"Inselbewohner" feiern Hochwasserparty

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Während ihr Ortsteil vom Hochwasser eingeschlossen und nur per Boot zu erreichen ist, feiern die Einwohner von Sand am Main erstmal eine "Inselparty".

Sand am Main - Diese Gelassenheit ist beneidenswert: Während ihr Ortsteil vom Hochwasser eingeschlossen und nur per Boot zu erreichen ist, feiern die Einwohner von Sand am Main erstmal eine “Inselparty“.

Aus dem Ghettoblaster tönt Musik, durch die frühlingshafte Luft wabert der Geruch von gegrillten Würstchen: Während die dreckigen Fluten des Hochwassers ihren Ortsteil umschließen und sie so von der Außenwelt abschneiden, feiern die Einwohner von Sand am Main (Landkreis Haßberge) entspannt eine “Inselparty“. Bei Bier und Bratwurst, Kaffee und Kuchen genießen sie die “himmlische Ruhe“, wie Segfried Gebhardt schmunzelnd berichtet. Der 64-Jährige lebt schon sein ganzes Leben lang im Ortsteil Wörth und spricht für viele seiner Nachbarn: “Wir machen uns da gar nichts draus.“

Das Wasser komme, das Wasser gehe, damit müsse man eben leben, betont Gebhardt. “Das einzige Problem ist, die Mauern sind etwas feucht.“ Obwohl sein Haus nur wenige Meter von den dreckig-braunen Fluten entfernt liegt, genießt er gelassen das Sonnenscheinwetter. In seinem Keller steht das Wasser zu diesem Zeitpunkt 1,70 Meter hoch. Zwar reicht der Main nicht bis auf die Straßen des Ortsteils, doch drückt das Grundwasser von unten in die Keller der etwa 420 Bewohner.

“Den Keller habe ich mit Pumpen bis Samstag gehalten. Dann haben wir ihn mit einer Wathose leergeräumt“, berichtet der rüstige Rentner. Bei seinen Nachbarn sei das ähnlich gewesen: “Die sind alle so eingerichtet, da steht alles auf 1,20 Meter, ob das Kartoffeln sind oder eingemachte Gurken. Das dauert eine Stunde, dann ist der Keller leer.“

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“Die Leute, die hier im Hochwassergebiet wohnen, haben sich darauf eingerichtet“, bestätigt auch Familienvater André Hinsdorf. Er jedenfalls nimmt's gelassen: “Jetzt machen wir hier erstmal Hochwasserfest, da wird gegrillt, es gibt Lagerfeuer, da wird ein bisschen gefeiert und das beste draus gemacht.“

Hinsdorf kann der ungewöhnlichen Situation noch einen weiteren positiven Aspekt abgewinnen. “Beim Hochwasser und beim Schneeschippen sehen sich die Leute wenigstens mal.“ In solchen Situationen griffen sich die Nachbarn beim Kellerleerräumen unter die Arme oder liehen sich gegenseitig Pumpen aus. “Wenn irgendwelche Katastrophen sind, hält man zusammen!“

Die Pumpen, mit denen das gestiegene Grundwasser bekämpft werden soll, sind derzeit das Hauptproblem in der kleinen Gemeinde vor den Toren des Steigerwaldes. “Die Pumpen halten die Dauerbelastung nicht aus“, berichtet Bürgermeister Bernhard Ruß. Der Schnauzbartträger von der SPD muss sich derzeit um ein ganz besonderes Angebot des öffentlichen Nahverkehrs für seine Bürger kümmern: Ein flaches, breites Kunststoffboot verbindet die Wörther mit dem “Festland“.

Von 7.00 bis 18.00 Uhr, sonntags ab 10.00 Uhr, pendelt das Boot zwischen dem eingeschlossenen Ortsteil und dem übrigen Gemeindegebiet hin und her. “Die Leute sind von der Außenwelt abgeschnitten. Die können mit dem Auto oder zu Fuß ja nicht raus“, erläutert Ruß. Im Zweifelsfall könnten auch Medikamente oder Notärzte auf diese Weise von der Wasserwacht übergesetzt werden; die Freiwillige Feuerwehr und Sanitäter stünden ebenfalls parat.

Die Feuerwehr ist seit Freitag rund um die Uhr mit 15 Mann im Einsatz, um Keller leerzupumpen. Trotz der vielen Arbeit unterstreicht auch Kommandant Lothar Mühlfelder: “Wir sind gewappnet.“ Die Versorgung der Einwohner sei sichergestellt, denn der örtliche Supermarkt sei wie gewohnt trockenen Fußes zu erreichen. Die einzigen “Leidtragenden“ des Hochwassers sind die Kinder: Ihren Eltern ist freigestellt, ob sie die Kleinen mit dem Boot zur Schule schicken oder lieber zu Hause behalten.

Von Elke Richter

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