Bei Kindesmissbrauch nicht wegschauen

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Sie wäre wohl noch am Leben, wenn vor ihrem Martyrium nicht viele Menschen die Augen verschlossen hätten: Die kleine Nathalie aus Kolbermoor. Sie starb 2003 mit fünf Jahren, ertränkt von der Stiefmutter.

Rosenheim - Nach dem umstrittenen Zivilcourage-Urteil wollen Jugendschutz-Einrichtungen in der Region zum Hinschauen und Eingreifen ermutigen:

Wer vor einer möglichen Misshandlung oder Vernachlässigung von Kindern nicht die Augen verschließt und Rat benötigt, muss nur ein paar Tasten drücken. In der Region gibt es ein engmaschiges Netzwerk von Hilfsangeboten und Telefonnummern.

Wie berichtet, ist die 59-Jährige vom Amtsgericht Rosenheim zu einer Geldstrafe von 1050 Euro wegen übler Nachrede verurteilt worden, weil sie ihr zugetragene Berichte über eine mögliche Kindswohlgefährdung - so heißt es im Beamtendeutsch - an den Kindergarten weitergegeben hatte, ohne einen Aktenvermerk zu tätigen und ihre Quellen zu nennen. Zahlreiche Kinder- und Jugendschutz-Einrichtungen in der Region haben das Urteil mit Bestürzung und Verwunderung zur Kenntnis genommen - unter anderem das Jugendhilfeforum Wasserburg. "Sensibel hinzuschauen und auf das Jugendamt zuzugehen, ist häufig der erste Schritt, eine Kindswohlgefährdung abzuwenden und die Situation der Kinder zu verbessern", ermutigt das Forum die Bevölkerung weiter zum Hinsehen.

Dass Zivilcourage nach dem Motto "Hinschauen statt wegschauen" Kinder sogar das Leben retten kann, zeigt der Fall Nathalie, der 2003 die Region erschütterte. Das damals fünfjährige Mädchen war in Kolbermoor von der Stiefmutter über Jahre hinweg misshandelt worden, körperlich und seelisch, und schließlich in der Badewanne ertränkt worden. Die haarsträubenden Erziehungs- und Strafmaßnahmen der unbarmherzigen Stiefmutter, von denen im Prozess berichtet wurde, lösten damals betretenes Schweigen im Gerichtssaal aus. Nathalie war tage- und nächtelang mit einem Geschirr ans Bett gefesselt, eiskalt abgeduscht, im Dunkeln weggesperrt worden. Dafür gab es eine Reihe von Zeugen. Gehandelt hatten sie nicht.

"Warum schauten sie alle weg?", fragte sich damals eine schockierte Öffentlichkeit. Der Kindergarten hatte die Stiefmutter mehrmals darauf hingewiesen, dass Nathalie nicht wettergerecht gekleidet war, wenn sie im Winter in Sandalen kam, oder dass sie oft kein Essen dabei hatte. "Warum meldete der Kindergarten das nicht dem Jugendamt?", fragte die Tante des Mädchens. Und in der Todesanzeige stand: "Schaut auf den Weg, der dahin führte. Wie viele sollen ihn noch gehen? Und schaut auf alle, die nicht rührte, was vorher Tag für Tag geschehen."

Im Fall Nathalie kam es zur Tragödie. Wie viele tragische Schicksale und Leidensgeschichten durch frühzeitige Meldungen schon im Ansatz verhindert wurden, kann leider von keiner Statistik erfasst werden. Deshalb appellieren Jugendschutzverbände und -einrichtungen an die Bevölkerung, unter dem Eindruck des Urteils nicht die Augen zu verschließen.

"Bei uns kann man sich anonym beraten lassen", erklärt Johannes Fischer, der Leiter des Kreisjugendamtes. "Wir solidarisieren uns mit allen, die nicht wegschauen und ermutigen sie weiterhin zu Sensibilität und Zivilcourage", teilt das Jugendhilfeforum Wasserburg mit. Die staatliche Gemeinschaft habe die Aufgabe, Verantwortung zu übernehmen, "und nach unserer Erfahrung machen sich Melder und Melderinnen diesen Schritt nicht leicht, sie handeln immer aus Sorge um das Kind".

Ludwig Simeth

Quelle: rosenheim24.de

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