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Seltene Geier im Nationalpark Berchtesgaden

Bartgeier-Monitoring im Nationalpark: Hubschrauber-Transport bringt Hütte in die Halsgrube

Beobachtungshütte für Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden
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Die Beobachtungshütte steht derzeit noch in der Nationalpark-Werkstatt in Schönau am Königssee. Für den Hubschrauber-Transport zur Halsgrube wird sie Ende Mai in vier Teile zerlegt.

Von der neuen Beobachtungshütte aus können die jungen ausgewilderten Bartgeier betrachtet werden. Ende Mai soll die drei Tonnen schwere Hütte dann zur Halsgrube geflogen werden.

Berchtesgaden/Königssee - Es riecht nach Fichtenholz. Ein echtes Schmuckstück mit Schindel-Satteldach steht in der Nationalpark-Werkstatt am Grafenlehen. „Einzigartig“, strahlt Toni Wegscheider, Landesbund für Vogelschutz-Vorsitzender im Berchtesgadener Land (LBV). Er steht vor einer witterungsbeständigen Beobachtungshütte, welche das Nationalpark-Team in Schönau am Königssee in seiner voll ausgestatteten Zimmerer-Werkstatt in einer Art Blockbauweise errichtete. Der LBV und die Nationalpark-Verwaltung (NPV) erarbeiteten das Konzept, die Kooperation lief Hand in Hand. Das Bauwerk soll Ende Mai in die Halsgrube unterhalb der Halslam geflogen werden, um ausgewilderte Bartgeier-Jungtiere – 90 bis 100 Tage alt – beobachten zu können.

„In der Schweiz hatten sie Baucontainer für derartige Projekte, unansehnliche Metallkästen, und in den Hohen Tauern einen alten Bauwagen auf Rädern, der holprig durch die Gegend gezogen wurde. Wir haben nun diese im Alpenraum wohl einzigartige, stabile und wunderschöne Holzhütte“, ist Wegscheider voller Vorfreude, gleich im ersten Bartgeier-Projektjahr auf „Luxus“ dieser Art zurückgreifen zu dürfen. Er schätzt es sehr, dass sich der Nationalpark mit seinen Rangern, Mitarbeitern und Fahrzeugen nicht nur logistisch einbringt, sondern auch fachlich in der Umweltbildung – genauso wie der LBV selbst.

Für Tilman Piepenbrink, seit zwei Jahren Leiter des Nationalpark-Reviers Königssee, war das Projekt etwas gänzlich Neues: „Einen kompletten Neubau hatten wir hier noch nicht“, sagt er über das Tiny-Haus-ähnliche, massive Bauwerk mit Lärchen-Schindeln als oberen Schutz. Nach Planung von Vorarbeiter Markus Graßl und Federführung des gelernten Zimmerers Thomas Fegg arbeitete ein Fünf-Mann-Team vier bis fünf Wochen an der Hütte, rund 120 Arbeitsstunden kamen dabei zusammen. Sie misst zwei mal vier Meter, weist zirka zweieinhalb Meter Firsthöhe auf. Das Bau(m)material stammt aus örtlichen Sägewerken.

Die rund drei Tonnen schwere Hütte soll Ende Mai noch in der Werkstatt in vier Teile zerlegt und per Tieflader zum Klausbachhaus in die Ramsau gebracht werden. Von dort erfolgt der Hubschrauber-Transport auf den rund 1100 Meter hoch gelegenen Zielort. Vier Flug-Einheiten zur Halsgrube sind geplant: Für die beiden Dachteile, die Außenwände und den Boden. Dazu müssen die „Kleinteile“ – drei Fenster und eine Tür – zuvor ausgebaut werden. Der erfahrene Berchtesgadener Pilot Simon Voigt, der unter anderem viel für den Alpenverein fliegt, wird bei stabiler Wetterlage die freilich nicht einfachen Turns vollziehen. Schließlich muss er vor allem die beiden Dachteile zentimetergenau absetzen. Das Nationalpark-Team baut die Hütte vor Ort schließlich wieder zusammen.

Das Projekt wurde initiiert, um einen wetterfesten Unterstand zu erhalten. Darin werden sich die Beobachter nach der Auswilderung der Bartgeier drei Monate mehr oder weniger in Vollzeit aufhalten, um die Tiere zu füttern und sie in ihrer ersten Zeit in der freien, wilden Natur nahtlos zu unterstützen. „Uns interessiert natürlich, wie sich die Jungtiere verhalten, sich entwickeln, ob sie gut fressen, gesund bleiben und welche Flugversuche sie starten“, sagt Toni Wegscheider, der über die Möglichkeit, die Vögel – von Wind und Wetter geschützt – quasi Tag und Nacht beobachten zu können, glücklich ist. „Somit können wir alles quasi live vor Ort dokumentieren.“

Tiere keinen Moment unbeobachtet

Die Fichtenholz-Hütte – mit Fundament auf einem schwierigen Untergrund – soll tatsächlich „in jeder lichten Stunde von 6 bis 21 Uhr mit Zweier- und Dreier-Teams besetzt“ sein, bestätigt Wegscheider. In dieser Zeit wird Minute für Minute mindestens ein Beobachter durchs Fernglas schauen, ob bei den Jungvögeln alles in Ordnung ist. „Wenn nicht, können wir einschreiten.“ Das Team hat die Möglichkeit, im Unterstand – der freilich sehr viel mehr als das ist – sogar zu übernachten. Eine Pritsche wird in der Hütte angebracht. Für die nötige Wärme soll ein Gasofen sorgen, ein wenig Proviant ist obligatorisch. „Auch wenn sich mal einer von uns ausruht, bleiben die Geier keinen Moment unbeobachtet“, informiert Wegscheider. Die eigentliche Unterkunft befindet sich 20 Minuten Fußweg entfernt, der Nationalpark stellt eine seiner Diensthütten auf der Halsalm für die Nacht zur Verfügung.

Das Kernteam umfasst Toni Wegscheider, seinen LBV-Kollegen David Schuhwerk, eine größere Gruppe aus NPV-Praktikanten/-innen sowie ehrenamtlichen Helfern, die sich abwechseln. „Wir haben schon zahlreiche Anfragen von Tierschützen, anderen LBVlern, Wanderfalken-Fans oder Geier-Enthusiasten“, freut sich der LBV-Landkreis-Chef. „Publikumsverkehr ist jedoch nicht geplant“, macht er klar. Im Sinne der Tiere soll die versteckt gelegene Beobachtungshütte keine Wandergruppen anziehen. Dafür wird am Hauptweg zur Halsalm ein Pavillon mit Informationsmaterial eingerichtet, der bei gutem Wetter täglich besetzt und betreut wird. Mit einem Fernrohr können Interessierte von dort auf die Felsnische mit den Jungvögeln schauen.

Jährlich sollen – je nach Bruterfolg in den Zuchtzentren – drei Bartgeier ausgewildert werden, am Ende insgesamt 30 Tiere. Zum Startschuss in diesem Frühjahr werden die Vögel in eine Felsnische gesetzt, in der sie erstmal verbleiben. „Bis zu ihrem dritten Lebensmonat können sie noch nicht fliegen“, informiert Toni Wegscheider. „Wir basteln ihnen einen künstlichen Horst aus Fichtenzweigen und Schafwolle. Jeweils früh morgens, wenn es noch dunkel ist, wird ihnen durch die Beobachter Aas über den Begrenzungszaun geworfen. „Sie schlafen ziemlich lang. Wenn sie aufwachen, haben sie Futter. Das stammt aus der regulären Nationalpark-Jagd, das nicht verwertet werden kann“, erklärt Wegscheider. Gamsknochen – Rippen, Wirbel, Läufe. Dieses Futter ist bereits fertig verpackt und eingefroren. Die Bartgeier sind Knochenfresser, anfangs bekommen sie noch weichere, fleischigere Nahrung. „Danach wird‘s immer knochiger und trockener.“

In ihrer Felsnische unternehmen die jungen Bartgeier eigenständig erste Flugübungen. Nach drei bis vier Wochen werden sie erstmals in den Luftraum starten. Rund zwei weitere Monate verharren sie aber noch in dieser Art „Amphitheater“ der Halsalm, um zu lernen, mit Thermik und Turbulenzen klarzukommen, richtig zu starten und zu landen. „Das hat alles große Vorteile, weil wir sie einige Zeit weiter gut beobachten und ihre Fortschritte dokumentieren können“, freut sich Toni Wegscheider. So lange sie hierbleiben, werden sie auch gefüttert.

Im Spätsommer heißt es, Abschied zu nehmen

Irgendwann im Spätsommer heißt es, erstmal Abschied zu nehmen. „Die Bartgeier werden uns verlassen, aber in den Ostalpen bleiben“, weiß der Vogelexperte aus Schönau am Königssee. Ihr „Status“ ist, insgesamt um die sieben Jahre, jener eines „Grundschulkindes“. Ihren ersten eigenen Horst bauen die Vogel-Nomaden erst, wenn sie geschlechtsreif sind. „Derweil geht es für sie um nichts anderes als zu überleben. Und das in einem Streifgebiet von rund 10.000 Quadratkilometern, also das doppelte des bayerischen Alpenraums.“

Alle Tiere haben Sender, das heimische Beobachter-Team weiß somit immer, wo sich die Vögel gerade aufhalten. Sollte irgendwo einer liegen – verletzt oder krank – „können wir das sehen, ihn exakt orten und bestenfalls helfen“, sagt Wegscheider. Im Übrigen „speichern“ die Bartgeier ihre Heimat ab, also das Berchtesgadener Land als Auswilderungsort. „Sie werden immer wieder mal hierher zurückkehren, sich einen Partner suchen und brüten“, so die Hoffnung der Projektgeber. Wenn die BGL-Geier wieder hier sind, endet das Projekt für den LBV und die Nationalpark-Verwaltung. Denn die im Erfolgsfall etablierte Population soll durch weitere Jungvögel nicht gestört werden. Bartgeier, Flügelspannweite bis zu drei Meter, besitzen in freier Laufbahn eine Lebenserwartung von gut 30 Jahren.

Die Projektplanung begann im Sommer 2020 und ging von Anfang an zügig über die Bühne. Die Regierung von Oberbayern beteiligt sich an den Kosten der Beobachtungshütte, die insgesamt rund 5000 Euro umfassen. „Wir als LBV leisten als Hauptauftraggeber einen nicht unerheblichen Eigenanteil der insgesamt sechsstelligen Projektkosten“, sagt Toni Wegscheider, das „ist es uns natürlich wert.“ Der Stand soll zehn Jahre in der Halsgrube verweilen, eher er abgebaut wird und irgendwann – nach einem hoffentlich erfolgreichen Projekt-Abschluss – nichts mehr an ihn erinnert.

bit

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