Betten und OP-Tische stehen noch

Sehen Sie sich im Bunker-Krankenhaus um

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Wolfgang Faig steht im OP-Raum im einzigen noch fast im Originalzustand erhaltenen Bunker-Krankenhaus Deutschlands in Gunzenhausen.

Gunzenhausen - Patienten sind hier nie versorgt worden. In Franken gibt es das einzige noch fast im Originalzustand erhaltene Bunker-Krankenhaus Deutschlands.

Patient hätte man in diesem Krankenhaus wohl lieber nicht sein wollen. Kein Tageslicht, kahle Betonwände, zig Stockbetten dicht an dicht und keine Möglichkeit, sich einmal die Füße zu vertreten. Im Fall eines Atom-Angriffs während des Kalten Krieges sollten in dem unterirdischen Bunkerkrankenhaus im fränkischen Gunzenhausen etwa 400 Patienten untergebracht werden - wenn die normalen Krankenhäuser zerstört sind.

Einst gab es rund 220 solcher Behelfskrankenhäuser in Deutschland. Der Bau in Franken diente in den 60er-Jahren als Prototyp für alle weiteren. Heute ist es das einzige verbliebene Bunker-Krankenhaus, das noch fast komplett ausgerüstet ist. In dem rund 4000 Quadratmeter großen Bau aus dem Jahr 1965 stehen noch fast alle Betten und sämtliche OP-Tische.

Fotos: So sieht der beklemmende Ort von innen aus

Fotos: Fast original erhaltenes Bunker-Krankenhaus

„Ab dieser Tür wird es ernst“, sagt Wolfgang Faig. „Ab hier beginnt der Schutzbereich.“ Der 61-Jährige öffnet die sieben Zentner schwere Stahltür zum Krankenhaus drei Meter unter der Erde. Eng ist es hier unten. Und nur um die zehn Grad kalt.

An manchen Stellen steht bei längeren Regenperioden das Wasser auf dem Boden. Der Putz bröckelt hier und da von Wänden und Decken; einige große Risse finden sich ebenfalls. Fenster gibt es natürlich keine, das einzige Licht stammt von den Leuchtröhren. „Das ist eine Welt für sich hier unten“, sagt Faig. Seit vier Jahren führt er Besuchergruppen durch den Bunker.

Es handelt sich dabei um ein sogenanntes vollgeschütztes Krankenhaus: Der 3,9 Millionen D-Mark teure Bau lag komplett unter der Erde, die 60 Zentimeter dicke Stahlbetonhülle samt Bleiumhüllung sollte keine radioaktive Strahlung durchlassen. Faig zeigt Besuchern den Weg eines Patienten: Durch die Aufnahme in die „Dekontaminationsschleuse“ mit Duschen, in der sie sich mögliche Verstrahlungen abwaschen sollten. Dann zum Röntgen, in den OP, ins Aufwachzimmer und zur Bettenstation.

Labor, Gipsraum und Sterilisationsanlage im Bunker-Krankenhaus

Zudem gab es ein Labor, einen Gipsraum und eine Sterilisationsanlage. In einem Raum stehen und liegen noch der OP-Tisch und zahlreiche Instrumente - zum Teil noch originalverpackt. Nur die Laboreinrichtung und die Röntgengeräte wurden im Jahr 1996 nach Costa Rica und Kuba geschickt. Im Ernstfall hätte der Bunker 430 Patienten aufnehmen sollen, dazu 150 Ärzte und Pfleger.

„Er wurde jedoch nie als Krankenhaus genutzt“, berichtet Faig. Es fanden lediglich Übungen statt. Zweimal diente der ungemütliche Bau als Flüchtlingsunterkunft: 1989 schliefen hier einige Tage lang Aussiedler aus der DDR, 1991 diente das Hilfskrankenhaus als Übergangslager für Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben.

Einiges erscheint im Nachhinein jedoch wenig durchdacht. Hätten etwa vier Dekontaminationsduschen für mehr als 500 Menschen gereicht? Und zwei Toiletten für jeweils bis zu 80 Bewohner? Und wohin mit gebrauchten Windeln, Speiseresten, mit Leichen oder amputierten Gliedmaßen? Es blieb ungeklärt. Planung, Ausstattung sowie Arbeits- und Lebensbedingungen des Krankenhauses wiesen „diverse Unzulänglichkeiten“ auf, schrieb Uwe Köppen in einer Projektarbeit über die Notkrankenhäuser an der Rheinischen Fachhochschule Köln.

Dafür waren hohe Stückzahlen an rosafarbener und babyblauer Kinderbekleidung eingeplant. Vieles davon findet sich noch im Originalzustand in der Kleiderkammer des Bunkers. Dazu Gehstöcke, Schnabeltassen und Bettschüsseln, OP-Schürzen, Einmalhandschuhe, Badeschlappen und Nuckelflaschen. Als Nahrung war Dosenessen geplant.

Bunker waren nach Ende des Kalten Krieges nicht mehr nötig

In der Küche stehen noch immer große Behälter zum Erwärmen der Speisen. „Es wäre ein spärliches Essen gewesen, keine Menüauswahl wie heute“, sagt Faig. Fast stolz zeigt er dann die alten Schiffsmotoren, Notstromaggregate und die Lüftungsanlagen. „Alles Stand der 60er-Jahre, doch es funktioniert noch.“ Nach einem Knopfdruck fangen die Schalter an zu blinken, die Anlage setzt sich lautstark in Gang.

Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die teuren Bunker nicht mehr nötig. Die meisten wurden im Laufe der 90er Jahre aufgelöst oder stillgelegt. Ein Baustopp wurde jedoch nicht erlassen. So wurde etwa das Notkrankenhaus im Bunker Heckeshorn in der Nähe des Berliner Wannsees laut Köppen für mehr als zehn Millionen Euro noch bis 1993 umgebaut. Die meisten Hilfskrankenhäuser sind für die Gemeinden nun ein Problem. Grundwasser drückt hoch, Schimmel breitet sich aus.

Der Stadt Gunzenhausen sei jedoch klar, was sie an dem Bunker für ein „Schatzkästchen“ habe, sagt Faig. Auch eine Sprecherin der Kommune sagt, es gebe keine Planungen, ihn zu schließen. „Das Interesse an ihm ist relativ groß.“ Wer den Bau besichtigen will, muss sich bei einer der 90-minütigen Führungen bei der Stadt anmelden, die pro Gruppe 100 Euro kosten. Trotz seiner Begeisterung für den Bunker sagt Faig: „Gott sei Dank hat man das Krankenhaus nie gebraucht. Ich weiß nicht, ob man 14 Tage lang hier unten bleiben möchte.“

dpa

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