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Pfleger Michael Steidl über Corona

„Impfen statt Klatschen“: Klare Ansage eines Pflegers aus der Notaufnahme des Rosenheimer Romed-Klinikums

Ist nachdenklich und müde: Michael Steidl arbeitet seit 13 Jahren in der Zentralen Notaufnahme des Romed-Klinkums. Im Juli 2021 hat er die pflegerische Leitung übernommen.
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Ist nachdenklich und müde: Michael Steidl arbeitet seit 13 Jahren in der Zentralen Notaufnahme des Romed-Klinkums. Im Juli 2021 hat er die pflegerische Leitung übernommen.

Rosenheim – Stress, Frust, Überlastung: Die vierte Welle hinterlässt Spuren. Vor allem bei denen, die an vorderster Front kämpfen. Michael Steidl arbeitet seit 13 Jahren in der Zentralen Notaufnahme des Romed-Klinikums. Jetzt spricht er von seinem Alltag, vollen Betten auf der Intensivstation und der fehlenden Anerkennung für seine Arbeit.

Sie hören sich müde an.

Michael Steidl: Bin ich auch. Weil es einfach viel Arbeit ist, die wir haben. Und es ist schon seit anderthalb Jahren viel Arbeit. Jetzt sind wir mitten in der vierten Welle. Und ich habe ein bisschen Angst, dass es noch viel mehr Arbeit wird, als wir ohnehin schon haben. Das stimmt mich schon sehr nachdenklich.

Warum nachdenklich?

Steidl: Weil ich nicht weiß, wie wir das dann alles noch stemmen können, wenn wir überrannt werden von den vielen Patienten. Es kommen ja nicht nur Corona-Patienten zu uns, sondern auch noch andere erkrankte Menschen, die ebenfalls versorgt werden müssen. Wir wollen nach wie vor eine bestmögliche Versorgung leisten können. Und das ist im Moment schwierig, gerade wenn man einen hohen Anspruch an sich hat.

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Hätten Sie damit gerechnet, dass uns die vierte Welle so hart trifft?

Steidl: Nein. Ich habe gehofft, dass die Bevölkerung vernünftig ist und sich impfen lässt. Aber man hat es ja schon im Sommer gesehen, als die Zahlen wieder gefallen sind und auch der Impffortschritt wieder zurückgegangen ist. Aber dass es so krass ist wie momentan, hätte ich nicht gedacht.

Und doch ging das normale Leben – zumindest in den vergangenen Wochen – weiter.

Steidl: Für mich findet das normale Leben schon lange nicht mehr statt. Ich komme abgekämpft nach Hause und habe überhaupt keine Motivation mehr, noch irgendetwas zu machen. Ich habe immer noch die Sommerreifen bei mir im Auto, weil ich einfach keine Energie habe, sie auszuladen und in die Garage zu legen, weil ich einfach ausgepowert bin. Und da bin ich nicht der Einzige im Kollegenkreis. So geht es vielen. Die Situation, die gerade herrscht, bringt uns an unsere Grenzen.

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Wie oft haben Sie in der Notaufnahme mit Corona-Patienten zu tun?

Steidl: Täglich. Und das ist auch ein bisschen das, was uns sauer aufstößt. Es wird immer nur darüber berichtet, wie überlastet die Intensivstationen sind und wie viel Arbeit sie haben. Aber es sind eben nicht nur die Intensivstationen, die mit dem Ansturm der Patienten zu tun haben. Es sind genauso die Notaufnahmen. Hinzu kommen die Stationen, die Corona-Patienten haben. Mitarbeiter, die vorher vielleicht auf einer Unfallchirurgie gearbeitet haben, sind jetzt auf einmal auf der Covid-Station.

Können die mit Corona infizierte Personen einfach so in die Notaufnahme spazieren?

Steidl:Die meisten die Corona haben, kommen mit dem Rettungsdienst. Dann gibt es auch noch den ein oder anderen, der zuhause einen Antigentest gemacht hat, der positiv war und dann in die Notaufnahme spaziert, weil er sich um seine Gesundheit Sorgen macht. Und der kommt natürlich zu Fuß ins Haus, wird aber direkt vor der Notaufnahme abgefangen, warum er da ist. Dann kommt er in einen separaten Wartebereich, den wir extra für die Covid-Patienten eingerichtet haben und wird anschließend behandelt.

Sind die meisten Ihrer Patienten ungeimpft?

Steidl: Überwiegend. Natürlich gibt es auch den ein oder anderen Geimpften, der mit Corona in der Notaufnahme erscheint. Aber der hat aller Voraussicht das Glück, dass er auf Normalstation betreut werden kann und die Intensivstation dann nicht sieht. Mit jeder Impfung steigen die Chancen, einen milderen Verlauf der Erkrankung zu haben oder auch gar nicht mehr ins Krankenhaus zu müssen.

Und doch gibt es viele, die die Impfung hinterfragen.

Steidl: Auch zu uns in die Notaufnahme kommen hin und wieder Geimpfte, die sich infiziert haben und sich darüber beschweren, dass die Impfung nichts gebracht hat. Und da muss man einfach klipp und klar sagen, dass sie nicht wüssten, wo sie ohne Impfung gelandet wären.

Wie gehen Sie und Ihre Kollegen mit den Corona-Patienten in der Notaufnahme um?

Steidl: Die Corona-Patienten, die bei uns erscheinen, werden in einer Einzelisolierung betreut, um keine Kontaktpersonen zu generieren. Dort werden sie sowohl vom ärztlichen als auch pflegerischen Pflegepersonal, das eine Schutzausrüstung trägt, betreut. Solange wie die Diagnostik dauert, bleiben sie in der Zentralen Notaufnahme. Und dann wird entschieden, auf welchen Bereich in der Klinik der Patient verlegt werden muss. Sei es die Normalstation, weil er noch stabil genug ist, oder die Intensivstation, weil er so schlecht beieinander ist, dass er direkt dorthin muss.

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Aber sind die Intensivstationen im Romed-Klinikum nicht voll?

Steidl: Die Entscheidung wohin der Patient verlegt wird, erfolgt in Absprache mit der Intensivstation. Die Mitarbeiter dort wissen dann auch, wo es das nächste freie Bett gibt.

Während der ersten Welle hat es viel Anerkennung für die Pflegekräfte gegeben. Spüren Sie davon noch etwas?

Steidl: Das ist komplett verloren gegangen. Jetzt herrscht wieder eine Selbstverständlichkeit. Es ist selbstverständlich, dass man ein gut funktionierendes Gesundheitssystem hat, auf das man jederzeit zugreifen kann. Die Menschen wissen teilweise gar nicht, wie gut es ihnen überhaupt geht.

Also wünschen Sie sich das Klatschen wieder zurück?

Steidl: Eine Kollegin hat mit mir darüber gesprochen, dass es denn Slogan ‚Impfen statt Klatschen‘ bräuchte. Das würde allen, die in der Klinik tätig sind, wesentlich mehr helfen, als das Geklatsche vor anderthalb Jahren. Das hat nichts gebracht. Aber Impfen würde dazu beitragen, dass das Gesundheitssystem einfach nicht so sehr belastet ist.

Also hätte eine höhere Impfquote vieles verhindern können?

Steidl: Wir hätten uns einiges ersparen können, wenn wir gut durchgeimpft wären. Aber das sind wir leider nicht. Wobei man auch sagen muss, dass ich in den vergangenen Tagen lange Schlangen vor dem Impfzentrum gesehen habe. Es scheint also bei dem ein oder anderen angekommen zu sein, dass es nur diesen einen Weg gibt, um vernünftig durch die Pandemie zu kommen. Der solidarische Gedanke muss im Vordergrund stehen. Es geht nicht nur um einen selbst, sonder darum, die vulnerable Bevölkerung zu schützen.

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Haben sie noch Verständnis für Leute, die sich nicht impfen lassen?

Steidl: Es gibt Leute, die haben Gründe, warum sie sich nicht impfen lassen wollen. Und es ist nun mal nach wie vor eine freiwillige Geschichte. Aber diese Leute dürfen sich halt im Nachgang nicht über die verschärften Regeln im Alltag beschweren. Das haben wir uns alle gegenseitig auf die Fahnen zu schreiben, dass es jetzt so ist, wie es ist.

Wenn Sie einen Wunsch freihätten, was würden Sie sich wünschen?

Steidl: Zum einen, dass sich die Gesellschaft durch die ganze Impfdiskussion nicht noch weiter entzweit. Zum anderen, dass spätestens in der vierten Welle jedem klar wird, was die Pandemie bedeutet. Nichts davon ist erfunden. Es gibt Menschen, denen geht es wirklich schlecht durch diese Erkrankung. Und das Einzige was man im Moment dagegen tun kann, ist sich impfen zu lassen. Wie viele Wellen wollen wir noch ertragen? Wir sind jetzt bei 65 000 Neuinfektionen. Das ist Wahnsinn. Ich habe keine Lust mehr, mein Leben, so zu verbringen. Ich möchte wieder ein ganz normales Leben führen können.

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