Fortsetzung der Hauptverhandlung gegen Wasserburger Polizisten

Polizisten-Prozess: "Mehrere Ursachen möglich"

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Der verletzte Systeminformatiker kurz nach der Festnahme in Wasserburg
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Rosenheim - Wie entstanden die Verletzungen im Gesicht des Wasserburgers? Diese Frage versuchte das Gericht am achten Verhandlungstag zu klären.

Update 16:10 Uhr

Am Dienstag wurde die Beweisaufnahme um 14 Uhr unter dem Vorsitz von Richter Christian Baier fortgesetzt. In seinem Gutachten berichtete ein Münchner Rechtsmediziner über die mutmaßlichen Ursachen der Verletzungen des 52-jährigen Programmierers. Zur Begutachtung der Verletzungsmuster standen dem Gutachter jedoch lediglich die Lichtbildaufnahmen nach der vermeintlichen Tat und die ärztlichen Gutachten zur Verfügung. Eine genaue Aussage über die Ursachen gestalte sich somit sehr schwierig, so der Rechtsmediziner. Auf den Aufnahmen seien eindeutig eine Platzwunde über dem rechten Auge, Abschürfungen und solche Male erkennbar, die von der Fixierung mit Hilfe von Handschellen herrühren, erklärte der Gutachter. Da die Schmerzen des Opfers, die im Nachhinein der Tat entstanden sein sollen, nicht objektiv nachweisbar seien, nahm der Mediziner diese auch nicht in sein Gutachten auf. Grundsätzlich passten alle Verletzungen, die im Fall des Programmierers dokumentiert wurden, auch zu den vom Opfer, dem Angeklagten und den Zeugen beschriebenen Situationen, so der Rechtsmediziner. Als Ursache für die Quetsch-Riss-Wunde des Nebenklägers stellte der Gutachter stumpfe Gewalteinwirkung fest, für die Abschürfungen sei eher eine tangentiale Einwirkung ausschlaggebend. Der Rechtmediziner betonte jedoch, dass keine der entstandenen Verletzungsmuster auf eine spezifische Handlung zurückzuführen seien. "Es besteht kein Zweifel, dass bei einem Faustschlag ein sogenannter Cut auftreten kann", erklärte der Mediziner. Es könnten jedoch auch andere Konditionen dafür verantwortlich sein.

Sicher war sich der Münchner Rechtsmediziner jedoch, dass zum Entstehen des dokumentierten Verletzungsbildes mehrere Handlungen nötig seien. Bei der vom Angeklagten beschriebenen Abwehrhandlung, als ihm der Nebenkläger in den Unterleib gegriffen haben soll, könne es durch einen Schlag von oben jedoch nicht zu Abschürfungen im Gesicht gekommen sein. Des Weiteren bemerkte der Gutachter noch einige Unstimmigkeiten bezüglich des Verletzungsbildes in den unterschiedlichen Zeugenaussagen. Eine mögliche Netzhautablösung, wie sie vom 52-jährigen Programmierer nach der Tat beschrieben wurde, hielt der Gutachter für eher unwahrscheinlich, zumal im Nachhinein auch nicht mehr belegbar.

Nach der Aussage des Rechtmediziners kam es dann noch zur Verlesung des aktuellen Stands der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Traunstein. So wurden mittlerweile die Ermittlungsverfahren gegen die Kollegen des Angeklagten und auch gegen den Nebenkläger wegen Widerstands gegen Polizeibeamte eingestellt. In beiden Fällen konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, welche Aussagen sich tatsächlich so zugetragen hätten. Daher müsse die Staatsanwaltschaft von einem klassischen "Aussage gegen Aussage" ausgehen, weshalb beide Ermittlungsverfahren eingestellt wurden. Eine Beschwerde des Nebenklägers bei der Generalstaatsanwaltschaft in München wurde abgewiesen, eine Beschwerde des Verteidigers des Angeklagten sei aufgrund eines Fehlers bei der Übermittlung von Beschlüssen noch ausstehend.

Bevor Richter Christian Baier die Hauptverhandlung auf den morgigen Mittwoch, den 17.09. vertagte, gab er noch den rechtlichen Hinweis, dass auch die Tatbestände Freiheitsentzug und Beleidigung im Fall des Wasserburger Polizisten in Betracht kommen könnten. Die Hauptverhandlung wird mit der Verlesung der Bundeszentralregister-Einträge und den Plädoyers dann ab 15 Uhr fortgesetzt.

rosenheim24.de berichtet dann auch wieder von der Verhandlung.

Vorbericht

Nach nun bereits insgesamt sieben Verhandlungstagen dürfte sich der Prozess gegen den Wasserburger Polizisten langsam dem Ende zubewegen. An den vergangenen beiden Tagen am Amtsgericht standen die Aussagen eines internen Ermittlers des Landeskriminalamts (LKA) und die des Angeklagten auf dem Programm. rosenheim24.de ist am Dienstag vor Ort im Gerichtssaal und berichtet von der Verhandlung. Die Hauptverhandlung soll ab 14 Uhr vor dem Amtsgericht unter dem Vorsitz von Richter Christian Baier fortgesetzt werden.

In den ersten Vernehmungen beim LKA gaben die Beamten damals an, den geschädigten Programmierer aus einer Notwehrhaltung heraus geschlagen zu haben. Wegen "Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte" hatten die Polizisten den 52-jährigen Programmierer damals angezeigt. Weiter berichtet der LKA-Ermittler, dass 62 vernommene Zeugen in einem Punkt übereinstimmten: Der angeklagte Polizist sei der Aggressor gewesen. 

Der Angeklagte gab am sechsten Verhandlungstag an, der Programmierer sei auf einer Streifenfahrt negativ aufgefallen und deshalb einer Personenkontrolle unterzogen worden. Als der Polizist die Kontrolle beendet hatte und wieder in sein Auto einstieg, soll ihn ein Schlag an der Schulter getroffen haben. Beim Versuch, den Mann zu fixieren sei es dann zu Tritten und Schlägen von Seiten des Programmierers gekommen. Als es gelang, den Mann auf den Boden zu drücken, habe dieser den Beamten in die Hoden gegriffen und fest zugedrückt. Die Schmerzen hätten ihn veranlasst öfters gegen Kopf und Nacken des Programmierers zu schlagen.      

Die Ereignisse der Silvesternacht 2012:

Lesen Sie dazu:

Wie rosenheim24.de im Januar 2013 berichtete, war es in der Silvesternacht vor einer Wasserburger Bar zu einem Einsatz gekommen. Der 52-Jährige sei damals als Unbeteiligter dazu gestoßen und habe die Beamten auf ihren in seinen Augen zu groben Umgangston aufmerksam gemacht. Daraufhin sei der Mann überwältigt, zu Boden gebracht und gefesselt worden. Nach Darstellung des Geschädigten, folgten mehrere Faustschläge im Polizeiauto. Zudem habe der Beamte seinen Arm gegen den Hals des damals 52-Jährigen gedrückt, ihn beleidigt und seine Arme seien durch die Fixierung mehrfach stark überdehnt worden. Auch auf der Dienststelle hätten die Übergriffe nicht aufgehört: Der Mann sei mehrfach gegen die Wand gedrückt worden, er hätte sich dann bis auf die Unterhose ausziehen müssen und sei erneut zu Boden gebracht und fixiert worden.

rosenheim24.de berichtet am Dienstag Nachmittag mit Neuigkeiten von der Verhandlung im Ticker.

Quelle: rosenheim24.de

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