Fünfter Verhandlungstag am Landgericht Traunstein

"Würger von Neumarkt": Es war Totschlag!

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Traunstein - Im Prozess gegen den "Würger von Neumarkt" wurde am späten Mittag das Urteil gesprochen. Der 53-Jährige wurde des Totschlags schuldig gesprochen.

UPDATE 13.20 Uhr

Das Gericht unter dem Vorsitz von Erich Fuchs hat den Angeklagten zu einer Haftstrafe in Höhe von zwölf Jahren verurteilt.

Wie zuvor schon Anklage und Verteidigung hat auch das Gericht die Angaben des Angeklagten kritisiert. Es gebe "zahlreiche Auffälligkeiten und Ungereimtheiten", so der Vorsitzende Richter Fuchs. Dennoch ist auch das Gericht weiterhin von Totschlag ausgegangen. "Es ist nicht beweisbar, dass er seine Frau zu Lebzeiten betäubt hat", erklärte Fuchs. Alles andere bleibe "Spekulation, auf die man eine Verurteilung nicht stützen kann".

Zugunsten des Angeklagten wertete das Gericht das Geständnis des 53-Jährigen, das gute Verhältnis zu seinen Kindern und seine "erhebliche Affektaufschaukelung" vor der Tat aufgrund des heftigen Streits mit seiner Frau. "Der Angeklagte war in hohem Maße erregt", sagte Fuchs. Zudem habe die leichte Alkoholisierung seine Hemmschwelle herabgesetzt.

Negativ legte das Gericht dem Angeklagten freilich den Missbrauch seiner toten Frau aus, den Fuchs als "nicht verständlich" und "abstoßend" bezeichnete.

Der Angeklagte wird Gabersee in Kürze verlassen, die Anordnung zur Unterbringung zu Beobachtungszwecken hat das Gericht mit dem Urteil aufgehoben. Der 53-Jährige kommt also in eine Haftanstalt.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Anklage und Verteidigung bleibt das Rechtsmittel der Revision. "Ich werde meinem Mandanten raten, sich gut zu überlegen, inwieweit er das Urteil anfechtet", erklärte Verteidiger Erhard Frank im Nachgang an die Verhandlung.

UPDATE 12.20 Uhr

Plötzlich durchbrach ein lauter Knall die Stille. Wahrend des Plädoyers seines Verteidigers konnte der Angeklagte seine Gefühle nicht mehr unterdrücken, brach in Tränen aus und schlug mit seiner Hand heftig von unten gegen den Tisch. Rechtsanwalt Erhard Frank hatte da gerade auf das angesichts der Umstände außergewöhnlich gute Verhältnis des Angeklagten zu seinen Kindern hingewiesen. Immer wieder waren die Kinder zum Landgericht gekommen, sprachen mit ihrem Vater in den Verhandlungspausen. Auch am Freitag sind zwei der Kinder im Gerichtssaal.

In erster Linie an sie richtete der Angeklagte wenige Minuten darauf sein Schlusswort. Unter Tränen und mit hochrotem Kopf flehte der 53-Jährige: "Es tut mir wirklich leid, Kinder. Ich wollte es nicht." Dann schrie er: "Kruzifix! Kruzifix nochmal! Es tut mir leid!"

Zuvor hatten Anklage, Verteidigung und die beiden Anwälte der Nebenklage ihre Plädoyers gehalten. Staatsanwalt Dr. Martin Freudling kritisierte in seinem Plädoyer die Ausführungen des Angeklagten als "nicht in sich stimmig". Allerdings räumte Freudling ein, dass man zugunsten des Angeklagten unterstellen müsse, dass das Betäubungsmittel postmortal beigebracht wurde. Es sei nicht zu widerlegen, dass es Totschlag war, so der Staatsanwalt.

Sein Geständnis spricht nach Ansicht des Staatsanwalts allerdings nicht besonders für den Angeklagten. Freudling hegt Zweifel, dass tatsächlich von einem umfassenden Geständnis auszugehen sei. Strafverschärfend ist für Freudling der Umstand, dass der Angeklagte sich mit der Leiche im Kofferraum von der Tochter zur Polizei hat fahren lassen. Der Staatsanwalt hält dies für traumatisierend.

Den postmortalen Geschlechtsverkehr des Angeklagten mit seinem Opfer halt Freudling für eine "letzte Machtausübung", weil es sich auch um analen Verkehr gehandelt hat, den das Opfer nicht gerne praktizierte. Darüber hinaus ist für den Staatsanwalt die Brutalität der Würgeattacke strafverschärfend. Weil es keine Abwehrverletzungen gab, geht Freudling von einem "massiv brutalen Angriff von vornherein" aus. die Attacke sei mit einem "unglaublichen Schub an Brutalität" erfolgt. Der Staatsanwalt beantragte eine Haftstrafe in Höhe von 14 Jahren, womit er knapp unterhalb der Obergrenze des Strafrahmens (15 Jahre) liegt.

Der Verteidiger des Angeklagten räumte ebenfalls Mängel in der Aussage des 53-Jährigen ein. Einige Angaben seien "merkwürdig", exemplarisch nannte Frank die Einlassungen des Angeklagten zu seiner angeblichen Fruktose-Intoleranz. Auch Frank ist davon überzeugt, dass es sich um Totschlag handelt, hält aber anders als der Staatsanwalt das Geständnis seines Mandanten für strafmildernd. "Für ihn spricht sein Geständnis und die Tatsache, dass er sich gestellt hat", so Frank. Der Rechtsanwalt findet nicht, dass es gegen seinen Mandanten spricht, dass sich dieser von seiner Tochter zur Polizei hat fahren lassen. Die Argumentation des Staatsanwalts halte er für abwegig, erklärte Frank.

Für seinen Mandanten spreche außerdem, dass er ein guter Vater gewesen sei. Ein so gutes Verhältnis der Kinder zu ihrem Vater habe er in so einem Fall noch nie erlebt, sagte Frank. Der Verteidiger beantragte eine zehnjährige Haftstrafe für seinen Mandanten.

Die beiden Anwälte der Nebenkläger fassten sich kurz und stellten die Höhe der Strafe ins Ermessen des Gerichts.

UPDATE 10.50 Uhr

Das Gericht hat einen zweiten Gutachter gehört, Dr. Med. Stefan Gerl vom Klinikum Gabersee, wo der Angeklagte im Moment untergebracht ist. Auch einige Tage nach der Tat hatte Gerl den Angeklagten bereits begutachtet.

Eine Fructose-Intoleranz, die der Angeklagte immer wieder ins Feld geführt hatte, möchte Gerl nicht ganz ausschließen. Allerdings wäre diese mit ganz anderen Symptomen verbunden, als vom Angeklagten beschrieben. So betreffe eine Fructose-Intoleranz den Magen-Darm-Trakt und führe beispielsweise zu Übelkeit und Blähungen, so Gerl.

Die "körperbefindlichen Störungen" des Angeklagten sind für Gerl eher "subjektiv" und könnten eine psychosomatische Ursache haben.

Der Experte erklärte außerdem, er habe bei dem Angeklagten keine psychiatrischen Auffälligkeiten festgestellt. Die psychische Verfassung des 53-Jährigen nannte Gerl "depressiv gefärbt". Der Angeklagte hadere mit seinem Schicksal, zudem gebe es "Selbstbemitleidungs-Tendenzen", so Gerl. Tiefgreifende Bewusstseinsstörungen konnte Gerl jedoch nicht ausmachen.

UPDATE 10.10 Uhr

Der Rechtsmediziner hat am Freitagvormittag das Rätsel um das Betäubungsmittel ein wenig entwirrt. Zwar konnte der Experte die an der LMU aufbereitete Substanz nicht verwenden, weil der Stoff schon vor der Aufbereitung beschädigt war. Allerding konnte Graw anhand zweier Stoffe, die dem Betäubungsmittel sehr ähnlich sind, die relative Konzentration des Betäubungsmittels in den einzelnen Körperteilen des Opfers berechnen.

Graw kam zu dem Schluss, dass die Substanz nicht über den Magen, sondern über die Mundschleimhaut aufgenommen wurde. Demnach kann der Angeklagte dem Opfer beispielsweise nicht das Mittel in den Kaffee getan haben. Diese Variante scheide aus, erklärte Graw. Die Erklärung des Angeklagten, er habe dem Opfer das Mittel in den Mund geträufelt, hält der Rechtsmediziner aufgrund der Untersuchungsergebnisse für plausibel.

Allerdings ist Graw davon überzeugt, dass das Herz des Opfers zu diesem Zeitpunkt noch geschlagen hat. Wäre das Opfer schon herztot gewesen, hätte sich das Mittel nie in so hoher Konzentration im Glaskörper des Auges befinden können. Andererseits muss das Opfer bewusstlos gewesen sein, weil das Betäubungsmittel bitter schmeckt. "Da wurde man sich wehren", so Graw.

Graw hat deshalb zwei Erklärungsansätze: Entweder wurde das Opfer bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und bekam anschließend das Mittel verabreicht. Dann hatte es danach noch eine zweite, tödliche Würgeattacke geben müssen. Oder aber die erste Attacke gegen den Hals war bereits tödlich und das Opfer war bereits hirntot, als das Mittel verabreicht wurde. Dann hatte das Herz noch eine gewisse zeit "im Eigenrhythmus" schlagen müssen, wie Graw erklärte. Ein derartiges Nachklopfen kann bis zu 20 Minuten dauern.

Fakt scheint der Aussage des Rechtsmediziners zufolge zu sein: die Würgeattacke (zumindest die erste, falls es eine zweite gab) ist geschehen, bevor das Betäubungsmittel verabreicht wurde.

Der Vorbericht:

Mehr als einmal wurde in den vergangenen Wochen der Zeitplan des Prozesses durcheinandergewirbelt. Gleich am ersten Verhandlungstag überraschte der schon bei der Polizei geständige Angeklagte aus Neumarkt-St. Veit mit einer höchst ausführlichen, mehrstündigen Aussage. Ein anderes Mal sorgte der 53-Jährige mit der Behauptung, er vertrage keinen Zucker und wisse nicht, was er tue, wenn er zu viel davon zu sich nimmt, für Verwirrung. In erster Linie stellte aber ein längst veraltetes und fast auf der ganzen Welt nicht mehr erhältliches Betäubungsmittel die Prozessbeteiligten vor ein Rätsel.

Aus drei Verhandlungstagen wurden fünf, vorsorglich wurde für kommende Woche sogar ein sechster Verhandlungstag angesetzt. Am Freitag, 28. März, wird der Prozess mit dem fünften Verhandlungstag fortgesetzt. Auch das Urteil könnte dann bereits fallen.

Hat es ihm wirklich "den Schalter umgelegt"?

Der Zeitplan

Am Freitag, 28. März, soll der Rechtsmediziner gehört werden. Anschließend sind die Plädoyers an der Reihe, danach könnte bereits das Urteil fallen.

Denkbar ist aber auch eine Fortsetzung des Prozesses. Für Dienstag, 1. April, ist ein sechster Verhandlungstag anberaumt.

Der Angeklagte hatte bereits zu Prozessbeginn eingeräumt, seine Ehefrau erwürgt zu haben. Auch zu den erschütternden Details der Tat schwieg er nicht und gestand, sich an der Leiche vergangen zu haben. Der 53-Jährige will seine Frau im Streit erwürgt haben. Wie ein "Scharfschützengewehr" habe seine Frau ihn beschimpft, bis sich irgendwann "der Schalter umgelegt" habe, so der Angeklagte am ersten Verhandlungstag. Die Anklage lautete auf Totschlag, doch im Laufe der Verhandlung kamen immer wieder Zweifel auf, ob es sich nicht vielleicht um eine geplante Tat, eventuell also um Mord handelt.

Am zweiten Verhandlungstag äußerte der Rechtsmediziner Prof. Dr. Matthias Graw seine Verwunderung darüber, dass bei dem Angeklagten und beim Opfer kaum Verletzungen festgestellt werden konnten - die Verletzungen des Opfers aufgrund der Würgeattacke selbst freilich ausgenommen. Aufgrund der zu erwartenden Todesangst des Opfers hätte Graw Kampfspuren für plausibel gehalten. "Die Leute, die gewürgt werden, wehren sich auch", so der Rechtsmediziner.

Betäubungsmittel über den Mund eingeflößt

Eine mögliche Erklärung wäre, dass das Opfer zum Zeitpunkt der Würgeattacke aus irgendeinem Grund nicht bei Bewusstsein war, etwa, weil es betäubt worden war. Und tatsächlich befanden sich im Körper des Opfers Spuren eines Betäubungsmittels. Der Angeklagte gab vor Gericht an, er habe seiner bereits verstorbenen Frau das Mittel in den Mund eingeflößt. Warum er dies tat, konnte er nicht sagen. Der 53-Jährige beteuerte aber, dass das Opfer zu diesem Zeitpunkt im jedem Fall bereits tot war.

Der Angeklagte am ersten Verhandlungstag vor Prozessbeginn, im Gespräch mit seinem Verteidiger Erhard Frank.

Die Frage, ob die Aussage des Angeklagten korrekt war, stellte Rechtsmediziner Prof. Dr. Graw bis zuletzt in vielerlei Hinsicht vor große Herausforderungen. Mit feinen Messgeräten konnten Spuren des Betäubungsmittels im Oberschenkelblut des Opfers nachgewiesen werden - allerdings nur qualitativ. Welche Menge der Substanz in den Oberschenkel gelangt war, konnte nicht ermittelt werden. Graw räumte ein, dass auch nach dem Tod eine gut schleimhautgängige Substanz wie eben jenes Betäubungsmittel über Magen und Luftröhre in den Blutkreislauf und sogar bis in den Oberschenkel gelangen kann - nur eben nicht in beliebiger Menge.

Graw müsste also wissen, wie viel von dem Betäubungsmittel im Oberschenkelblut des Opfers war, damit er näher bestimmen kann, ob die Frau bereits tot war, als ihr das Mittel verabreicht wurde. Dafür brauche er aber die Reinsubstanz, erklärte Graw am zweiten Verhandlungstag.

Durchbruch am Zentrum für Pharmaforschung

Das Betäubungsmittel, das dem Angeklagten zufolge aus einer Hausauflösung stammte, gibt es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr. Zunächst wollte die Staatsanwaltschaft eine Probe der Reinsubstanz im Ausland beschaffen, allerdings ist es auch außerhalb Deutschlands nirgends mehr vorrätig. In Kanada könnte es für mehrere tausend Euro hergestellt werden, doch erst nach Monaten wäre das Mittel dann in Deutschland.

Wie Graw am vierten Verhandlungstag erklärte, hat es das Zentrum für Pharmaforschung an der LMU in München geschafft, die Reste in der Ampulle des Angeklagten so weit aufzubereiten, dass Graw sie für eine Analyse verwenden kann. Am fünften Verhandlungstag am Freitag, 28. März, soll Graw abschließend gehört werden. Ob der Experte das Rätsel des Betäubungsmittels vollständig lösen kann, ist allerdings ungewiss.

Lebenslange Haftstrafe noch immer möglich

Selbst wenn die Substanz in größeren Mengen im Oberschenkel des Opfers nachgewiesen werden könnte, hieße das noch nicht, dass das Opfer noch lebte, als ihm das Mittel verabreicht wurde. Auch ein Nachklopfen des Herzens hätte die Substanz postmortal im Körper verteilen können. Am vierten Verhandlungstag hatte Graw seine Arbeit als "Gutachten mit Neuland" bezeichnet. Der Experte muss sogar auf eine Studie aus dem Ersten Weltkrieg zurückgreifen, wonach bei Erhängten ein bis zu 20-minütiges Nachklopfen festgestellt worden war.

Graws Einschätzung kommt bei der Strafzumessung wohl große Bedeutung zu. Immerhin könnte es sich sogar um Mord handeln, sollte sich herausstellen, dass der Angeklagte sein Opfer betäubt hat, bevor er es erwürgte. Dann wäre sogar eine Verurteilung zu einer lebenslangen Haftstrafe im Bereich des Möglichen.

Im Anschluss an die Aussage des Rechtsmediziners sollen die Plädoyers gehalten werden. Falls es keine großen zeitlichen Verzögerungen gibt, kann noch am Freitag das Urteil fallen.

**Innsalzach24 ist im Gerichtssaal und berichtet aktuell vom Prozess**

Video: Zwischenfazit des Verteidigers

Quelle: chiemgau24.de

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