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Kolumne einer Ukraine-Geflüchteten

Natalia ist zerrissen zwischen zwei Welten

Natalia Aleksieieva beim Erdbeerpflücken.
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Natalia Aleksieieva beim Erdbeerpflücken.

Natalia Aleksieieva flüchtete mit Hilfe zweier Rosenheimer aus dem Ukraine-Krieg von Odessa nach Bayern: In ihrer Kolumne berichtet sie in unregelmäßigen Abständen über ihr neues Leben bei uns und Nachrichten aus der Heimat.

127 Kriegstage, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen. Die letzten Tage waren besonders schwer. Die Ukraine wird immer stärker bombardiert. In den letzten Tagen schlugen etwa 150 Raketen ein, die meisten in zivile Gebäude. Am Sonntagmorgen erfuhr ich von der Bombardierung von Kiew. Ich kontaktierte sofort Freunde, die dort leben. Alle hatten die lauten Explosionen gehört, waren aber unverletzt geblieben. Das russische Militär feuerte auf ein Wohngebäude und einen Kindergarten. Ich habe den ganzen Morgen geweint. Am Montagabend traf eine Rakete ein Wohnviertel in der Nähe von Odessa. Vier Häuser brannten nieder. Sie bombardierten auch ein riesiges Einkaufszentrum in Kremenchug. In Nikolaev traf eine Rakete ein Wohngebäude. Es gibt Tote, Verwundete und Vermisste. Meine deutschen Freunde haben mir geraten, die Nachrichten aus der Ukraine nicht zu verfolgen, damit mich das nicht so sehr mitnimmt. Aber das ist für mich unmöglich. Nicht zu wissen, was passiert, macht mir genauso viel Angst. In den letzten Tagen schrieben mir meine Freunde aus verschiedenen Städten der Ukraine, was sie gerade durchmachen. Am Mittwoch sandte mir ein enger Freund aus Odessa diese Nachricht. „Die Explosionen sind sehr nah. Es ist gruselig. Meine Fenster zersplitterten nur deshalb nicht, weil sie offen waren.“

Vor dem Hintergrund dieser Nachrichten machten es mir die vielen Hubschrauber, die wegen des G7-Gipfels über München flogen, und die vielen Gewitter nicht einfacher, keine Angst zu haben. Aber das Leben geht weiter. Das Marketingunternehmen, für das ich arbeite, zahlt mir einen Deutschkurs, damit ich leichter mit deutschen Unternehmen kommunizieren kann. Die ersten drei Kursstunden waren sehr interessant und haben mich abgelenkt. Diese Woche habe ich auf einem Erdbeerfeld Erdbeeren gesammelt. Von Erdbeerfeldern habe ich noch nie gehört, so was gibt es in meiner Heimat nicht. Am Dienstag nahm ich auf Einladung einer Kollegin an einem Konzert des Musikers Ólafur Arnalds teil. Die Musik war wunderschön, aber ich konnte sie nicht richtig genießen. Ich hörte dem Klavier und der Geige zu, betrachtete den Sonnenuntergang und die glücklichen Menschen – und weinte. Weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten soll. Habe ich das Recht, dieses Konzert zu genießen, wenn in der Ukraine jede Minute Menschen sterben? Warum habe ich hier in Deutschland so enge Freundschaften gefunden? Einige meiner ukrainischen Freunde sprechen nicht mehr mit mir, weil ich meine Heimat verlassen habe. Wann endet dieser Raketen-Terror? Werden meine Eltern diesen Krieg überleben? Es gibt kein Lehrbuch, wie man einen Krieg durchsteht. Man bekommt nicht beigebracht, wie man das Leben als Flüchtling meistert.

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