Bescheidenheit auf vier Rädern

Bernauer Familie möchte in umgebauten Toilettenwagen leben – Es fehlt nur der passende Stellplatz

Das „Herzensprojekt“ Bauwagen von Julian Wörndl und Franziska Klemke aus Bernau ist vollbracht. Jetzt brauchen sie nur noch einen dauerhaften Stellplatz für ihr Zuhause auf vier Rädern.
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Das „Herzensprojekt“ Bauwagen von Julian Wörndl und Franziska Klemke aus Bernau ist vollbracht. Jetzt brauchen sie nur noch einen dauerhaften Stellplatz für ihr Zuhause auf vier Rädern.

Physiotherapeutin Franziska Klemke (32) und Schreiner Julian Wörndl (29) haben sich ihren Traum von den eigenen vier Wänden verwirklicht. Es ist ein umgebauter Toilettenwagen mit 23 Quadratmetern Wohnfläche. Nun sind der Bernauer und seine Lebensgefährtin samt Sohn Tiberius (3) dringend auf der Suche nach einem dauerhaften Stellplatz.

Bernau – Für die junge Familie steckt hinter ihrem ungewöhnlichen Wohnheim eine Lebensphilosophie von Bescheidenheit und schonendem Umgang mit Ressourcen.

„Materialismus hat mich nicht glücklich gemacht“

Das Paar lernte sich vor zehn Jahren in Hamburg kennen. Julian Wörndl hatte es von Bernau aus in die Ferne gezogen. Er zog dort aus Kostengründen in eine Behelfsunterkunft. „Ich hatte eine eigene Wohnung und lebte mit ganz normalen Materialismus, aber das hat mich nicht glücklich gemacht“, erzählt Franziska Klemke. Sie verliebte sich in den Oberbayern, stellte ihr ganzes Leben um und zog zu ihm in die wesentlich bescheidenere Unterkunft.

Von der Elbe wieder an den Chiemsee zurückgekehrt

Im Sommer besuchten sie über die Jahre hinweg regelmäßig Julians Eltern in Bernau. Als die beiden ihren gemeinsamen Sohn bekamen, stand fest, dass sie von der Hansestadt an der Elbe an den Chiemsee ziehen wollten – allerdings nicht in ein gewöhnliches Haus.

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„Im Januar vergangenen Jahres kauften wir uns einen großen Toilettenwagen“, erzählt die Hamburgerin. „Wir haben ihn bis auf die Eisenträger komplett abgerissen. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass das einmal unser Zuhause wird.“

Eifrige Tüftler am Werk

Ihr Mann als geschickter und kreativer Handwerker mit seinem Vater Josef Wörndl als nicht minder findigem Tüftler im Hintergrund machte sich ans Werk. Aus Fichte entstand eine robuste Holzkonstruktion, die Außenschalung ist sibirische Lerche, die Decke aus Esche. „Wir haben jedes einzelne Brett selbst geölt“, erzählt Franziska Klemke stolz.

Im Internet tagelang nach Lösungen gesucht

Nicht nur das. „Julian verbrachte viele Stunden und Tage vor dem Computer, telefonierte viel und machte Skizzen, wie er den Platz noch besser nutzen kann“, so Franziska. So entstand unter dem Boden ein Unterbau als „Keller“ und das Paar stellte Lehmputz für die Wände her, baute Griffe aus Kupferrohr, goss ein kleines, maßangefertigtes Waschbecken aus Beton.

Josef Wörndl baut gerade einen Shower-Loop nach, den norwegische Studenten erfanden und dessen Daten sie im Internet kostenlos zur Verfügung stellten. Der Shower-Loop ist ein geschlossener Kreislauf mit zehn Litern Wasser, die von einer Waschmaschinenheizung erhitzt und mit Filtern und UV-Licht gereinigt werden.

Alle Zimmer auf einen Raum komprimiert

Einzig die Stromleitungen musste ein Elektriker verlegen, sonst ist in dem Bauwagen alles selbst gemacht. Bei aller Bescheidenheit musste trotzdem jeder Zentimeter durchdacht und ausgeklügelt genutzt werden. Immerhin will hier auf kompaktem Raum eine dreiköpfige Familie leben mit Schlaf-, Wohn- und Kinderzimmer sowie Küche, Bad und Toilette – letztere wird ohne Chemikalien betrieben, die Hinterlassenschaften werden getrocknet entsorgt.

Die kompakte Wohnalternative in Form eines Bauwagens, im Hintergrund ist das Haus von Vater Josef Wörndl.

Zuerst stand der Bauwagen auf der Wiese des Nachbarn, aktuell darf er vorübergehend an einem anderen privaten Standort parken. Franziska und Julian suchen derzeit nach einem dauerhaften Stellplatz. Jugendreferentin Katrin Hofherr (SPD) brachte das Anliegen in der jüngsten Gemeinderatssitzung vor.

Jugendreferentin zeigt sich begeistert von der Sache

Gegenüber der Chiemgau-Zeitung sagte Hofherr: „Ich persönlich bin begeistert und stehe dem Bauwagen aufgeschlossen gegenüber. Ich hoffe, dass sie einen Platz finden.“ Sie habe das Paar als authentisch und geerdet kennengelernt mit großem Engagement für ihre Sache. „Dahinter steht ein wahnsinnig gut durchdachtes Konzept.“

Minimalistische Lebensart und naturverbunden

Das Brennen für den Lebenstraum ihres Partners aus innerster Überzeugung ist den leuchtenden Augen und dem detaillierten, offenen Erzählen von Franziska Klemke deutlich anzumerken. „Unsere Lebensart ist minimalistisch“, sagt sie zu den Beweggründen. „Wir sind auf das Wesentliche beschränkt und naturverbunden und wollen unseren Sohn auch so erziehen.“ Mit ihm verbringen sie viel gemeinsame Zeit, gehen in die Natur, spielen und lesen.

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„Wir wollen mit Ressourcen haushalten. Ich will zu meinem Sohn in 20 Jahren sagen: Ich habe versucht, die Ausbeutung der Erde aufzuhalten. Ich will, dass die Welt bleibt für zukünftige Generationen.“

Wer der kleinen Familie einen Stellplatz zur Verfügung stellen möchte, kann sich unter der Nummer 0176/4 34 36 74 melden.

Das sagt das Landratsamt Rosenheim

Bei der dauerhaften Aufstellung eines zu Wohnzwecken umgebauten Toilettenwagens handelt es sich um die Errichtung eines Gebäudes, informiert die Pressestelle des Landratsamtes Rosenheim auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung. Sofern der innere Raum des Wagens bis zu 75 Kubikmeter groß ist, sei das Aufstellen gemäß Bayerischer Bauordnung verfahrensfrei. Ausnahme sei das Aufstellen im Außenbereich. Allerdings könnten Vorgaben gemäß Bauplanungsrecht entgegenstehen. Dies wäre der Fall, wenn es Festsetzungen in einem Bebauungsplan gäbe oder Kriterien aus dem Baugesetzbuch (Paragraph 34) nicht erfüllt sind. „Es empfiehlt sich daher, einen geplanten Standort mit der Gemeinde und/oder dem Kreisbauamt abzustimmen“, so das Landratsamt.

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