Berufungsprozess: Das passierte am ersten Tag

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Der Angeklagte und sein Verteidiger am Freitag im Gericht.
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Rosenheim - Ein Wasserburger Polizist wurde zu einer Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung verurteilt - und legte Berufung ein. Das passierte am ersten Tag des Berufungsprozesses:

UPDATE 15 Uhr:

Auch der Geschädigte machte am ersten von insgesamt sechs angesetzten Verhandlungstagen Angaben zu den Vorkommnissen in der Silvesternacht 2012 auf 2013. Er schilderte die Festnahme aus seiner Sicht und berichtete von den gegen ihn geführten Schlägen.

Die Schilderungen des Geschädigten

Der Geschädigte gibt an Schürfwunden, einen sogenannten „Cut“ an der rechten Augenbraue, mehrere Kratzer im Gesicht, ein blaues Auge und eine geschwollene Nase, eine große Beule am Haaransatz rechts, Dehnungen im Schulterbereich und einen Schaden an der Hand davongetragen zu haben. Die unterschiedlichen Verletzungen könne er dabei den unterschiedlichen Handlungen des Beamten zuordnen.

Nachdem er die Beamten am Abend der Vorkommnisse angesprochen hatte weil er den Ton des Polizisten dem Jugendlichen gegenüber nicht gut fand, soll alles sehr schnell gegangen sein. Geschlagen oder geschubst habe er den Angeklagten dabei nicht. Die Beamten hätten versucht ihn festzuhalten, er habe sich „gesperrt“. Im Gerangel mit den Polizisten sollen die Blessuren an seiner Hand entstanden sein. Im weiteren Verlauf soll der Geschädigte gegen den Dienstwagen gedrückt worden sein, bevor man ihn ein Stück weg, in Richtung eines Verschlags, geführt habe. „Ich weiß nicht mehr genau, ich habe zum Teil ja nur noch die Beine und den Boden gesehen, “ so der 56-jährige Computerspezialist.

Erst am Verschlag hätten ihn die Beamten dann zu Boden gebracht. „Auf dem Bauch liegend, das Knie des Angeklagten im Genick, die Arme nach oben gehebelt“, sei er dort mit Handschellen gefesselt worden. Auch danach sollen ihm noch die Finger mit Gewalt umgebogen worden sein.

Die Fahrt zur Wache aus Sicht des Geschädigten 

Schließlich im Polizeiwagen platziert, sei er, zusammen mit dem Angeklagten im hinteren Teil des Fahrzeugs, in Richtung Dienststelle gefahren. Dabei soll der Beamte „schräg über“ ihm gesessen und ihm den Ellenbogen in den Hals gedrückt haben. Gegenwehr will er zu diesem Zeitpunkt „schon lange nicht mehr“ geleistet haben. Es soll dann auch zu „mindestens drei Schlägen gegen die Schläfe“ gekommen sein, die vermeintliche Ursache des Cuts. „Gespürt habe ich mein Blut dann beim zweiten Schlag“, so der 56-Jährige.

Auf der Wache angekommen, sollen ihn die Beamten „im Schwitzkasten in die Zelle gebracht“ haben. „Hoppala“, soll der Angeklagte auf dem Weg gesagt und ihn dabei mit dem Kopf vorsätzlich gegen die Wand gestoßen haben. „Das bilde ich mir nicht ein, da bleibe ich dabei“, so der Geschädigte. Spuren, die die Aussage des Geschädigten in dieser Hinsicht untermauern, konnten bei der kriminaltechnischen Untersuchung der Dienststelle jedoch nicht festgestellt werden.

Demütigungen in der Zelle? 

In der Zelle habe er sich dann ausziehen sollen. Nur noch mit der Unterhose bekleidet, soll ihn dann eine Polizeibeamtin nach seinen Personalien befragt haben, ein anderer Polizist habe einen Alkoholtest gemacht. Die Alkoholmessung ergab einen Wert von 0,34 Promille. Auf Nachfrage von Oberstaatsanwalt Dr. Robert Schnabl gab der Geschädigte an, auch ohne seine Brille, die bereits beim ersten Gerangel mit den Beamten im Wasserburger Hofstadt abhanden gekommen sei, das Geschehen klar verfolgt zu haben. Auch die blutbefleckten Handschuhe des Angeklagten habe er eindeutig identifizieren können. Die Brille des Geschädigten hatte zum damaligen Zeitpunkt 4,5 Dioptrien. Etwaige Erinnerungslücken oder sogar einen kurzen „Blackout“ könne der Geschädigte jedoch nicht ausschließen. Der Prozess wird am 24. April weiter fortgesetzt. Dann werden zuerst die Zeugen in der Verhandlung gegen den ehemaligen Wasserburger Polizisten gehört, weitere Aussagen sollen verlesen werden.

Erstmeldung vom Prozesstag, 11.25 Uhr:

In erster Instanz vor dem Rosenheimer Amtsgericht wurde der Wasserburger Polizist, der ab heute erneut vor Gericht steht, zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Er soll in der Silvesternacht 2012 einen heute 56-Jährigen massiv verletzt haben. Bei einer Routinekontrolle im Rahmen seines Streifendienstes soll es zu Hangreiflichkeiten mit dem Geschädigten gekommen sein. Noch vor Ort, auf dem Weg zur Polizeidienststelle und auf der Inspektion angekommen soll es mehrfach zu Schlägen und Beleidigungen gekommen sein. Der Geschädigte zog sich dabei mehrere Riss- und Quetschwunden zu.

Die Staatsanwaltschaft forderte vor dem Landgericht im Rahmen der ersten Verhandlung noch eine Geldstrafe für den heute 36-jährigen Polizisten. Der Richter blieb mit seinem Urteil in dem Fall jedoch dann deutlich über dieser Forderung. Wegen Freiheitsberaubung, Körperverletzung im Amt und Beleiding erging damals das Urteil von zehn Monaten zur Bewährung.

Erster Prozesstag am Freitag 

Im Berufungsverfahren, das vorab auf sechs Verhandlungstage angesetzt ist, wird der Fall nun neu aufgerollt. Unter dem Vorsicht von Richterin Christina Braune am Landgericht in Traunstein machte der Polizist bereits am ersten Prozesstag umfangreiche Angaben zu den Vorfällen. Nachdem die Silvesternacht anfangs recht ruhig verlaufen sei, bemerkte der Beamte nach Mitternacht auf Streife einen jungen Mann, der die vorbeifahrenden Polizisten beleidigte. Nachdem man die Personalien des stark alkoholisierten Mannes festgestellt hatte, wollten die Beamten weiterfahren. Doch dazu sei es nicht gekommen.

Plötzlich sei ein anderer Mann, der spätere Geschädigte, auf den Polizisten zugelaufen. "Er hat geschriehen, was wir uns eigentlich einbilden würden", ihm die Autotür aus der Hand gerissen, berichtet der Beamte vor Gericht. Im weiteren Verlauf habe der Mann ihn dann geschubst und auch auf seine Schulter geschlagen, die Situation sei eskaliert.

Mehrere Schläge gegen den Kopf 

"Dann wollten wir die Person fixieren", erklärt der Polizist weiter. Zuerst alleine am Dienstwagen, danach mit der Hilfe seiner Kollegen, konnte man den Mann schließlich zu Boden bringen. Doch der 56-Jährige habe sich gewehrt: "Er hat mir dann zwischen die Beine gefasst, meine Hoden gepackt und zugedrückt", so der Beamte weiter. Daraufhin habe er zum ersten Mal zugeschlagen. Hatte der erste Treffer gegen den Kopf des Geschädigten noch keine Wirkung gezeigt, folgten zwei bis drei weitere Schläge, solange bis der Mann den Griff gelockert hatte, so der Polizist.

Die Situation sei dann auf dem Weg zur Inspektion erneut aus dem Ruder gelaufen. Im Fahrzeug, auf dem Weg zur Dienststelle, sei der Beamte dann unvermittelt getreten worden. "Ich bin rüber und hab ihn dann gegen die Seitenwand zum Fenster gedrückt." Nachdem sich der Geschädigte mit Kopfstößen gewehrt habe, sei es zu einem weitere Schlag, einem "Schwinger" so der Angeklagte, gekommen. Auf der Dienststelle und in die Zelle verbracht, sei es zu keinen weiteren körperlichen Übergriffen gekommen, der 56-Jährige habe sich dennoch gewehrt. Der Geschädigte habe dann erst am Kopf geblutet, soll eine Versorgung der Wunde aber abgelehnt haben.

Ein Silvesterabend und seine Folgen 

"Ich bin seit eineinhalb Jahren vom Dienst suspendiert, mein Weltbild ist zusammengebrochen", erklärt der Angeklagte auf Nachfrage der vorsitzenden Richterin. "Wie hätte ich mich im Nachhinein anders verhalten sollen? Ich weiß es nicht!" so der Beamte weiter. So sei vielleicht nicht alles rund gelaufen an dem Abend. Der Polizist macht den Stress und die Schmerzen für sein Verhalten verantwortlich.

In seiner langjährigen Dienstzeit, unter anderem mit einer Verwendung in der Münchner Innenstadt, habe er eine derart aggressive Stimmung jedoch noch nie erlebt. "Es war stressig, belastend, ein wirklich schwieriger Einsatz", erklärte der Polizist abschließend. "Ich habe durch das Ganze viel verloren", seine Frau habe sich mittlerweile von ihm getrennt. Auch die Entfernung aus dem aktiven Dienst bei der Polizei drohe dem 36-Jährigen aktuell.

sl

Quelle: rosenheim24.de

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