Geheimnis-Krämerei über Cluster

Meldete das Landratsamt Berchtesgadener Land tagelang zu wenig Corona-Fälle?

Corona-Grafik für Landkreis Berchtesgadener-Land
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Seit Tagen steigt der 7-Tage-Richtwert für den Kreis BGL steil an, von Donnerstag auf Freitag, jeweils 0 Uhr, ist er auf 325 hochgeschnellt, was auch mit 155 „neuen“ Infektionsfällen zusammenhängen soll.

Seit Beginn des Jahres fiel beim Vergleich der Corona-Gesamtzahlen des Landratsamtes und des Robert-Koch-Institutes (RKI) auf, dass die vom RKI täglich um Punkt 0 Uhr veröffentlichen Gesamtzahlen weitaus höher lagen als die Zahlen, die das Landratsamt im Laufe des Folgetages veröffentlichte. Wurden hier Fälle im Nachhinein wieder heraus gerechnet? Warum kann das RKI mehr Fälle melden als die Quelle, also das Gesundheitsamt in Bad Reichenhall?

Bad Reichenhall/Berlin - Erst auf mehrfache Anfrage antwortete das Landratsamt im Auftrag des Gesundheitsamtes, dass es eine Systemumstellung gegeben habe, einzelne Fälle seien mehrfach übermittelt worden, das RKI werde seine Zahlen nach unten korrigieren. Doch genau das ist nicht passiert.


Hier eine Chronologie des Versuchs, Licht in die Geheimnis-Krämerei des Landratsamtes rund um zu viele oder zu wenig Neuinfektionen zu bringen und den verzweifelten Versuch der BGL-Behörden, in den Gemeinden ohnehin bekannte Cluster „aus Schutz vor den Bewohnern“ nicht zu veröffentlichen, als wären Bewohner geschützt, wenn sie von gehäuften Corona-Fällen in ihrer Umgebung nicht wüssten.

Begonnen hat die Anfrage-Odyssee am 4. Januar: das RKI meldet - wie immer um Punkt 0 Uhr - 2922 „Fälle gesamt“, das Landratsamt im Auftrag des Gesundheitsamtes am selben Tag mit Stand 10 Uhr 2856 „Gesamtzahl der seit März 2020 registrierten Covid-19-Fälle im Landkreis Berchtesgadener Land“, das waren genau 66 weniger. Wie sich diese Differenz erklärt, konnte das Landratsamt vorerst nicht erklären, kein Wunder, musste es doch selbst erst auf eine Antwort aus dem Gesundheitsamt warten, dessen vorübergehender Leiter im Gesundheitsamt Traunstein sitzt.


„Vereinzelt fehlerhafte Meldungen“

Auf neuerliche Anfragen reagierte das Landratsamt erstmals am 5. Januar mit dem Hinweis, dass es zum 1. Januar eine „Systemumstellung“ gegeben hätte, die „vereinzelt fehlerhafte Meldungen“ an das RKI zur Folge gehabt hätten. Die „vereinzelte“ Differenz betrug jetzt bereits 67 Fälle. Laut Landratsamt seien diese Fehler bereits behoben und würden in den „kommenden Tagen auch auf den offiziellen Seiten des RKI berichtigt“, die RKI-Zahlen würden „leicht nach unten korrigiert“. 67 zusätzliche Fälle sollten aber nach Meinung des BGL-Gesundheitsamtes „nur einen geringen Einfluss“ auf den 7-Tage-Richtwert der Neuinfektionen haben, der starke Anstieg sei vielmehr auf ein „erhöhtes Infektionsgeschehen“ zurückzuführen.

Keine Zahlen an Sonn- und Feiertagen

Die offiziellen Zahlen des RKI blieben aber auch in den nächsten Tagen höher als die vom Landratsamt gemeldeten Zahlen, an Sonn- und Feiertagen meldet das Landratsamt überhaupt keine Zahlen, obwohl das Gesundheitsamt nach eigenen Aussagen täglich Zahlen an das RKI übermittelt. Mangels eigenem Leiter des Gesundheitsamtes im Landkreis ist die Kommunikation der Presse über das Landratsamt mühsam, erst auf eine vierte Nachfrage kamen dann einigermaßen zufrieden stellende Antworten zum Beispiel auf die Frage, welche Fehler konkret bei der „Systemumstellung“ passiert seien:

„Durch die Systemumstellung zum 1. Januar wurden in den vergangenen Tagen teilweise positive COVID-19-Fälle doppelt beziehungsweise mehrfach übermittelt. Diese Fehler beziehungsweise Mehrfachnennungen sind systembedingt in den vergangenen Tagen bayernweit bei mehreren Landkreisen aufgetreten. Das Gesundheitsamt Berchtesgadener Land hat diese Fehler bereits am Dienstag korrigiert“, so die neue Pressesprecherin des Landratsamtes. Die Auskünfte der RKI-Pressestelle in Berlin erschöpften sich mehrmals in allgemeinen Aussagen zur Berechnung des 7-Tage-Richtwertes und der Feststellung, dass man zum konkret angefragten Landkreis nichts sagen könne. Gemeint war wohl nichts sagen wolle.

Geheimnis-Krämerei um Cluster

Tatsächlich hat das RKI aber nicht die angeblich mehrfach genannten Fälle aus der Statistik herausgenommen, sondern das hiesige Gesundheitsamt hat in seiner Presseaussendung am 7. Januar erstmals offiziell die (höheren) RKI-Zahlen übernommen: „Die Gesamtzahl der seit März 2020 registrierten Covid-19-Fälle im Landkreis Berchtesgadener Land steigt somit auf 3052 (Meldestand RKI: 7. Januar, 0 Uhr).“ Das kann nur bedeuten, dass das Landratsamt in den Tagen zuvor nicht zu viele Fälle, sondern im Gegenteil zu wenige Fälle gemeldet hatte.

Denn zusätzlich zur plötzlichen Übernahme der höheren RKI-Zahl meldet das Landratsamt 155 neue Fälle innerhalb von zwei Tagen, ein Wert, der selbst zu Zeiten der ersten Ausgangssperre in BGL im Oktober 2020 nicht erreicht wurde. Ob darin die 67 Fälle enthalten sind, die angeblich mehrfach gemeldet wurden oder ob es sich tatsächlich um 155 „neue“ Fälle handelt, ist unklar, auch, weil sich das Gesundheitsamt weigert, Cluster wie andernorts zu benennen. In einer Aussendung heißt es lediglich, dass die aktuell hohen Fallzahlen durch private Treffen und zum Teil auch auf Unternehmen zurückzuführen wären.

„Ebenso gibt es in mehreren Betrieben und Einrichtungen eine Häufung von positiven Fällen“, diese wolle man allerdings „zum Schutz der Mitarbeiter und Bewohner“ nicht nennen. Diese Geheimnis-Krämerei ist umso unverständlicher, als in zahlreichen Facebook-Gruppen und Seiten Ross und Reiter genannt werden, also innerhalb der betroffenen Kommunen ohnehin jeder weiß, welche Einrichtung und welche Firma betroffen ist.

hud

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