"Es dauert, bis man mental wieder zu Hause ist"

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Der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 232, Nikolaus Carstens, blickt auf den Afghanistan-Einsatz zurück.

Berchtesgaden - Nikolaus Carstens, Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 232, war fast ein halbse Jahr in Afghanistan. Im Interview spricht er über seine intensiven Erlebnisse im Einsatz.

Die Soldaten des Gebirgsjägerbataillons 232 aus der Kaserne in Bischofswiesen/Strub befanden sich in Afghanistan – im Auslandseinsatz am Hindukusch. Fern der Heimat galt es dort – fast ein halbes Jahr lang - in abgelegenem Gebiet Einsatz zu leisten. Der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 232, Nikolaus Carstens, spricht im Interview über intensive Erlebnisse, den Verlust von Kameraden, über die neue Strategie der Bundeswehr, aber auch über posttraumatische Belastungsstörungen einzelner Kameraden, die sich nun in der Behandlung befinden.

Herr Carstens, das Gebirgsjägerbataillon 232 aus Bischofswiesen ist aus dem Einsatz in Afghanistan nach Deutschland zurückgekehrt. Wie fühlt es sich an - nach fünf Monaten - wieder in der Heimat angekommen zu sein?

Natürlich ist es schön nach mehr als fünf Monaten eines sehr herausfordernden Einsatzes in Afghanistan wieder in der Heimat zu sein. Besonders für die Familie ist dies ein gutes Gefühl. Neben der langen Trennung haben natürlich insbesondere auch die Angehörigen häufig sehr mit uns gebangt. Es braucht eine gewisse Zeit, bis man auch mental so richtig wieder zu Hause angekommen ist. Zu intensiv waren die Erlebnisse und Eindrücke in Afghanistan, als dass man das alles mit Betreten des deutschen Bodens hinter sich lassen könnte.

Die Bundeswehr hatte in Afghanistan eine neue Strategie zu fahren. Das Partnering, das enge Miteinander von Deutschen und Afghanen. Ist die strategische Neuausrichtung gelungen?

Im Einsatz haben wir sehr intensiv mit den afghanischen Sicherheitskräften zusammengearbeitet. Es gab im Grunde keine nennenswerten Aktivitäten, die wir ohne unsere afghanischen Partner durchgeführt haben. Beide Seiten haben davon sehr profitiert.

Die afghanischen Streitkräfte konnten dadurch ihre Effektivität und ihren Ausbildungsstand erheblich steigern und für uns führte diese Zusammenarbeit zu einer wesentlichen verbesserten Wahrnehmung der Vorgänge um uns herum. Insgesamt war diese Zusammenarbeit sehr fruchtbar und führte zu einer erheblichen Verbesserung der Sicherheitslage in der Provinz Baghlan. Zum Ende des Einsatzes hatten wir einen Raum in einer Ausdehnung von rund 45 mal 20 Kilometern von Aufständischen befreit und konnten uns darin ohne größere Gefährdung bewegen.

Bei einem Angriff in einem Außenposten der deutschen Bundeswehr in Nordafghanistan sind im Februar diesen Jahres drei deutsche Soldaten getötet worden. Ein Soldat der afghanischen Armee eröffnete innerhalb des Stützpunktes das Feuer. Solch ein Vorfall wirft ein schlechtes Licht auf das „Partnering“…

Partnering-Strategie:

"Das deutsche ISAF- Kontingent fördert im Rahmen des „Partnering“-Konzepts die Aus- und Weiterbildung sowie die verstärkte Einbindung afghanischer Sicherheitskräfte bei der Schaffung eines sicheren Umfeldes.“

Der Anschlag vom 18. Februar 2011 am „OP North“ war für uns alle ein großer Schock. Natürlich hat ein solcher Anschlag das Potential, auch das Partnering- Konzept zu beschädigen, da ein solcher Vorfall geeignet ist, das gegenseitige Vertrauen dauerhaft zu lädieren. Gegenseitiges Vertrauen ist jedoch Grundvoraussetzung für erfolgreiches „Partnering“.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das „Partnering“ im Vorfeld uns vor so manchen kritischen Situationen bewahrt hat, da zum Beispiel zahlreiche Warnungen vor Straßenbomben aus den Reihen der Afghanischen Nationalarmee (ANA) kamen. Nach dem Anschlag haben wir unseren afghanischen Partnern gesagt, dass wir alle Anstrengungen unternehmen müssen, um einen solchen Anschlag in Zukunft auszuschließen. Wir müssen die schwarzen Schafe in Reihen der afghanischen Sicherheitskräfte identifizieren, bevor sie solche Taten ausführen können.

Dennoch wäre es falsch, durch eine solche Tat das Konzept grundsätzlich in Frage zu stellen, denn damit hätte der Attentäter das erreicht, was er erreichen wollte – einen Keil zwischen Internationaler Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) und afghanische Sicherheitskräfte zu treiben. Das sollten wir unter keinen Umständen zulassen.

Welche Aufgaben hatten die unter Ihrer Führung in Afghanistan stehenden Soldaten?

Der Gefechtsverband, der ja aus insgesamt 670 Soldaten bestanden hat, hatte den Auftrag, die Aufständischen in der Provinz Baghlan zu bekämpfen und den so gewonnenen Raum nachhaltig zu behaupten. Vorrangiges Ziel waren die beiden Hauptversorgungsstraßen von Pol-e-Khomri nach Kunduz und Mazar-e-Sharif vor fortgesetzten Angriffen der Aufständischen dauerhaft zu schützen.

Dabei galt es insbesondere, die örtliche Bevölkerung zu gewinnen und ihre Unterstützung für die Aufständischen zu beenden. Um dieses zu erreichen, errichteten wir eine Reihe von Außenposten, nachdem wir die Aufständischen erfolgreich aus Dörfern vertrieben hatten und versuchten, durch das Anschieben von zivilen Projekten die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Das Leben in den Außenposten war eine besondere Belastung für alle Soldaten, da die Lebensumstände entsprechend provisorisch und entbehrungsreich waren.

Können Sie von Erfolgen sprechen?

Ich glaube, wir können von großen Erfolgen in Baghlan sprechen. Dazu hat das Gebirgsjägerbataillon 231 und das Gebirgsjägerbataillon 232 im letzten Jahr in hohem Masse beigetragen. Waren Anschläge auf den Versorgungsstraßen im Oktober und November 2010 an der Tagesordnung, so haben wir diese in den letzten Monaten - einmal abgesehen vom 18. Februar 2011 - nicht mehr gesehen. Die Sicherheitslage hat sich erheblich verbessert.

Dies hat uns auch die Bevölkerung in unseren Gesprächen immer wieder bestätigt und sich für unser Engagement bedankt. Wir waren manchmal überrascht wie positiv der Zuspruch insbesondere aus den Reihen der Bevölkerung war. Inwieweit die Entwicklung auch wirklich nachhaltig ist, ist schwer abschätzbar. Vieles wird sich in den nächsten Wochen entscheiden, wenn traditionell die Aktivitäten der Aufständischen witterungsbedingt erneut zunehmen.

Immer wieder ist die Rede von posttraumatischen Belastungsstörungen nach dem Einsatz: Gibt es bei den Gebirgsjägern konkrete Fälle? Welche Ursachen hat eine solche Belastungsstörung und wie äußert sich diese?

Natürlich gab es aufgrund der Ereignisse und Kampfhandlungen belastete Soldaten. In Gesprächen mit Psychologen haben wir versucht, diese Dinge aufzufangen und - wo angezeigt - haben wir diese Soldaten auch zur Behandlung in die Heimat verlegt. Es ist vermutlich zu früh, um abschließend festzustellen, wer wirklich eine posttraumatische Belastungsstörung davongetragen hat.

Der Umgang mit Verwundung und Tod von Kameraden ist immer geeignet, dass dies auch seelische Wunden reißt. Es gilt jetzt in der intensiven Nachbereitung darauf zu achten, wer auch weiterhin ärztliche und psychologische Betreuung in der Nachsorge braucht. Die Symptome können ganz unterschiedlicher Natur sein. Dauerhafte Schlafstörungen und „Flashbacks“ sind dabei Anhaltspunkte dafür, dass vielleicht etwas nicht in Ordnung ist.

Gibt es eine Nachbetreuung? Welchen Umfangs?

Die Nachbetreuung ist sehr intensiv. Da achtet zunächst jeder auf jeden, ob Anomalien im Verhalten auftreten. Darüber hinaus durchläuft jeder der Soldaten ein dreitägiges Nachbereitungsseminar, in dem die Erlebnisse des Einsatzes gemeinsam aufgearbeitet werden. Ergänzt wird dies durch das Angebot einer Präventivkur von bis zu drei Wochen, die in Anspruch genommen werden kann. Insgesamt nehmen wir das Thema sehr ernst und versuchen auch die seelischen Wunden zu identifizieren.

Wie geht es für das Gebirgsjägerbataillon 232 nun weiter? Sind weitere Auslandseinsätze geplant?

Für uns gilt es nun zunächst die Einsatznachbereitung abzuschließen. Dies wird noch einige Wochen in Anspruch nehmen. Anschließend wird es darum gehen, unsere gebirgsspezifischen Fähigkeiten in den Vordergrund der Ausbildung zu stellen. Dies ist in den letzten Monaten aufgrund der Einsatzverpflichtung etwas kurz gekommen. Natürlich wissen wir, dass auch wieder neue Einsätze kommen werden. Es ist jedoch erst einmal wichtig, dass wir den Kopf wieder frei bekommen und nicht gleich wieder an den nächsten Einsatz denken.

Wie haben Sie selbst den Afghanistan-Einsatz erlebt? Wie lautet Ihr persönliches Fazit?

Dieser Einsatz hat mich tief geprägt. Er war sehr fordernd und in Teilen auch sehr belastend. Eines meiner großen Ziele - alle mir unterstellten Soldaten wieder unversehrt nach Deutschland zurückzubringen - konnte ich leider nicht erreichen. Dies hat in einem Krieg aber auch viel mit Glück zu tun. Dieses Glück hat uns am 17. Dezember 2010 und am 18. Februar 2011 kurzzeitig verlassen. Dennoch hat das Bataillon den ihm gegebenen Auftrag hervorragend erfüllt und in Afghanistan eine Menge erreicht. Ich bin stolz auf die Leistungen der Soldaten des Bataillons in diesem Einsatz und glaube, dass wir, trotz des schmerzlichen Verlustes von vier Kameraden, erhobenen Hauptes auf diesen Einsatz zurückblicken können.

Video aus dem Archiv

kpf

Quelle: rosenheim24.de

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