Anwältin aus Neukirchen am Teisenberg berichtet

Wegen Corona: Nicht mehr Scheidungen, aber neue Streitpunkte beim Sorgerecht

Unterhaltsstreit
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Gibt es mehr Fälle von Scheidungen und Sorgerechtsstreitigkeiten? (Symbolbild)

Wie hat sich die Pandemie auf die Arbeit von Familienrechts-Anwälten ausgewirkt? Werden Ehen häufiger geschieden, gibt es mehr Sorgerechtsstreitigkeiten? BGLand24.de hat in München und Teisendorf nachgefragt.

München/Teisendorf - „Nein, mehr Scheidungsfälle habe ich nicht zu bearbeiten. Aber durch die Pandemie gibt es viele neue Diskussions- und Streitpunkte im Sorgerecht“, berichtet Annette Kunz, Fachanwältin für Familienrecht aus Neukirchen am Teisenberg gegenüber BGLand24.de. „Da gibt es ja auf einmal eine Vielzahl an neuen Themen: Soll das Kind geimpft werden? Soll es in der Schule Selbsttests durchführen? Darf es mit einem der Elternteile in den Urlaub fliegen? Aber auch ganz einfache Nachfragen ohne Streit, etwa ob es für jeden Besuch beim Kind im EU-Ausland einen Test braucht.“

Nicht mehr Scheidungen, aber neue Streitpunkte beim Sorgerecht: Teisendorfer Anwältin berichtet

Die Corona-Krise bringt auch viele Familien ans Limit. Beispielsweise in Bad Reichenhall demonstrierten darum Eltern immer wieder für verbindlichen Präsenzunterricht und eine Öffnung der Kitas (Plus-Artikel BGLand24.de). In den hiesigen Außenstellen des Weissen Rings, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität in der Region, ist es unterdessen derzeit ruhig. Dennoch warnt der Verein vor erhöhtem Risiko häuslicher Gewalt in der Corona-Krise (Plus-Artikel chiemgau24.de). „Es ist natürlich möglich, dass Fälle schlicht noch nicht zur Anzeige gekommen sind“, merkt auch Familienrechts-Anwältin Anette Kunz an.

„Gleichzeitig habe ich aber auch den Eindruck, dass teilweise Ehepaare im Home Office den Partner auf einmal viel mehr zu schätzen lernen. Auch unter dem Eindruck der Zustände in der Welt um sie herum“, berichtet Kunz weiter. Im Corona-Lockdown hätten Familien mehr Zeit gehabt, miteinander zu reden - daher gebe es keinen akuten Beratungsbedarf, berichtete auch Rainer Bugdahn von der Hauptstelle für Lebensberatung der evangelischen Landeskirche Hannover gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) (Plus-Artikel rosenheim24.de). Bei anderen verschärften sich dagegen die Paar-Konflikte. Der Grund: Sie müssten mehr Zeit zusammen verbringen, während Kommunikationsfähigkeit und -wille gering seien. „Welche Tendenz die stärkere ist, kann ich nicht benennen, da uns noch keine belastbaren Zahlen vorliegen“, sagte er.

Anstieg von Scheidungsfällen noch bevorstehend?

Ähnliche Erfahrungen wie Kunz berichtet auch die Münchner Rechtsanwältin Dr. Undine Krebs, die Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV) ist. „Auch ich kann von keinem nennenswerten Anstieg von Scheidungsfällen berichten. Aber bei bereits getrennten Paaren gibt es nun viel Streitpotenzial, was das Sorgerecht angeht. Das kann alleine schon durch solche Fälle bedingt sein, wenn ein Elternteil einen ‚systemrelevanten‘ Beruf hat und der andere nicht. Ich selbst aber auch einige meiner Kollegen berichten auch von vielen Fällen, in denen sich gegenseitig ein zu laxer Umgang mit den Corona-Regeln vorgeworfen wird.“

Es bleibt also abzuwarten, ob ein Anstieg von Scheidungsfällen noch ansteht. Einen Ausblick auf das, was kommen könnte, geben aber Presseberichte über die Lage in China, wie die dpa berichtet: Dort soll für viele Paare der erste Weg in Freiheit nach der Quarantäne zum Scheidungsanwalt geführt haben.

hs

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