Der Mediziner und Hotelier aus Bayerisch Gmain arbeitete für die WHO

Dr. med. Andreas Färber strebt Balance an - Eine Pandemie, zwei Blickwinkel

Dr. med. Andreas Färber ist Mediziner und Hotelier arbeitete für die WHO.
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Dr. med. Andreas Färber ist Mediziner und Hotelier arbeitete für die WHO.

Er trage einen Konflikt in sich, sagt Dr. med. Andreas Färber. Er ist epidemiologisch ausgebildet, hat „Internationale Gesundheit“ studiert, ist Preisträger der Deutschen Lungenstiftung und hat lange im Bereich der Tuberkulose-Kontrolle geforscht.

Bayerisch Gmain - Der Mediziner hat unter anderem für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gearbeitet und dabei Impf-Konzepte entwickelt. 2008 erfuhr sein Leben eine erhebliche Wende: Dr. Färber lernte im Rahmen einer Reise nach Jordanien seine Frau Henrike kennen, wurde Hotelier und kaufte den „Klosterhof“ in Bayerisch Gmain. Das Paar sanierte das geschichtliche Gebäude und erweiterte das Haus zum „Vier-Sterne-Superior Alpine Hideaway & Spa“ inklusive Gesundheitszentrum. Damit hat die Familie zudem den Aspekt der Wirtschaft im Blick. Für BGLand24.de ein guter Grund, Dr. Färber zur aktuellen Corona-Situation zu befragen.

Hätten Sie sich als ausgebildeter Epidemiologe vorstellen können, dass jemals ein Virus daherkommt, der die ganze Erde umklammert und fest im Griff hält?

Dr. med Andreas Färber: Tatsächlich ja. Es gab zudem genug Leute, die genau vor einem derartigen Szenario warnten – ein Bill Gates beispielsweise.

Haben Sie Vertrauen in die diversen Impfstoffe? Eine seröse Entwicklung dauert immerhin rund acht Jahre, nun wurde das alles auf unter ein Jahr komprimiert.

Färber: Ich habe mich intensiv mit der Impfstoff-Herstellung beschäftigt und unterstütze die Maßnahmen. Natürlich wurden die neuen Stoffe mittels einer Technik entwickelt, die noch nicht lange etabliert ist. Dass eine absolute Sicherheit nicht gegeben werden kann, ist das Impf-Kernproblem. Denn wir impfen Gesunde, nicht Kranke – und deshalb fällt es schwerer, selbst das kleinste Risiko zu akzeptieren.

Werden die vielen Impfverweigerer zum Problem?

Färber: Wir sollten uns nicht damit beschäftigen, was zum Problem werden könnte, sondern mit der aktuellen Engstelle: Die Bereitstellung des Impfstoffs. Kritisch zu sehen ist, dass er – typisch deutsch-bürokratisch – viel zu langsam verteilt wird.

Glauben Sie, die Politik könnte – selbst wenn sie wollte – überhaupt eine Perspektive geben? Oder ist weiterhin alles zu unsicher und das Wissen noch zu gering?

Färber: Jeder Tag Lockdown bedeutet massivste Ungerechtigkeit und ist mittelfristig nicht mehr mit unserer Verfassung vereinbar. Das ist keine Verschwörungstheorie. Ich bin mir sicher, dass jetzt aufgrund der aktuellen Öffnungen zahlreiche Klagen eingereicht werden. Denn wer will ernsthaft begründen können, warum Kosmetik erlaubt ist, die Rückenmassage jedoch nicht. Friseur ja, die Hotellerie nein – wo sind hier die Kausalitäten? Nach über einem Jahr müssen die unterschiedlichen Beeinträchtigungen endlich wissenschaftlich begründbar werden. Letztlich aber müssen wir die Pandemie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe bewerten und können nicht einzelne Branchen abstrafen.

Was halten Sie von der massiven Test-Strategie der Politik?

Dr. med. Andreas Färber: Prinzipiell finde ich die aktuelle Strategie, Antigen-Tests zu intensivieren, deutlich zielführender als nur auf PCR-Tests zu setzen. Hier zeigt sich, dass man zu lange auf vermeintliche 99 Prozent-Lösungen gesetzt hat, ohne den Wert für die Infektionsbekämpfung zu berücksichtigen. Selbst wenn PCR-Tests mit einer Sensitivität von 99 Prozent genauer sind, besitzen Antigen-Tests eine Sensitivität zwischen immerhin 90 und 95 Prozent. Der große Vorteil eines Antigen-Tests ist, dass innerhalb einer Viertelstunde ein Ergebnis vorliegt.

Der Patient bleibt beim Test, somit kommt es zu weniger Verwechslungen. Für die nächsten Stunden ist eine Infektiosität unwahrscheinlich, laut Robert Koch-Institut (RKI) liegt sie bei asymptomatischen Patienten bei zirka zehn Tagen. Wenn ich aber zwei bis vier Tage verliere, bis das Ergebnis beim Patienten ankommt – wie es immer noch vorkommt –, habe ich selbst bei einem zu 99 Prozent sicheren Test auch nur ein zu 60 bis 80 Prozent sicheres Resultat. Selbstverständlich können mit einem PCR-Test kleinere Mengen nachgewiesen werden. In die Inzidenzwerte sollten nur mit PCR bestätigte Tests einfließen.

Begrüßen Sie die vielen Testungen?

Färber: Man sollte grundsätzlich so viel als möglich testen. Denn jeder identifizierte Kranke, der isoliert werden kann, ist hilfreich. Aber natürlich ändert sich dadurch der Blick auf das Infektionsgeschehen und kann gerade im zeitlichen Verlauf über- oder unterbewertet werden. Hinzu kommt, dass sich mit zunehmender Impfung der gefährdeten Gruppen schwere Verläufe nicht mehr proportional zu den Inzidenzen entwickeln werden.

Insgesamt meine ich, dass wir uns mit der starken Fixierung auf die Inzidenz daher in vielerlei Hinsicht momentan keinen Gefallen tun. Das ist inzwischen für jeden ersichtlich. Ich bedaure, dass die Politik noch immer keine Konzepte vorgelegt hat, wie mit dieser Sachlage umzugehen ist.

Was ist die Folge daraus?

Färber: Die „alternativlose“ Bedeutung der Inzidenzen und die fatalen, daran gekoppelten Maßnahmen bewirken sicher in vielen Konstellationen, dass weniger getestet wird. Wobei ich dabei niemandem einen aktiven Willen unterstellen will. Passive Auswirkungen gibt es jedoch ganz sicher. Insofern wird das frühzeitige Erkennen von Ausbruchsgeschehen erschwert – und in der Folge eine adäquate Reaktion.

Sind diese vielen unterschiedlichen Anforderungen und Möglichkeiten nicht ein großes öffentliches Problem, weil unübersichtlich und für den Laien unverständlich?

Färber: Wir haben den Virologen, dazu den Epidemiologen, und ich würde bei uns in Deutschland das weniger ausgeprägte Thema des Public Health-Experten mit ins Boot nehmen, der oft fälschlicherweise mit dem Epidemiologen „zusammengeworfen“ wird. Bei ihm ist deutlich mehr Wirtschaftlichkeit oder die Frage der Triage und vieles mehr enthalten.

Die Frage ist, was die Politik überhaupt erreichen möchte und was wir „Normalbürger“ glauben können.

Färber: Prinzipiell unterstelle ich der Politik, dass sie sehr wohl größtes Interesse daran hat, diese Pandemie schnellstmöglich und effektiv in den Griff zu bekommen. Dazu mag es unterschiedliche Ansatzpunkte geben, jeweils mit guter Begründung. Es gibt die rein infektiologisch-mathematisch geprägte Denkweise. Dann gibt es jene Sichtweise, die die Wirtschaftlichkeit in den Vordergrund stellt. Ich zähle mich zur dritten „Gruppe“, die irgendwo in der Mitte einzuordnen ist und versucht, das alles in Balance zu bringen.

Sie sagen, Sie tragen einen Konflikt in sich.

Färber: Die zentrale Frage ist, ob man zwischen der medizinischen und der wirtschaftlichen Seite überhaupt einen Vergleich ziehen darf. Ist dieser unethisch? Diesen Konflikt trage ich in mir aus. Ich kann als Mediziner und Hotelier selten sagen, dass das eine richtig und das andere falsch ist. Ich bin zumindest für alle Argumente offen. Und das ist das, was ich in vielen Punkten der öffentlichen Diskussion vermisse.

Was vermissen Sie noch?

Färber: Die Medizin in Deutschland versucht, evidenzbasiert, das heißt auf statistisch und wissenschaftlich belegte Erfahrung sowie gestützte Heilkunde hin zu arbeiten. Normalerweise wird dafür eine Leitlinien-Kommission eingesetzt, mit mehreren Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen, und vielleicht noch einem Ethiker. Bei Corona wäre es sinnvoll gewesen, Wirtschaftswissenschaftler mit im Boot zu haben. Diese Runde ermittelt die Evidenz, also wie sicher die Erkenntnisse sind. Darauf basierend gibt die Kommission schließlich Empfehlungen ab. Minderheiten-Meinungen werden ebenfalls explizit erwähnt. Ich vermisse, dass das öffentlich passiert.

Woran hapert es?

Färber: Bei uns ist alles stark vom öffentlichen Gesundheitssektor geprägt: Das RKI, das Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und die Gesundheitsämter prägen den Prozess. Dazu einige hochkarätige, aber selektiv ausgewählte Experten. Die normale, breite Abstimmung, die ich sonst aus der Entwicklung von Leitlinien kenne und schätze, gibt es jedoch nicht.

Das macht es für den Normalbürger doppelt schwer. Woran dürfen wir uns überhaupt orientieren?

Färber: Das ist nicht einfach zu beantworten. Diese Pandemie ist eine riesige Herausforderung. Niemand konnte wissen, wie sie sich entwickelt. Die anfängliche Zurückhaltung kann ich gut versehen, wenngleich sich gerade aus Erkrankungen wie der Tuberkulose vieles hätte ableiten lassen. Ich höre und lese wiederholt davon, dass wir nur faktenbasiert entscheiden können. Das Problem dabei ist, dass wir diese Fakten oft ja noch gar nicht besitzen. In vielen Punkten wissen wir vielleicht in zwei Jahren, was wirklich dahintersteckt.

Welches Handeln wäre vernünftiger?

Färber: Wir sollten auszuhalten lernen, dass wir oft „nur“ Wahrscheinlichkeiten und keine 100 Prozent-Fakten kennen – und mit diesen arbeiten müssen. Das heißt, nicht immer nur das Schlimmste zu erwarten.

Was fordern Sie?

Färber: Die Ziele müssen definiert werden, klar und transparent. Anfangs musste versucht werden, die Gesundheitssysteme nicht zu überlasten. Die Kapazitäten wurden ausgebaut. Jetzt sind die Intensivzahlen lange Zeit stabil, die Zahl der Toten sinkt, während die Fallzahlen deutlich steigen. Die Problematik für die Politik lautet mittlerweile, wie sie damit umgeht, dass die Inzidenz nicht mehr mathematisch in Intensivbetten umzurechnen ist. Die wirtschaftliche Betrachtung fehlt mir, die Entwicklung von Perspektiven wird nicht als Ziel definiert. Somit entsteht der Eindruck des vollkommenen Ausgeliefertseins.

Das Interview führte Hans-Joachim Bittner

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