"Crystal hat mich schlimm verändert"

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Auch in der Region hat der Konsum von Crystal zugenommen
  • schließen

Landkreis - Gierig sein und dem seelischen Verlangen nachgeben! So beschreibt eine Betroffene das Gefühl, als sie regelmäßig zu Crystal griff. Die Droge ist mittlerweile auch in der Region angekommen.

Wer glaubt, der Umlauf von Crystal sei in weiter Ferne, täuscht. Auch in der Region gibt es Betroffene, die mit der leider immer beliebter werdenden Droge Kontakt haben.

Eine 19-Jährige aus dem Altlandkreis Wasserburg erzählt, dass der innere Wunsch auf mehr Gelassenheit für sie eine Rolle gespielt habe.

Aktuell befindet sie sich immer noch in der Zeit des Entzugs.

Mittlerweile hat sie eine Klinik verlassen und regeneriert ihren Körper zuhause bei der Familie.

Seit zwei Jahren versuchen die Eltern und der Bruder der Jugendlichen, alle Erfolge und Rückschritte nach Absetzen von Crystal gemeinsam zu stemmen.

Die 19-Jährige hat sich bewusst dafür entschieden, etwas gegen ihre Sucht zu tun.

An die ersten Tage im Entzug sowie die extensive Konsumzeit erinnert sie sich heute mit Schrecken, aber vielen Gedächtnislücken.

Den Start hat sie noch gut vor Augen: „Ich war mit einigen Freundinnen und deren älteren Freunden auf einer Party nahe der tschechischen Grenze.

Zwei Männer kamen auf uns zu, und im Laufe des Abends boten sie uns an, etwas „Ice“ zu bringen.

Es mache lockerer und wäre frisch auf dem Markt.

Ich war damals noch auf dem Gymnasium, hatte Lernstress. Von Crystal hatte ich schon mal gehört, aber „Ice“ hörte sich nicht übel an, fand ich damals.

Der Freund meiner Mitschülerin rauchte es in einer selbstgedrehten Zigarette.

Mir bot man ein bröckliges Pulver an. Das hab ich genommen. Beim ersten Mal, dann hab ich es geraucht“.

Was anfangs einfach nur Spaß gewesen sei, wäre ihr als Anhängsel geblieben, schildert die 19-Jährige weiter.

„Der Partyabend war genial, bevor wir heim fuhren, sagte man mir, ich könne es auch in regelmäßigen Abständen bestellen, sogar über’s Telefon, dann käme jemand mal in unsere Gegend, zwei Stunden Fahrt seien schließlich nicht weit.

Ich hatte noch was für die nächsten beiden Tage, dann war nicht mehr viel mit mir anzufangen“.

Als die Vorräte zu Neige gingen, sei sie nervös geworden und konnte keine klaren Gedanken mehr finden, so der Teenager. Sie hätte regelmäßig zu der Droge gegriffen, die Lieferung habe bestens funktioniert.

Eltern zunächst ahnungslos

Die Jugendliche aus dem Altlandkreis Wasserburg berichtet stockend vom weiteren Alltag mit der steigenden Drogenzufuhr.

Crystal sei günstig zu erstehen gewesen, das Taschengeld habe völlig gereicht, um den Konsum zu finanzieren: „Es war nicht besonders teuer. Aber es tat mir gut, fand ich.

Meine Eltern bemerkten von der Einnahme nix, nur dass meine Haut fahler wurde und ich teilweise hartnäckige Entzündungen im Gesicht  und an den Armen hatte. Auch meine Haare wurden immer dünner.

Zunächst selbst gar nicht wahrgenommen habe sie die äußerlichen Veränderungen: „Ich hatte volles Haar, da war schnell nicht mehr viel von den einst üppigen Locken übrig. Anfangs hab ich das alles als harmlos angesehen“, erläutert die junge Frau.

Erschreckende Bilder zeigen Veränderungen des Körpers unter Crystaleinfluss

Fotos von damals könne sie jetzt nicht mehr anschauen, weil sie dies emotional sehr belasten würde.

Plötzlich stockt das Gespräch. Sie wisse gerade nicht weiter, blickt angestrengt.  

Viele Gedanken von damals seien einfach gelöscht, erklärt die 19-Jährige: „Leider weiß ich nicht mehr viel von den vier Monaten, in denen ich Crystal zu mir nahm.

Ich weiß nur, dass meine Eltern mit mir bei der Erziehungsberatung waren. Die haben dort aber gemerkt, dass ich mich dringend an eine andere Stelle wenden muss.

Erst kurz vor dem Entzug des Stoffs hab ich gemerkt, dass ich diese schnell wechselnden Gefühlszustände körperlich nicht mehr verkraften kann, ich war wie nach einer starken Grippe sehr geschwächt.

Leider habe ich große Erinnerungslücken, mein Gedächtnis hat sehr gelitten. Aber es wird wieder und dann mache ich die Schule fertig“.

Persönliches Ziel hilft beim Entzug

Ein Vorhaben, das momentan den Genesungsweg der 19-Jährigen positiv beeinflusse, ist sich Suchtberaterin Ursula Sponer sicher.

Oft müsse erkannt werden, dass der Körper, wie nach jedem Drogenkonsum, lange Zeit zur Regeneration brauche, heißt es auch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

Crystal verdrängt zunehmend Speed und Ecstasy

 

Die Verbreitung von Crystal steigt in der Region.

Bislang gehören Speed und Ecstasy aber noch zu den bevorzugten Stoffen.

Derzeit wäre der Abstand zur Grenze schon noch ein Faktor, der die Einnahme und den Handel von Crystal in der Region erschwere, weil die Herstellung oft nicht auf deutschem Gebiet erfolge, so die Experten.

Zunehmend verbreite sich durch sogenannte „Handels-Stationen“ der Umlauf.

Zollbeamte werden immer öfter mit dem Fund von  eingeschmuggelten Päckchen voll Crystal konfrontiert.

So wird angenommen, dass Crystal sich immer mehr verbreiten und die aktuell noch recht überschaubare Zahl an Betroffenen sich zügig mehren wird.

Keine Spielerei sondern echte Gefahr

Die Suchtberatung in der Region nimmt stetig zu.

Der Umlauf des synthetisch hergestellten Crystal auch?

Bislang galt Crystal als ein Problem im Grenzgebiet. Weit weg vom Idyll der Region. Doch auch in Südostbayern hat man bereits Erfahrungen mit Crystal gemacht.

Die Gruppe Rauschgift der Kriminalpolizei in Mühldorf erkennt zunehmend das Voranschreiten der in Labors hergestellten Droge.

Dies solle auch in der Region nicht unterschätzt werden, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion von Seiten der Polizei.

Besonders interessieren würden sich demnach vor allem junge Menschen für das Metamphetamin.

Die Substanz mindere Gefühle wie Hunger, Angst und Schmerz. Euphorische Wirkung stelle sich ein, ebenso wie die Steigerung der subjektiven Leistungsbereitschaft.

In der Region beschäftigen sich viele Ärzte mit dem rasant zunehmenden Drogenkonsum im Umkreis.

Mediziner aus Kolbermoor warnt vor der Droge Crystal

Dr. Ludwig Geiger aus Kolbermoor hat sich intensiv mit dem Thema Crystal auseinandergesetzt und hatte schon vor einigen Jahren vor dem gefährlichen Stoff gewarnt.

Warum ist Crystal jetzt auch in der Region auf dem Vormarsch?

 

Nicht nur nahe dem Grenzland zu Tschechien verbreitet sich der Umgang mit dem kristallinen Metamphetamin.

Durch die Bereitschaft, große Diskotheken und besondere Partys zu besuchen, sind auch junge Menschen aus der Region verstärkt im Kontaktbereich angekommen. Die Fälle häufen sich, wenn auch nicht extrem, heißt es aus der Fachambulanz für Suchterkrankungen aus dem Landkreis Rosenheim.

Das Schockierende sei, dass viele der Betroffenen sich lange Zeit gegen jegliche Art von Hilfe wehren.

Selbst fühle man sich mit der Einnahme von Crystal lange wohl. „Die Abstände des schwankenden Vorteilsempfinden nimmt jedoch rasch zu“, weiß Ursula Sponer. Sie unterstützt Betroffene und Angehörige dann, wenn Hilfe und Rat gewünscht werden.

Seit langem gibt es die Fachambulanz für Suchterkrankungen im Landkreis Rosenheim bereits, seit nunmehr fünf Jahren existiert die Außenstelle in Wasserburg.

Jeder, der Unterstützung möchte, bekommt diese entweder telefonisch oder persönlich.

„Oft ist es schwer, sich darauf einzulassen, Hilfe zu suchen“, so die Beraterin im Gespräch mit unserer Redaktion.

Antriebslosigkeit und Gereiztheit wären die geringsten Phänomene, wenn der Körper wieder Zufuhr von Crystal benötige.

„Oftmals sind Persönlichkeitsveränderungen extrem auffällig“, heißt es von der Suchtberaterin.

Dennoch sei die Zahl der Betroffenen mit Crystal-Abhängigkeit im ländlichen Gebiet nicht in übergroßem Ausmaß fest zu stellen.

Viele Abhängige suchten sich derzeit oft noch den kürzeren Beschaffungsweg, da sei Crystal aktuell noch auf den unteren Plätzen, heißt es weiter.

Trotzdem müsse man jetzt schon den Umlauf eindämmen, um die Zahlen klein zu halten.

Hilfe annehmen oft ein persönliches Problem

Betroffene und Angehörige mit Fragen aller Art können sich unter anderem an die Fachambulanz für Suchterkrankungen  der einzelnen Landkreise wenden:

Rosenheim: Telefon 08031-356280

Wasserburg: Telefon 08071-5975190

Bad Reichenhall: Telefon 08651-95850

Mühldorf: Telefon 08631-376340

Altötting: Telefon 08671-969896

Traunstein: Telefon 0861-9887741

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser