Rosenheim bewirbt sich als Modellstadt

Corona-Kontaktverfolgung: Rosenheimer Software soll mehr Freiheit ermöglichen

Entwickelten für Rosenheim eine digitale Lösung zur Abfrage von Testergebnissen (von links): Nicolas Schlecker und Tobias Jonas.
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Entwickelten für Rosenheim eine digitale Lösung zur Abfrage von Testergebnissen (von links): Nicolas Schlecker und Tobias Jonas.

Mit der Bewerbung als Modellstadt in Sachen Öffnungen verbindet Rosenheim die Hoffnung, die coronabedingten Fesseln ihrer Bürger lockern zu können. Helfen soll dabei eine Software aus Rosenheim. Eine Lösung selbst für jene, die kein Smartphone besitzen.

Rosenheim – Es gibt Wochen, in denen Tobias Jonas auf die ein oder andere Stunde Schlaf verzichtet. Da geht es ihm nicht anders seinen beiden Geschäftspartnern Anton Spöck und Maximilian Grassel. Und den rund zehn Angestellten der Rosenheimer Softwareschmiede „innFactory“. Jüngst war wieder solch eine Phase.

900 Zeichen für mehr Möglichkeiten

Die vielen Arbeitsstunden der vergangenen Wochen sieht man dem 29-jährigen Geschäftsführer Tobias Jonas nicht an. Nachdem bekannt wurde, dass sich Rosenheim bei der Regierung des Freistaats als Modellstadt für mehr Öffnungen bewerben will, gingen Jonas und seine Mitstreiter in die Offensive. Sie boten der Stadt ein Konzept an, um die Kontaktverfolgung so einfach wie möglich zu halten. Vor allem: digital.

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Das Ergebnis nennen sie „Corsign“, die Kurzfassung für „Corona Signing“. Auf diese Lösung setzt Rosenheim inzwischen tatsächlich bei seinen Bemühungen, mit Segen der Landesregierung zu besagter Modellstadt zu avancieren.

Vor einem gekrümmten großflächigen Monitor sitzt Tobias Jonas und blickt auf ein paar Zeilen Programmcode. Rund 900 Zeichen hat jener Schlüssel, der den Weg zu mehr Freiheit in Rosenheim ermöglichen soll.

Negativer Corona-Test: Informationen als QR-Code

Gespeichert sind die Informationen in Form eines QR-Codes, einem Piktogramm aus vielen kleinen schwarzen Punkten. Einen solchen Code erhalten all jene, die auf das Corona-Virus getestet wurden – per E-Mail oder als Ausdruck. Egal ob als digitales Bild oder auf Papier:

Der Besitzer eines solchen QR-Codes kann sich als Person ausweisen, die negativ auf das Virus getestet wurde. Gastronomen und Händler können dieses Bild mit einem Smartphone scannen und prüfen, ob das Testergebnis negativ und das Piktogramm authentisch ist.

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Integriert ist das Konzept derzeit in die Applikation „Darf ich rein?“, einer der bereits erhältlichen Tracing App. Im Infektionsfall sollen diese Werkzeuge helfen, Kontaktketten nachzuverfolgen. Sie dienen aber auch als Türöffner für Läden und Gastronomie.

Anbindung an jede Tracing App möglich

Prinzipiell, sagt Jonas, ist die Anbindung an jedwede solcher Tracing Apps möglich. Auch mit dem von Bayern bevorzugten Programm Luca. Das wiederum ist jüngst wegen Sicherheitslücken in die Kritik geraten. Die offenen Stellen der Software ermöglichten, den Aufenthaltsort der Nutzer zu bestimmen und aus diesen Daten Bewegungsprofile zu erstellen, warnen Stimmen in der IT-Fachpresse.

„Mehrwert für die Region“

„Wir haben uns gedacht: Wie soll das funktionieren, wenn man das nicht voll digital umsetzt?“, schildert Tobias Jonas, warum er mit seiner Firma an die Stadt herangetreten ist. Es mag sicherlich Geld für das Projekt fließen, aber letztendlich gibt sich der Informatiker auch idealistisch: „Wenn man weiß, man kann helfen, treibt einen das an.“ Der Familienvater spricht gleichzeitig von einem „Mehrwert für die Region“, die er mit seiner Softwarelösung und der damit möglichen Öffnung von Geschäften und Lokalen schaffen will.

Entscheidung über Modellstadt-Projekt erst am 26. April

Viel Freizeit zumindest habe er in den vergangenen Wochen keine gehabt. Die Frist für die letzte Zeile Programmcode wäre eigentlich am 12. April abgelaufen. Doch schon zuvor wurde bekannt: Die Staatsregierung legt ihre Pläne für Modellstädte vorerst auf Eis. Erst am 26. April soll in der Münchner Staatskanzlei eine Entscheidung fallen. Bis dahin könnte auch schon ein verschärftes Infektionsschutzgesetz gelten mit dem Berlin bundeseinheitlich die Corona-Notbremse ziehen könnte.

Bugl: Datenfluss ohne Medienbruch

Unterstützung erhalten die Programmierer zumindest von Rosenheims Wirtschaftsdezernenten Thomas Bugl: Der Ablauf sei komplett digital, ohne das Daten händisch nachgetragen werden müssten. Zudem habe das IT-Unternehmen bereits das Portal für die Terminvereinbarung am Impfzentrum programmiert.

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Einen Nachteil hingegen sieht der Dezernent: Die Lösung sei zu sehr auf besagte App „Darf ich rein?“ fixiert und damit nicht auf die Luca App, mit der Bayerns Gesundheitsministerium derzeit als Lösung zur Kontaktverfolgung liebäugelt. Wenngleich auch Bugl die Kritik an dem Programm zur Kenntnis genommen hat. Sein Wunsch: Die Hersteller solcher Tracing Apps sollen nach Möglichkeit ihre Schnittstellen offenlegen, damit auch das Rosenheimer System dort eines Tages an diese andocken kann.

Das Verfahren: Vom Negativtest bis zum QR-Code

Um einen QR-Code für Getestete zu erzeugen, legen die zuständigen Behörden fest, welche Testzentren vertrauenswürdig sind. Die QR-Codes können die Zentren über ihre Testsoftware generieren. Lässt deren Programm das nicht zu, besteht die Möglichkeit, die Codes über das Webportal der Behörde, die zugleich als Signierstelle für das ausgestellte Zertifikat dient, erzeugen zu lassen. Der Code selbst beinhaltet zumindest den Namen der getesteten Person, das Testergebnis und eine Kontaktmöglichkeit. Nur im Fall, dass ein Test positiv ausfällt, informiert die Software die Gesundheitsbehörde hierüber. Datensätze über negative Tests werden gelöscht, an Information verbleibt allein der QR-Code. Dieses Zertifikat bleibt freilich nicht für die Ewigkeit, sondern ist mit einem Zeitstempel versehen. Den Zeitraum bis zum Verfall bestimmt die zuständige Behörde.

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