will, scheitert der langwierige Rechtsstreit an der Vetternwirtschaft. Eins führt zum anderen und atemlos beobachtet der Zuschauer, wie sich Kohlhaas zum gerechten Rächer entwickelt, zum „Erzengel Michael“, der in seinem Privatkrieg Köpfe rollen lässt und Städte in Brand steckt.

Diskussionen anregen und junges Publikum ansprechen

Das Junge Theater will mit diesem Stück vor allem ein junges Publikum ansprechen und zur Diskussion anregen. Denn die Fragen, die Kleist in seiner Novelle behandelt, wie „Wie kommt man zum Recht, wo es keine Gerechtigkeit gibt?“, lassen sich ohne Weiteres auch ins Heute übernehmen.

Insbesondere die Debatte, die vergangenes Jahr um die Ermordung des Afroamerikaners George Floyd entbrannte, habe das JTR dazu bewegt Kleists Kohlhaas neu zu inszenieren.

Aufwendiges Bühnenbild

Wie aber kann diese Epik, dieser fast pausenlose Text, auf die Bühne gebracht werden? Vielleicht könnte man mit einem aufwendigen Bühnenbild anfangen, vielleicht mit einer großen Walze, einer riesigen Maschine, die Kohlhaas entgegenrollt, wie Regisseur Ulrich Rasche es in den Kammerspielen tat. Oder sich einfach einen Spaß daraus machen und die mitreißende Novelle, wie Regisseur Antú Romero Nunes es im Thalia-Theater wagte, zur Komödie machen.

Minimalistisch inszenieren

Aber der Regisseur Domagoj Maslov und die Schauspieler Andreas Schwankl und Benedikt Zimmermann wandeln Kohlhaas gerade dadurch sinnvoll ins Drama um, indem sie minimalistisch inszenieren und hart am Originaltext bleiben. Der Zuschauer hat stets das Gefühl – die wissen genau, was sie tun. Und kann sich so von den spannungsgeladenen Dialogen mitreißen lassen.

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Die Kleist-Zunge, „Kleist pur“, wie Schwankl es ausdrückt, schafft es auch ohne viel Schnickschnack zu fesseln. Das reduzierte Bühnenbild erlaubt es dem JTA außerdem „Kohlhaas“ als mobiles Stück zu spielen und beispielsweise auch in Schulen aufzuführen.

Ehefrau, Junker oder überheblicher Gerichtsdiener

Der mit der Novelle Bewanderte mag sich dennoch fragen, wie die vor Personen und Wendungen strotzende Handlung von nur zwei Schauspielern in ein bisschen mehr als einer Stunde wiedergegeben werden kann. In Maslovs Inszenierung ist Benedikt Zimmermann, der Kohlhaas verkörpert, der Angelpunkt. Um diese feste Instanz spielt Andreas Schwankl – mal den ungerechten Junker, mal den überheblichen Dresdener Gerichtsdiener, mal die verzweifelte Ehefrau Lisbeth, die im Sterben liegend Kohlhaas aufruft dem Junker zu vergeben. Doch der betrogene Pferdehändler ist schon in seinem Wahn gefangen und beginnt einen brutalen Rachefeldzug.

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Es soll hier keine falsche Vorstellung vermittelt werden: die Darsteller kämpfen nicht, es wird niemand geköpft, nicht auf Pferden geritten, nichts angezündet. Sowohl das Bühnenbild als auch die Darstellung ist minimalistisch. Die Schauspieler arbeiten mit einigen wenigen Requisiten und folgen keiner streng einstudierten Choreografie. Der Zuschauer muss also aufmerksam bleiben, um dem Wechsel von einer Szene in die nächste folgen zu können.

Unaufhaltsame Gewaltspirale

Aber will man hier überhaupt so differenzieren? Kann man das bei Kleists Kohlhaas mit zwei Darstellern? Dem Jungen Theater geht es wohl eher darum, den Grundton des Textes aufzunehmen, nämlich eine unaufhaltsam sich entfaltende Gewaltspirale. Hat das Publikum das einmal akzeptiert, so lässt er sich mitreißen von den Schauspielern, die sich den Text zu eigen gemacht haben.

Und wenn dann Kohlhaas (Zimmermann) im vollen Scheinwerferlicht auf der Bühne steht und der Erzähler (Schwankl) vom hinteren Teil des Zuschauerraums aus von „rollenden Köpfen“ und „brennenden Städten“ spricht, so ist der Zuschauer mitten im Geschehen – zwischen einem in Konflikt gefangenem Menschen und dem erhitzten Erzähler.

Nicht mit dem Schlussapplaus abgeschlossen

Man könnte einwenden: Da muten die Schauspieler ihrem jungen Zielpublikum aber allerhand zu. Doch dem JTR gelingt, was sie beabsichtigt haben: Es ist eine so eindrückliche Inszenierung, dass das Stück für das Publikum nicht mit dem Schlussapplaus abgeschlossen ist, sondern die Frage bleibt: Ist eine Selbstjustiz, wie sie Kohlhaas übt, „Rechtschaffen oder Entsetzlich?“

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