Geschichten rund um den Rosenheimer Bahnhof

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Hans-Georg Hunger war 19 Jahre als Service-Mitarbeiter am Rosenheimer Bahnhof unterwegs-

Rosenheim - Jeder kannte ihn: 19 Jahre war Hans-Georg Hunger als Service-Mitarbeiter am Bahnhof unterwegs. In dieser Zeit hat er viele witzige, dramatische und auch kuriose Geschichten erlebt.

Im ersten Teil unserer Serie über den Rosenheimer Bahnhof haben wir für Sie die spektakulärsten Kriminal-Fälle der vergangenen Jahre, die sich auf dem Gelände abgespielt haben, zusammengestellt. Aber was ist mit den persönlichen Schicksalen, den kuriosen Begebenheiten und den tragischen Momenten, die sich in und um den Bahnhof ereignen?

Wer könnte mehr darüber wissen als ein Service-Mitarbeiter, der 19 Jahre am Rosenheimer Bahnhof unterwegs war. Hans-Georg Hunger hat uns seine interessantesten Geschichten aus seiner Zeit am Bahnhof erzählt.

Falschen Ministerpräsident beim Schwarzfahren erwischt

Eine fast schon filmreife Situation erlebte Hans-Georg Hunger 1990 auf einer Fahrt von Holzkirchen nach Rosenheim. Bei seiner täglichen Fahrkarten-Kontrolle hatte er schon einige Schwarzfahrer erwischt. Dass sich aber drei Reisende ohne Fahrkarte als Ministerpräsident des Freistaates Preußen, dessen Staatssekretär und Stellvertreter ausgeben, das hatte Hunger noch nicht erlebt. "Die drei Männer saßen in der ersten Klasse des Zuges mit ihren blauen Anzügen. Als ich dann einen von ihnen nach den Fahrkarten fragte, meinte er, 'wir brauchen keine Fahrkarten'."

Anschließend zückte der Mann einen Dienstausweis auf dem zu lesen war, dass es sich bei dem 51-jährigen Berliner um den Ministerpräsident des Freistaates Preußen handle, der zugleich auch Minister für Handel und Gewerbe sei. Und gemäß Paragraph 40 der Reichsverfassung hätte er freie Fahrt in allen öffentlichen Verkehrsmitteln im Staatsgebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen vom 31. Dezember 1937.

"Ich habe dann zu ihnen gesagt, dass sie doch einfach die 6,40 Mark zahlen sollen. Daraufhin wollten sie meinen Namen und meine Dienstnummer haben."

Aber Hunger ließ sich von den angeblichen Diplomaten nicht ins Boxhorn jagen und war trotz der (ebenfalls falschen) Urkunden nicht davon abzubringen, seine vermeintlich hochkarätigen Fahrgäste abzukassieren. Als sich diese aber immer noch weigerten, forderte Hunger sie auf, den Zug in Westerham zu verlassen. Das Trio blieb jedoch stur. Erst in Bad Aibling folgten sie der Aufforderung des Kontrolleurs, weil sie "dort sowieso aussteigen wollten".

"In Aibling war dann schon die Polizei da, als wir ankamen," erinnert sich Hunger. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass die drei Festgenommenen aus Berlin stammten und mit der Masche bis nach Bayern gereist waren. Weil alle drei einen festen Wohnsitz hatten, wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt. Sie mussten sich wegen des Verdachts der Beförderungserschleichung und Urkundenfälschung verantworten.

Kurios: Hund fährt allein im Zug

Ein tierisches Highlight in Hungers Karriere war ein Hund, der des öfteren selbstständig mit dem Zug nach Rosenheim unterwegs war. "Der Hund ist immer in Endorf eingestiegen, und bis nach Rosenheim gefahren. Wie wir später erfahren haben, hat er das immer wieder mal gemacht. Ganz alleine im Abteil."

Glücklicherweise bemerkte ein Schaffner das Tier und trug es in ein Zwischenabteil. "Wir konnten ihn dann in Rosenheim in Empfang nehmen. Die Bundespolizei konnte über die Hundemarke herausfinden, wo er herkam und hat ihn dann wieder nach Hause gebracht."

Aufsatz statt Geldstrafe

Hunger hatte aber auch oft mit Jugendlichen zu tun, die sich auf dem Bahnhofs-Gelände nicht an die Regeln halten und beispielsweise unüberlegt über die Gleise rennen. Aber statt ihnen einfach ein Bußgeld aufs Auge zu drücken, hatte sich der Rosenheimer eine ganz andere Methode überlegt.

"Als ich einen Schüler dabei erwischte, wie er gerade über die Gleise rennen wollte, hab ich zu ihm gemeint, er soll mir doch bis Montag einen Aufsatz schreiben oder er muss 20 Euro zahlen."

Und man mag es nicht glauben, aber am Montag kam der Junge wirklich vorbei und überreichte Hunger seinen Aufsatz.  "Mein Abteilungsleiter hat das dann abgezeichnet. Und anscheinend hat es auch gewirkt, denn danach hab ich ihn nicht mehr dabei erwischt, wie er über die Gleise gerannt ist."

Hier können Sie den Aufsatz des Schülers lesen.

Die Wiesn-Zeit am Rosenheimer Bahnhof

Gerade für die Mitarbeiter am Rosenheimer Bahnhof ist die Wiesn-Zeit eine sehr heikle Situation. Sie müssen sich herumärgern mit betrunkenen Fahrgästen, Wildbieslern und gewaltbereiten Festbesuchern. Aber wie erlebte eigentlich Hunger die Wiesn-Zeit?

"Wie lustig kommen sie daher und wie traurig ist es dann, wenn die Frauen, denn meisten waren die nüchterner, ihre Männer hinter sich herschleifen", erinnert sich Hunger. "Einmal kam ich in die Bahnhofshalle und überall lagen kreuz und quer verstreut die Betrunkenen auf dem Boden. Das ist dann schon eine Herausforderung."

Dramatisches Erlebnis für einen jungen Bahnangestellten

Der Rosenheimer hat auch richtig dramatische Situationen erlebt. Ein schreckliche Begebenheit ist Hunger dabei besonders im Gedächtnis geblieben.

"Als ich 15 Jahre alt war, hatte ich eines meiner schlimmsten Erlebnisse. Da denke ich heute noch dran. Damals war ich in Karolinenfeld in der Ausbildung. Ich stieg aus einem Zug aus und bemerkte einen älteren Mann am Bahnsteig. Als der Zug dann losfuhr hielt sich der Mann weiter an der Bahn fest und wurde regelrecht in den Zug hineingedreht. Und dann hat man seine Frau verständigt und das Bild, wie sie vor ihm kniet, geht mir bis heute nicht aus dem Kopf."

Patrick Steinke

Quelle: rosenheim24.de

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