Rettungssanitäter spricht über Zug-Unglück von Bad Aibling

"Schnell klar, dass es kein Routineeinsatz werden würde"

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Bad Aibling - Elf Tote und zahlreiche Schwerverletzte forderte das Zugunglück am letzten Dienstag bei Bad Aibling. Ein Rettungssanitäter der Malteser hat nun einen emotionalen Einsatzbericht auf Facebook veröffentlicht:

Der Beitrag im Wortlaut:

"Ich bin seit etwa 35 Jahren als Rettungssanitäter bei den Malteser Rosenheim und habe schon einige, auch teils dramatische, Einsätze erlebt. Als am Dienstag der Piepser ging und ich die Einsatzmeldung hörte war klar, dass ich mich an diesen Tag noch lange erinnern werde.

Bald ist klar: Es ist kein Routineeinsatz 

Zunächst läuft das normale Programm: raus aus dem Schlafanzug, rein in eine „gesellschaftsfähige“ Hose und schnell ins Auto in Richtung Dienststelle. Auch in der Dienststelle lief alles wie ein Routineeinsatz. Wir müssen schauen, welche Einsatzgruppen alarmiert wurden und welche Autos zu besetzen sind. Dies vergleichen wir mit den Helfern, die bereits da sind oder sich angemeldet haben, und besetzen die Autos. Dazwischen muss ich mich selber umziehen, Fragen der Helfer beantworten und innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen. 

Daneben ein Ohr am Funk, wodurch sehr schnell klar wurde, dass es kein Routine-Einsatz werden würde. Die Besetzung der Autos an einem Wochentag ist nicht immer einfach für eine Hilfsorganisation, die nicht unter einen gesetzlichen festgelegten Lohnausgleich bei Ausfall eines Arbeitnehmers fällt, wenn dieser auf einen Einsatz muss. So kam es, dass dringend ein Fahrer für den Gerätewagen "San" gebraucht wurde und mir diese Rolle zufiel. 

Dieses Auto ist mit 7,5 Tonnen eines unserer größten und hat Material für ca. 50 Patienten an Bord. Gemeinsam mit meinen Kameraden und meiner Gruppenführerin, der ich ab jetzt unterstand, ging es für mich Richtung Bad Aibling. Gemeinsam mit vielen anderen Sanitätern und Feuerwehrlern mussten wir dann erstmal warten, wie es weitergeht. 

Bilder vom Einsatz der Rettungskräfte

Hunderte Helfer geben vor Ort alles

Warten auf den Einsatzauftrag

Für uns ist es oftmals unbefriedigend mit Blaulicht und unter Stress zum Einsatz zu fahren und dann auf den Einsatzauftrag zu warten. Am liebsten würden wir sofort loslegen. Jedoch muss sich die Einsatzleitung erstmal ein Bild machen und entscheiden wie am besten für alle Verletzten vorgegangen wird. 

Die Menge an Hilfskräften in Bad Aibling war auch für mich „alten Hasen“ beeindruckend. Für uns hieß es dann weiter zur Feuerwehr Kolbermoor um die Kameraden vom BRK zu unterstützen. Also wieder Blaulicht an und der Stresspegel steigt (auch wenn ich seit 4 Jahren hauptamtlich im Rettungsdienst bei den Maltesern tätig bin). In der Feuerwehr Kolbermoor sollten wir einen Behandlungsplatz für leicht bis mittelschwerverletzte Patienten aufbauen. 

Dort haben wir auch weitere 8 Helfer von uns getroffen, die später kommen bzw. ihre Arbeitgeber zu einer Freistellung überreden konnten. Gemeinsam mit unserer Technikgruppe waren wir jetzt 18 Leute. Alle haben angepackt und innerhalb weniger Minuten war der Gerätewagen fast leer, Biertische aufgestellt und Material darauf ausgebreitet, Tragen aufgestellt und mit Tragelaken und Decken ausgestattet. 

Weitere Bilder vom Einsatz der Rettungskräfte

Bilder vom Zugunglück bei Bad Aibling/Pullach

Koordination ist wichtig

Während die Helfer in Gruppen eingeteilt wurden, um die Patienten zu versorgen, habe ich mich zurückgezogen und alles beobachtet. Meine helfenden Hände wurden gerade nicht gebraucht und der Nachwuchs muss meiner Meinung nach die Chance bekommen, eigene Erfahrungen zu machen und zu lernen. 

Besonders geachtet habe ich auf die Gruppenführer der Technik- und Behandlungseinheit. Sie müssen im Einsatz schnell Entscheidungen treffen und alles koordinieren. Gleichzeitig steht hinter jeder Entscheidung mindestens ein Schicksal eines verletzten Patienten. Der Druck ist hoch und die Tragweite der Entscheidung gegebenenfalls auch.Ich bin deswegen sehr froh, dass ich nicht einmal eingreifen musste. Nachdem wir alle Patienten versorgt und an den Rettungsdienst oder Angehörige übergeben haben: Einmal ganz tief durchatmen.

Der Post auf Facebook

Liebe Facebook-Freunde,wir haben in den letzten Tagen nicht so viel von uns hören lassen, weil wir uns erstmal selbst...

Posted by Malteser Rosenheim on Sonntag, 14. Februar 2016

Der Rest ist erstmal wieder Routine: Alles zusammen packen, zuhause putzen und das Material auffüllen. Der wohl wichtigste Teil ist die Einsatznachbesprechung. Wir haben uns bei Butterbrezen und belegten Semmeln zusammengesetzt und über alles geredet. Teil zwei der Nachbesprechung war am Donnerstag gemeinsam mit unserem internen Seelsorger. 

Etwa eineinhalb Stunden haben wir über alles gesprochen: Wie es den Helfern geht, was gut gelaufen ist, was schlecht gelaufen ist. Wir haben ein schönes Sprichwort: „Malteser ist man nicht alleine“ - und das hat man in den letzten Tagen gemerkt. 

Gottesdienst war bewegender und notwendiger Abschluss

Der Gottesdienst am Sonntag war für mich ein bewegender und notwendiger Abschluss dieses Einsatzes. Wir konnten uns von den Toten verabschieden (auch wenn wir sie persönlich nicht kannten) und mit den Kameraden der anderen Hilfsorganisationen sprechen. Für uns ist dieser Einsatz gut und professionell gelaufen. Die meisten von uns waren aber auch nicht direkt an der Unglücksstelle und haben die schrecklichen Bilder nicht im Kopf. 

Meinen Kameraden, die vorne waren, sowie den Überlebenden und Angehörigen der Verstorbenen schicke ich alle Kraft dieser Welt um die Bilder und den Verlust zu verarbeiten. Wir sind da, wenn jemand Hilfe braucht. Insgesamt waren etwa 35 Helfer der Malteser Rosenheim im Einsatz. Neben den bereits erwähnten Einheiten, Technik und Behandlung, waren wir mit jeweils zwei Kranken- und Rettungswagen sowie Helfern in der Dienststelle beteiligt."

Horst Rapphahn, Malteser Rosenheim

Quelle: mangfall24.de

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