Ihm beichten die Wiesn-Schausteller ihre Nöte

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Paul Schäfersküpper kümmert sich um die Schausteller.

Mindestens 14 Mal wird Paul Schäfersküpper in diesem Jahr das Oktoberfest besuchen. Rein beruflich natürlich.

Dann wird er von Stand zu Stand gehen, mit den Schaustellern sprechen und sie nach ihren Sorgen und Nöten fragen. Seit sieben Jahren arbeitet der 59-Jährige als Schaustellerpfarrer im Erzbistum München-Freising und ist als solcher zuständig für die Region rund um München und Augsburg. Rund 2000 Menschen betreut er jährlich auf den etwa 15 Volksfesten in dieser Gegend.

“Die Schaustellerpfarrei ist sehr personenbezogen“, erzählt Schäfersküpper, der unter den Schaustellern als Pater Paul bekannt ist. “Die Menschen bekommen durch mich ihr Bild von der Kirche ­ im positiven wie im negativen.“ Die Institution Kirche als solche sei für sie weniger präsent. Somit sei seine Verantwortung größer als bei einem gewöhnlichen Pfarrer. Abwandern in eine benachbarte Kirche, wenn einem der Pfarrer nicht passt ­ das geht als Schausteller nicht. Gleichzeitig, so Schäfersküpper, sei er in seiner Funktion auch Ansprechpartner für Themen, die Menschen sonst direkt mit Behörden oder ihrem Steuerberater besprächen. “Formulierungshilfen leisten“, nennt es Schäfersküpper, der neben Theologie auch Sprachwissenschaften, Medizin und Pädagogik studierte. Darüber hinaus kämen die Schausteller mit ganz gewöhnlichen Anliegen zu ihm: Mit Zukunftssorgen, oder um sich Rat zu holen, wenn sie befürchten, dass das Enkelkind zu sehr verhätschelt wird.

Religion, so ist sich Schäfersküpper sicher, habe für die Schausteller eine große Bedeutung ­ heute genauso wie vor fünfzig Jahren. Das bestätigt auch Jürgen Wild, Geschäftsführer des Bayerischen Landesverbands der Marktkaufleute und Schausteller. Den Grund dafür sieht Wild darin, dass Schausteller ein Leben mit vielen Ungewissheiten, wenig Konstanten und einem hohen geschäftlichen Risiko führten. Zuversicht und Glaube seien da besonders wichtig. So sei es auch die Regel, dass auf den jährlich rund 300 Volksfesten in Bayern ein Gottesdienst stattfinde.

Was Schäfersküpper an der fahrenden Gemeinde besonders schätzt, ist deren starker Zusammenhalt. “Wenn man dazu gehört, gehört man dazu, egal, wie alt oder krank jemand ist“, erzählt Schäfersküpper. Die Oma etwa sei immer mit dabei, das sei keine Frage. Genauso selbstverständlich sei es, dass jemand, der krank ist, von seiner Familie gepflegt oder täglich im Krankenhaus besucht werde ­ unabhängig davon, wie viel es rundherum zu tun gebe. Inzwischen, so berichtet Schäfersküpper, fühle auch er sich akzeptiert und als Teil der Gemeinschaft ­ “dem war aber nicht immer so“. Sein Vorgänger sei sehr beliebt gewesen. Es habe gedauert, bis die Schausteller einen neuen Seelsorger akzeptieren wollten.

Von den elf Schaustellerpfarrern in Deutschland ist Schäfersküpper, der ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen stammt, nach eigener Auskunft der einzige, der durch Zufall zu seinem Aufgabengebiet gekommen ist. Ein Kollege etwa habe einen besonderen Bezug zu Schaustellern, da seine Oma zu Kriegszeiten Schausteller beherbergte, ein anderer sei schon als Kind zirkusbegeistert gewesen und könne jeden Zirkuswagen auf Anhieb mit Baujahr und Typ benennen. “Ich hab mich eigentlich nie dafür interessiert“. Dennoch wurde er eines Tages gefragt, ob er sich die Aufgabe vorstellen könnte. Er konnte ­ und ist heute froh darüber: “Mein Beruf ist ungemein vielfältig.“ Wichtig sei vor allem, flexibel zu sein. Und: Man müsse offen sein für die Menschen und ihre Anliegen.

Rund zehn Stunden in der Woche widmet sich Schäfersküpper der Schausteller- und Zirkusseelsorge. Daneben ist er für die christlichen Sakramente wie Taufe, Erstkommunion oder Ehe zuständig. Hinzu kommt die Verbandsarbeit: In München gibt es zwei Schaustellerverbände, mit denen Schäfersküpper zusammenarbeitet. In der übrigen Arbeitszeit ist er als Tourismus- und Kurseelsorger tätig und erarbeitet Konzepte, mit denen die katholische Kirche Kurgäste, Touristen und Beschäftigte der Tourismusindustrie erreichen kann. Zumindest eines ist bei all diesen Aufgaben gleich: Er ist viel unterwegs.

Quelle: DPA

Quelle: Oktoberfest live

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