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„Die Kugel allein ist noch keine Jagdstrategie“

Präsident des Bayerischen Jagdverbandes im Interview: „Den Wildtieren muss man ihren Lebensraum lassen“

Interview
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Der neue Präsident des Bayerischen Jagdverbandes Ernst Weidenbusch (links) und der neue Generalsekretär Robert Pollner.

München - Seit Dezember 2020 ist Ernst Weidenbusch neuer Präsident des Bayerischen Jagdverbandes (BJV), nachdem Professor Jürgen Vocke nach 25 Jahren im Amt nicht mehr zur Wahl angetreten war. Über die beabsichtigten Änderungen und neuen Ziele im BJV mit seinen derzeit 49.760 Mitgliedern führte unsere Mitarbeiterin Christiane Giesen ein Gespräch mit Ernst Weidenbusch und Robert Pollner, Generalsekretär des BJV.

rosenheim24.de: Im Vorfeld der Wahl gab es viele unbewiesene Gerüchte, Spekulationen und Scharmützel, von denen seit den Neuwahlen jedenfalls öffentlich nichts mehr zu hören ist. Wie in den Medien mehrfach berichtet, traten Sie unter dem Motto „nach Feudalismus und Anarchie zurück zur Demokratie“ an. Was meinten Sie konkret damit?

Weidenbusch: Da gibt es viele Punkte. Heuer haben wir zum Beispiel erstmals unseren Haushaltsplan veröffentlicht, die Präsidiumssitzungen können live online von allen Kreisgruppen und Jägervereienen verfolgt werden. In unserer Zeitschrift „Jagd in Bayern“ kommt jeder zu Wort. Auch kritische Leserbriefe werden gedruckt, wir haben keine Berührungsängste und sind offen für Diskussionen. 

Ja wurde denn vorher so viel gemauschelt und unter der Decke gehalten?

Weidenbusch: Vieles muss man aus der Geschichte heraus verstehen. Jürgen Vocke hat den Verband vor 25 Jahren anfangs mit nur einem Mitarbeiter geleitet, so dass er selbst alles bis ins kleinste Detail bestimmen und verantworten musste. Heute haben wir dagegen ein Team, das sehr gut zusammen arbeitet und am gleichen Strang zieht. Es hat sich aber inzwischen herausgestellt, dass bei  allen Anschuldigungen an Jürgen Vocke, so gut wie nichts übrig geblieben ist.

Wie kam es zu Ihrer Wahl zum Präsidenten, wo Sie doch erst 2014 den Jagdschein machten?

Weidenbusch: Das war letztlich auch für mich überraschend und nicht geplant. Ursprünglich wollte sich Roland Weigert, wie ich selbst MdL, als hauptamtlicher Präsident und Robert Pollner als Vize zur Verfügung stellen. Das neu gebildete „Team Zukunft BJV“ trat mit insgesamt sieben Kandidaten an. Wir beschlossen das nach einer Oberbayernkonferenz des BJV im Januar 2020. Bald darauf wurden nach einem Beschluss von Ministerpräsident Markus Söder alle ehrenamtlichen Vorsitze für Kabinettsmitglieder untersagt. Deshalb mussten wir unser Team umstellen. Unter diesen neuen Voraussetzungen wurde ich zum Präsidenten gewählt und Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg, Roland Weigert und Sebastian Ziegler zu Vizepräsidenten. Das Amt des ehrenamtlichen Generalsekretärs wurde neu geschaffen und mit Robert Pollner besetzt. Er macht zugegebener Maßen die Hauptarbeit.

Pollner: Meistens bin ich von morgens bis abends in der Geschäftsstelle. 

Von den Staatsforsten und Waldbesitzern wird oft beklagt, dass es zu viele Rehe gibt. Von manchen Jägern ist dagegen von Ausrottung die Rede. Was stimmt?

Pollner: Beides. Es gibt Reviere, wo es tatsächlich keine Rehe gibt, andere dagegen mit hohem Bestand und Verbiss. Das hängt davon ab, wie gut der jeweilige Förster oder Jäger ist. Notwendig ist ein angepasster Bestand von Wild.

Weidenbusch: Leider werden in den Forst- Hochschulen in Weihenstephan und Triesdorf Förster ausgebildet, denen es an jedem Bezug zur jagdlichen Ethik fehlt. Sie lernen, buchstäblich auf alles zu schießen. Die Kugel allein ist aber noch keine Jagdstrategie. Man darf das Wild nicht rundweg als Schädlinge ansehen und brutal einfach „so viel wie möglich eliminieren“. Man muss vielmehr auf Einzelschutzmaßnahmen gegen Wildverbiss setzen.

Was schlagen Sie vor?

Pollner: Den Wildtieren muss man ihren Lebensraum lassen und für einen angepassten Bestand sorgen. Eine komplette Reduzierung des Wildes hilft gar nichts. Dabei gilt es auch zwischen Bergwald in der Alpenregion und dem Wald im flachen Land zu unterscheiden. Von den Staatsforsten werden in den Wäldern  Rückegassen zum besseren Transport der geschlagenen Bäume angelegt. Furchtbar. Das Wild braucht Ruhe- und Rückzugsräume. 

Fest steht, dass es der Wald vielerorts oft schwer hat, sich auf natürliche Weise zu verjüngen. Viele Förster sagen, dass vor allem zu dichte Rehbestände das Haupthindernis bei der Umwandlung naturferner, labiler Nadelwälder in stabile Mischwälder sind. Wie kann das gelingen? 

Weidenbusch: Beim Aufwuchs der bei den Tieren sehr beliebten Douglasien oder Eichen ist es zum Beispiel möglich, einen biologisch abbaubaren Clip im Leittrieb der Bäume in Höhe des Äsungsbereichs anzubringen. Weiter brauchen die Bäume unbedingt Licht. Wenn dieser Bereich der aufwachsenden Bäume noch mit Hilfe mobiler Jagdsitze geschützt wird, ist die Wahrscheinlichkeit von Wildverbiss sehr gering. 

Pollner: Soll das Wild an einer Stelle vergrämt werden, muss ihm an anderer Stelle ein artgerechter Lebensraum zugewiesen werden. Rehe leben primär am Waldrand, aber durch den immensen Jagddruck, der heute herrscht und die permanente Beunruhigung der Tiere, auch nachts, fliehen sie in die Wälder, wo der Verbiss natürlich zunimmt.

Angeblich hält eine überwiegende Anzahl von Mitgliedern des BJV heutzutage nichts mehr von den traditionellen Hegeschauen, bei denen die Hörndl oder Geweihe der jeweils erlegten Tiere gezeigt werden. Wollen Sie diese Trophäenschauen beibehalten?

Pollner: Ja, weil man dadurch ein sehr gutes Bild davon bekommt, was in diesem Bereich los ist, nämlich ob es eine gute Verteilung von alten, mittleren und jungen Stücken gibt. Man kann dann relativ früh darauf reagieren, wenn etwas verändert werden sollte. Sie sind auch ein gutes Mittel um Bevölkerung und Medien einen Rechenschaftsbericht über den Zustand von Wald und Wild zu geben. Und sie sind ein Mittel, um ins Gespräch zu kommen. Auch vor Ort sollte es viel mehr Gesprächsrunden zwischen Jägern, Förstern und Waldbauern geben – dann könnten so manche Probleme vor Ort pragmatisch gelöst werden.

Christiane Giesen

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