Vorstand von Wirtschaftlichem Verband Rosenheim zurückgetreten

WV: Wie eine Formalie zur Bombe wurde

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Andreas Steegmüller-Pyhrr von Flötzinger Bräu (l.) und Ferdinand Steinacher von Auerbräu
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Rosenheim - Bei der Jahreshauptversammlung kam es zum Eklat: Wem gehört die Macht im Wirtschaftlichen Verband Rosenheim? Den rund 700 Mitglieder im Ganzen oder den Vielzahlern? *NEU: Bilder*

Zurückgetreten: Reinhold Frey (l.) und Hermann Tomczyk

Diese Grundsatzfrage entzündete sich bei der gestrigen Jahreshauptversammlung des Wirtschaftlichen Verbandes Rosenheim im Ballhaus an einer Abstimmung über eine Formalie. Die Folge: der sofortige Rücktritt des ersten Vorsitzenden Reinhold Frey sowie seines Stellvertreters Hermann Tomczyk.

Etwa zwei Drittel der geplanten Jahreshauptversammlung waren mit Jahresbericht, Grußworten von Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer, einem Motivationsvortrag von Ex-Skirennläuferin Michaela Gerg sowie dem Finanzbericht in guter Stimmung und großer Eintracht verlaufen. Gleich zu Beginn war auch die Beschlussfähigkeit mit null Gegenstimmen und 17 Enthaltungen von den anwesenden Mitgliedern angenommen worden. Dies war notwendig, weil unter Tagesordnungspunkt 6 eine Änderung der bestehenden Satzung anstand. Diese hatte das Registergericht angemahnt, weil der WV seit einiger Zeit ohne Geschäftsführer arbeitet. Zusätzlich hatte der WV-Vorstand sich selbst um zwei Positionen (Öffentlichkeitsarbeit und Syndikus) verkleinert und einige Formulierungen der Satzung modernisiert. So weit, so harmlos.

Diskussion statt Abstimmung

Als jedoch dann die Abstimmung über die Satzungsänderung beginnen sollte, kam es plötzlich zu mehreren Wortmeldungen aus dem Publikum. Schausteller Christian Fahrenschon, dessen Wellenflug vom diesjährigen Herbstfest ausgeschlossen worden war, stürmte auf die Bühne. Dort forderte er mehr Transparenz und dass die Mitgliederanträge, die den WV zur Satzungsänderung noch erreicht hatten, berücksichtigt werden.

Bezüglich dieser Anträge, von denen beim WV tatsächlich mehrere eingegangen waren, hatte der Wahlleiter Dr. Gerhard Hartlieb zuvor erklärt, dass sie aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Fristen nicht mehr hätten berücksichtigt werden können. Unglücklicherweise waren die Anträge aus Sicht der Mitglieder fristgerecht eingegangen, weil in einem Info-Schreiben des WV dazu ein falsches Datum genannt worden war. Fahrenschon ließ auch nicht locker und verlangte eine Diskussion zur Satzungsänderung statt einer Abstimmung.

Brauereien fordern mehr Einfluss für Vielzahler

Unerwartete Schützenhilfe erhielt er hier von den beiden Vertretern von Auerbräu und Flötzinger Bräu. Einig wie selten marschierten Andreas Steegmüller-Pyhrr und Ferdinand Steinacher auf die Bühne. Gemeinsam forderten sie eine Satzungsänderung, denn: Soviel Geld wie der WV inzwischen bewege, sei man nicht mehr der Verein von einst. Neue Strukturen wie die Einsetzung eines Aufsichtsrates oder die Wiedereinführung eines Beirates seien deshalb erforderlich.

Steegmüller-Pyhrr und Steinacher verlangten konkret mehr Einfluss für die Vielzahler des Vereins gegenüber den restlichen rund 700 Mitgliedern, namentlich nannten sie beide ihre Brauereien sowie die Schausteller und anderen Herbstfest-Beteiligten. Beim Finanzbericht zuvor war deutlich geworden, dass der WV mit dieser Veranstaltung das meiste Geld umsetzt.

Satzungsänderung durchgefallen

Durch diesen Auftritt kippte die Stimmung im Saal vollends. Da aber die Beschlussfähigkeit für die Satzungsänderung bereits festgestellt worden war, musste laut Vereinsrecht auch abgestimmt werden. Für die Satzungsänderung war eine Zweit-Drittel-Mehrheit erforderlich, diese wurde jedoch mehr als deutlich verfehlt: 68 Ja-Stimmen, 50 Gegenstimmen, 36 Enthaltungen.

Daran hatten auch die zuvor beschwichtigenden Worte von Reinhold Frey nichts mehr ändern können. Dieser hatte erklärt, dass nach der Satzungsänderung binnen acht Wochen ohnehin Neuwahlen hätten stattfinden müssen. Im Zuge derer hätten weitere Änderungen und alle Anträge behandelt werden können.

Bilder von der Jahreshauptversammlung im Ballhaus

Jahreshauptversammlung des WV

Nach der Votums-Watschn für Frey zog dieser unverzüglich die Konsequenzen und erklärte seinen Rücktritt. Selbst mehrminütige Standing Ovations für seine Arbeit als Vorsitzender konnten ihn nicht mehr umstimmen. Frey: „Das freut mich jetzt, aber ich bleibe dabei.“

Den Eklat perfekt machte dann noch Freys Stellvertreter Hermann Tomczyk. Dieser stellte sich nach seinem Vortag zur Zulassungsvergabe beim Herbstfest hin und erklärte: „Ich kann Reinhold Frey verstehen, ich trete auch zurück.“ Jetzt waren die anwesenden WV-Mitglieder vollends schockiert. Selbst diejenigen, die zuvor Wortführer gewesen waren.

Ehrenvorsitzender Alfons Döser ergriff als letzter des Abends das Wort. Er zeigte sich stocksauer über die Vorkommnisse und betonte, er habe es in der Geschichte des Vereins noch nie erlebt, dass Einzelinteressen so über das Gemeinwohl gestellt werden sollten.

In der Versammlung hatten sich zum Schluss zwei gegensätzliche Lager gebildet. Steht der WV damit vor der Spaltung?

Stellungnahme der Oberbürgermeisterin:

Rosenheimer Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer bedauerte es außerordentlich, dass Diskussion und Abstimmung über die Neufassung der Satzung des Wirtschaftlichen Verbands zu derartigen Verwerfungen und zur Ankündigung des Rücktritts führender Verantwortlicher des Vereins geführt haben: "Das war in dieser Form sicherlich von keiner Seite beabsichtigt. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass im Interesse des Verbands, aber auch im Interesse unserer Rosenheimer Heimat rasch eine tragfähige und zukunftsfähige Lösung für den Fortbestand des Wirtschaftlichen Verbands gefunden wird. Der WV hat sich in den 65 Jahren seines bisherigen Bestehens unendlich viele Verdienste um Stadt und Landkreis Rosenheim erworben. Er ist in allen seinen Aufgaben, nicht nur als tragende Säule unseres Rosenheimer Herbstfests, unverzichtbar.“

UPDATE, 12 Uhr:

Aktuell ist von keinem der Beteiligten eine weitere Stellungnahme zum Eklat zu erhalten. Es hieß aber, dass man sich kurzfristig nochmals zu einem Gespräch treffen wolle. Der WV arbeite außerdem an einer Presseerklärung.

Am Nachmittag meldete sich der Geschäftsführer des Flötzinger Bräu, Andreas Steegmüller-Pyhrr, erneut zu Wort. Als grundlegendes Problem gelte nach wie vor die fehlende Abstimmung in Bezug auf die neue Satzung.

Quelle: rosenheim24.de

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