Bestseller-Autor in Berchtesgaden

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Michael Winterhoff.

Berchtesgaden – Eine öffentliche Debatte losgetreten hat Dr. Michael Winterhoff mit seinem Spiegel-Bestseller „Warum unsere Kinder Tyrannen werden." Er stellte sein Buch in Berchtesgaden vor:

So stellt der Humanmediziner und Autor die These auf, immer mehr Erwachsene befänden sich in deutlichen Beziehungsstörungen gegenüber ihren Kindern. Drei verschiedene Szenarien beschreibt er, die er auch während eines Fachsymposiums im Kongresshaus in Berchtesgaden einer breiten Zuhörerschaft vorstellte.

Drei verschiedene Ausformungen der Beziehungsstörungen beschreibt Winterhoff, dessen Ausführungen auf große Resonanz stießen, stellen sie doch mitunter einen Versuch dar, einen neuen Weg aufzuzeigen: „Das Kind wird als kleiner Erwachsener behandelt (Kind als Partner); der Erwachsene gerät in Abhängigkeit von den Äußerungen kindlicher Liebe (Projektion); das Kind wird im Rahmen einer psychischen Verschmelzung vom Erwachsenen als Teil seiner selbst wahrgenommen (Symbiose).“ Die Störungsbilder hätten sich im Laufe der Jahre deutlich geändert, sagt Winterhoff, der diese immer wieder in den Zusammenhang mit jener elterlichen Lebensgeschichte setzt. Von Weltbildern ist die Rede, von dem der Eltern, von jenem des Kindes. Was Winterhoff fordert, macht er schnell deutlich. Allerdings ist es die Umsetzung in die Realität, die Schwierigkeiten aufwirft: „Gesellschaftliche Fehlentwicklungen müssen verhindert werden, sodass Erwachsene für Kinder ein klares Gegenüber sind – ein Gegenüber, das für eine gesunde Entwicklung der kindlichen Psyche und Persönlichkeit eine unbedingt notwendige Voraussetzung wäre.“

Allerdings ist die Realität eine andere, immer mehr Menschen leiden an einer zunehmenden „allgemeinen Beziehungsunfähigkeit“. Defizite im sozialen Gefüge, ein erschwertes Gelingen sich zu integrieren. Winterhoff nimmt seine Erfahrungen aus der alltäglichen Praxis. Seit 26 Jahren sei er in seinem Beruf tätig, eingangs stelle er immer die gleichen Fragen wie zu Beginn seiner Tätigkeit als Kinder- und Jugendpsychiater. Um sich die aktuelle Situation zu vergegenwärtigen, zieht Winterhoff eine Grundschulklasse heran. Lediglich zwei bis vier Kinder seien komplett unauffällig, alle anderen zeigten Störungsbilder verschiedener Ausprägungen. Es fehle eine ausreichende altersgerechte Entwicklung des Einzelnen aufgrund fehlender psychischer Reife. „Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder als Partner ansehen, Dinge erwarten, die sie aber einfach noch nicht erfüllen können“, sagt Winterhoff. Kinder müssten wieder als Kinder wahrgenommen und behandelt werden, nicht als „kleine Erwachsene“, die in dieser Rolle einer Überforderung ausgeliefert seien.

Vorgenannte drei Fehlentwicklungen, die Winterhoff im Laufe der Jahre festgestellt hat, zählt der Kinder- und Jugendpsychiater bei Kindern, deren körperliches Alter häufig nicht mit dem psychischen übereinstimmt, auf. Ob Probleme im Sozialverhalten, Unaufmerksamkeit oder Verweigerungshaltung im schulischen Alltag – Eltern suchten die Ursachen für jene Bereiche häufig bei anderen. „Das ist falsch“, sagt Winterhoff, der erkannt hat, dass es die Psyche ist, die nicht zwischen „richtig“ und „falsch“ unterscheiden könne. Gründe hierfür findet Winterhoff in der Fehlentwicklung des Einzelnen. Wenn das Kind als gleichwertiger Partner angesehen, vom Elternteil vereinnahmt wird, wird das Kind in eine Rolle gesteckt, die es nicht auszufüllen vermag. Der deutliche Harmoniewunsch seitens der Eltern kann als solcher nicht zustande kommen: „Der Erwachsene sieht Kinder auf gleicher Ebene und unterliegt der Vorstellung, man könne bereits kleine Kinder über Erklären und Verstehen erziehen.“ Der Erfolg bleibt aus. Entscheidungen wurden früher von Seiten der Eltern zu weiten Teilen den Sprösslingen abgenommen. Heute gehöre dies nicht mehr zur Regel, meint Winterhoff. Die Kinder hätten nie gelernt, zwischen dem eigenen Ich und der direkten Außenwelt zu begrenzen, was wiederum zu Problemen im Sozialverhalten führen kann.

Winterhoff ist der Ansicht, dass heutzutage viele Kinder bereits mit dem Willen zu bestimmen auf die Welt kämen. Nur dann, wenn diese Fehlentwicklung seitens der Eltern eingeschränkt würde, sei die Chance gegeben, eine Weiterentwicklung zu durchlaufen. Eine zweite konkrete Fehlentwicklung im Bereich der Beziehungsstörungen liegt laut Winterhoff dann vor, wenn Kinder zum Spiegel ihrer Eltern werden und diese etwa die schulischen Leistungen als Beweis dessen sehen, ob sie selbst gute oder schlechte Eltern sind. Der dadurch entbrannte Ehrgeiz kann einen Heranwachsenden in ein tiefes Loch stürzen lassen und in den „seelischen Ruin“ treiben. Die extremste aller Fehlentwicklungen jedoch ist die Symbiose, ein Zusammengehen der elterlichen und der kindlichen Psyche, sodass eine eigentliche Wahrnehmung des Kindes nicht mehr gegeben ist. Eltern müssten sich wieder als das prägende Instrument begreifen, in seinen Publikationen gibt Winterhoff Ratschläge, wie es den Eltern gelingen soll, sich weniger als Partner des Kindes zu sehen, sondern vielmehr als deren rahmengebendes Gegenüber. „Das Kind muss wieder als solches erkannt werden“, sagt Winterhoff, der ein gemeinsames Ziel erkennt: „Aus natürlicherweise narzisstischen Kleinkindern können beziehungsfähige Wesen heranwachsen, die in vergleichbarer Weise zu uns heutigen Erwachsenen in der Welt zurechtkommen können.“

kp

Quelle: rosenheim24.de

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