Unterwegs mit den Fahndern der Bundespolizei

"Der tägliche Kampf gegen die Windmühlen"

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Auf Streife mit der Bundespolizei
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Rosenheim - Täglich sind sie auf der Straße und der Schiene unterwegs und überwachen das Grenzgebiet. Die Fander der Bundespolizei. Wir haben zwei von ihnen einen Tag lang begleitet.

Es ist fünf Uhr morgens. Dienstbeginn für Franziska und Tobias. Die beiden jungen Polizisten sind Fahnder bei der Bundespolizei in Rosenheim. Ihr Aufgabengebiet: Grenzkontrollen in einem 30-Kilometer-Radius zum benachbarten Österreich. rosenheim24.de hat die beiden Beamten einen Tag lang bei ihrem alltäglichen Dienst begleitet.

Noch ist es ruhig in der Kaserne an der Burgfriedstraße in Rosenheim. Fraziska und Tobias packen gewissenhaft ihre Einsatztasche auf der Dienststelle. Das Licht in der angrenzenden Turnhalle ist aus, ein gutes Zeichen, erklären die beiden. Es bedeutet, dass aktuell keine Flüchtlinge in der Notunterkunft der ehemaligen Kaserne untergebracht sind. Auf einer Tafel im Flur sind noch Namen und Daten von einigen Eritreärn und Syrern zu erkennen, die in der Nacht mit den Schnellzügen aus Verona ins Bundesgebiet eingereist sind. Ein paar Meter weiter stehen vor den Zellen der Inspektion mehrere Paar Schuhe auf dem Boden. "Für diese Leute müssen die erkennungsdienstlichen Maßnahmen noch abgeschlossen werden," erklärt der Pressesprecher der Bundespolizei in Rosenheim, Rainer Scharf.

5.30 Uhr: Aufbruch in Richtung Autobahn 

Franziska und Tobias haben mittlerweile ihr Dienstfahrzeug für den Tag vorbereitet. Eine zivile Mittelklasse-Limusine, für den Dienstgebrauch nur leicht durch Anhaltezeichen und einem versteckten Blaulicht im Kühlergrill verändert, steht vor dem ehemaligen Kompaniegebäude bereit. Bevor die beiden Zivilfahnder das Kasernengebäude verlassen, wird der Dienstwagen an der eigenen Tankstelle noch schnell vollgetankt. Der Weg führt Franziska und Tobias im ersten Teil ihrer 10-Stunden-Schicht auf die Autobahn.

"Unser Einsatzgebiet erstreckt sich von Lindau am Bodensee bis nach Freilassing," erklärt Rainer Scharf, der hinter Tobias im Wagen platzgenommen hat. Das bedeutet, dass die knapp 500 Beamtinnen und Beamten die Grenzen auf einer Länge von 645 Kilometern stichprobenartig überwachen. 1.150 Bahnkilometer fallen ebenfalls in das Aufgabengebiet der Bundespolizei, die früher unter dem Namen "Bundesgrenzschutz" bekannt war. Dazu zählen dann auch die 200 Bahnhöfe und Haltepunkte entlang der Trassen. "Kein Wunder also, dass der Dienstwagen schon seinen zweiten Motor hat," schmunzelt Tobias. Auf dem Tacho kann man den Kilometerstand ablesen. Er zeigt über 440.000 Kilometer an.

Der Dienstwagen der Polizisten hat mittlerweile Stellung an der Mündung bezogen, an der die A93 von Kufstein kommend auf die A8 in Richtung München überleitet. Ruhig und gelassen sitzen die Beamten im Wagen entgegen der Fahrtrichtung und beobachten den Verkehr. "Von hier aus kann man beide Autobahnen einsehen," erklärt Franziska. "Wir konzentrieren uns aber eher auf die A93, die Kollegen Freilassing und Umgebung haben eher die A8 im Blick." Besonders bei Nacht erfordert es höchste Konzentration von den Beamten, die vorbeifahrenden Autos, Kleinbusse, Wohnmobile oder Busse einzuschätzen. Sie haben dabei teilweise nur einige Sekunden Zeit eine Entscheidung zu treffen. Die Erfahrung hilft bei der Entscheidungsfindung. "Wir schauen uns unterschiedliche Merkmale an. Herkunft, Zustand des Fahrzeugs und die Insassen zum Beispiel," erklärt Tobias, während ein alter Minivan auf die A8 auffährt.

7 Uhr: Der erste Fund

Schnell hat Tobias das Fahrzeug gewendet und verfolgt den Opel mit bulgarischem Kennzeichen. Noch vor dem Parkplatz "Im Moos" hat der junge Polizist den Wagen eingeholt, sich vor ihn gesetzt und per Lichtzeichen zum Anhalten angewiesen. Auf dem Parkplatz weißt Franziska das Fahrzeug ein, Tobias setzt derweil den BMW der Fahnder hinter das zu kontrollierende Kfz. Von beiden Seiten nähern sich die Beamten den Türen, lassen sich die Papiere der Insassen aushändigen. Zurück am eigenen Fahrzeug werden die Daten über Funk mit der Zentrale abgeglichen. Kein Treffer. Die beiden Beamten händigen den Durchreisenden die Papiere wieder aus und verabschieden sich. "Das Fahrzeug und die Insassen hätten auf den ersten Eindruck gepasst," erklärt Tobias. "Die Papiere waren aber in Ordnung."

"Wir dürfen in einem 30-Kilometer-Radius verdachtsunabhängig kontrollieren", erklärt Rainer Scharf als der Dienstwagen an der Überleitung A93/A8 wieder angekommen ist. "Sollte ein verdächtiges Fahrzeug diesen Radius verlasssen, haben wir aber immernoch die Möglichkeit auf andere Dienststellen zurückzugreifen." Die Sicherheit stehe in dieser Beziehung immer an erster Stelle, "wir sind ja hier nicht bei Cobra 11", so der Pressesprecher weiter. Zwischenzeitlich ist den Fahndern anscheinend ein anderes Fahrzeug aufgefallen. Beide Beamte schauen sich kurz an, worauf Tobias den Wagen wieder blitzschnell in die richtige Fahrrichtung bewegt. Innerhalb kürzester Zeit erreicht das Polizeiauto 160 km/h. Für ihre eigene Sicherheit und die der anderen Verkehrsteilnehmer müssen die Beamten während ihrer Ausbildung spezielle Fahrertrainings absolvieren. Wieder schaffen es die Beamten, das andere Fahreug "Im Moos" zum Halten zu bringen. Diesmal sehen sich die Polizisten einen ziemlich neuen SUV an.

"Der BMW X6 ist eines der meistgestohlenen Fahrzeuge", erklärt Tobias. Und genau so kommt es dann auch. Die Abfrage in der Datenbank ergibt, dass das Fahrzeug vor kurzem in Frankreich als gestohlen gemeldet wurde. Der rumänische Fahrer, die Beifahrerin und ein Passagier geben an auf dem Weg nach München zum Einkaufen zu sein. Die Fahrt ist für die drei jedoch vorerst beendet. Die hinzugerufenen Beamten der Polizeiinspektion "Fahndung" aus Raubling übernehmen den Fall. Gemeinsam eskortieren die Beamten den weißen BMW zur Dienststelle. Franziska und Tobias müssen vor Ort dann noch einige Unterlagen bearbeit, bevor es wieder auf die Autobahn gehen kann. An diesem Vormittag soll es der einzige Treffer auf der Straße bleiben. Am Nachmittag steht der zweite Teil, der Dienst auf der Schiene auf dem Programm.

12.20 Uhr: Dienst auf der Schiene

"Natürlich hilft man sich unter Kollegen", erklärt Rainer Scharf auf dem Weg zum Rosenheimer Bahnhof. "Die Landespolizei kontrolliert potentielle Schleuser genauso wie wir möglicherweise gestohlene Fahrzeuge." Die Bearbeitung übernimmt dann aber wieder die Dienststelle, in deren regulären Aufgabenbereich die Sache fällt. Am Banhof angekommen geht es für die Beamten mit dem Regionalzug nach Kufstein. "Wir dürfen nur auf deutschem Boden Kontrollen durchführen. In Österreich haben wir nur dieselben Rechte wie jeder andere Bürger," erklärt Tobias im Zug. Kaum aus der Bahn ausgestiegen entdeckt Franziska bereits drei junge Männer am anderen Bahnsteig. "Die kommen wahrscheinlich mit dem Regionalzug hierher, der endet in Kufstein", erzählt die junge Beamtin und behält die drei Afrikaner dabei stets im Auge. Auch als die kleine Gruppe den Bahnsteig direkt über die Gleise hinweg wechselt, bleiben die Beamten noch ruhig. "Wir könnten zwar jetzt die österreichischen Kollegen verständigen, doch bis die vor Ort sind, ist der Schnellzug Richtung Rosenheim bereits schon wieder abgefahren", ergänzt Tobias.

Einen kurzen Moment haben die beiden Beamten die jungen Männer im Zug aus den Augen verloren. Es ist nicht leicht für die Polizisten im voll besetzten Wagon vorwärts zu kommen. Im Schnellzug der österreichischen Bundesbahn sind sämtlich Sitzplätze belegt, die Fahrgäste stehen in den Gängen und sogar zwischen den Wagons. Als Franziska und Tobias die jungen Afrikaner entdecken, fragen sie umgehend nach Papieren. Die Verständigung zwischen den Polizisten und den Schwarzafrikanern gerät ins Stocken. Alle drei haben zwar ein Gepäckstück dabei, über einen Ausweis scheint aber keiner zu verfügen. Um ihre Handgelenke tragen die drei weiße Plastikarmbänder mit einer Nummer. "Ein Zeichen dafür, dass sie auf ihrem Weg bereits kontrolliert wurden," weiß Rainer Scharf.

Nach knapp viertelstündiger Fahrt erreicht der Railjet der ÖBB aus Verona mit Ziel München den Rosenheimer Bahnhof. Zusammen mit den drei Personen verlassen die Beamten der Bundespolizei den Zug. Am Bahnsteig sollen sich die drei setzen, doch dann geht alles auf einmal wahnsinnig schnell.

13.30 Uhr: Der Rosenheimer Bahnhof

Als der Zug wieder zu rollen beginnt, springt einer der drei Jungen auf. Tobias versucht den Afrikaner zu packen. Dabei gerät der junge Mann leicht ins Straucheln, stolpert in Richtung der abfahrenden Bahn. Tobias ist gezwungen loszulassen. Auch die anderen beiden nutzen den kurzen Moment der Verwirrung und starten los. Franziska kann nicht mehr reagieren. Alle drei laufen dem Zug hinterher, können ihn jedoch nicht mehr erreichen. Selbst wenn sie die Wagons noch erreicht hätten, sämtliche Türen waren bereits geschlossen. Schnell nähern sich die drei Jugendlichen dem Ende des Bahnsteigs, dicht gefolgt von den beiden Bundespolizisten. Mit einem Satz springen die Afrikaner auf die Gleise, sie laufen weiter in Richtung Holzkirchen. Geistesgegenwärtig lässt Tobias den Zugverkehr am Bahnhof per Telefon sperren und fordert Verstärkung an. Auch ein Hubschrauber wird kurze Zeit später von den Kollegen angefordert.

Die drei jungen Männer sind mittlerweile ausser Sichtweite, die beiden Beamten untersuchen unterdessen das einzige Gepäckstück. Neben ein paar Anziehsachen finden die Polizisten ein paar Päckchen Zucker und Getränke. "Die erhalten sie meistens in den Erstaufnahmelagern in Italien", bestätigt Rainer Scharf, ein weiteres Indiz seien die Bändchen an den Handgelenken, so der Polizeisprecher weiter, während im Hintergrund noch die Sirenen der Dienstfahrzeuge zu hören sind, die die Verfolgung der Afrikaner aufgenommen haben.

Während die Fahndung nach den drei Afrikanern noch läuft, kehren Franziska und Tobias auf die Dienststelle in der Burgfriedstraße zurück. Die Vorkommnisse des Tages müssen noch schriftlich abgearbeitet werden. Kam in den Büros angekommen, erreicht die beiden die Nachricht, dass die drei Flüchtigen aufgegriffen werden konnten. Der Hubschrauber kam nicht zum Einsatz. Schnell nähert sich ein Einsatzfahrzeug mit Martinshorn. Ein VW Bus biegt mit hohem Tempo auf das Gelände der Dienststelle ab und kommt vor dem Gebäude zum Stehen. Einige Beamte werden hektisch. Sie öffnen die Schiebetür des Busses und heben einen der jungen Afrikaner aus dem Auto. Er ist regungslos, seine Gliedmaßen sind erschlafft. Zwei Beamte tragen den schmächtigen Afrikaner schnell in die Dienststelle, Sanitäter wurden bereits im Vorfeld alarmiert. Ein anderer Jugendlicher wiederholt immer wieder laut dieselben Worte, wieder andere Beamte versuchen ihn zu beruhigen. Die drei Afrikaner werden voneinander getrennt, erst Minuten nachdem der Krankenwagen vor Ort ist kehrt langsam wieder Ruhe ein.

16:30 Uhr: Dienstschluss

"Die Werte sind normal, sicherheitshalber bringen wir den Jungen aber ins Krankenhaus", erklärt einer der Rettungssanitäter. Ob oder was dem Afrikaner fehlt, kann er dabei nicht mit Sicherheit sagen. Franziska und Tobias haben mittlerweile ihre Unterlagen fertig bearbeitet. Kurz setzen sich alle zusammen und lassen den Tag nocheinmal Revue passieren. "Klar ist es anstrengend und sicher kommt es einem manchmal so vor als ob man gegen Windmühlen ankämpft," erklärt Tobias. "Doch es gibt schon auch schöne Momente," fährt Franziska fort. "Wenn man dann die Gesichter sieht wenn sie hier raus gehen. Manchmal bedanken sie sich sogar."

Am Freitag waren die drei aufgegriffenen, jungen Männer bereits wieder aus dem Gewahrsam entlassen. Derjenige, der ins Krankenhaus eingeliefert worden war, konnte bereits am Donnerstag Abend wieder aus der Behandlung entlassen werden. Zwei der drei wurden dem Kreisjugendamt in Rosenheim überstellt, wie Rainer Scharf bestätigte. Es handelte sich bei den beiden um sogannte unbeleitete Minderjährige. Der dritte Eritreaer wurde nach München weitergeleitet.

Auch Rainer Scharf steht voll hinter der Arbeit seiner Kollegen, klärt abschließend aber noch einmal über das eigentliche Ziel der Bundespolizei auf. "Auch bei den Befragungen legen wir großen Wert darauf, an Informationen zu den Schleusern zu kommen. Wir wollen weiter verhindern, dass einige Wenige, mit dem Leid der anderen viel Geld verdienen. Das ist unser Ziel."

Quelle: rosenheim24.de

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