Dieser Arzt hat den Schützen entwaffnet

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Der Arzt machte am Nachmittag seine Aussage.
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Traunstein/Prien - Wegen zweifachen Mordversuchs muss sich ein 39-jähriger Priener vor Gericht verantworten. Doch viel unglaublicher ist die Geschichte des Arztes, der ihn entwaffnet hat.

UPDATE 17 Uhr:

Der Arzt, der den Schützen überwältigt und entwaffnet hat, machte am späten Nachmittag seine Aussage. Er sei mit seinem Auto gerade auf dem Rückweg aus der Klinik gewesen, als er in der Schulstraße eine größere Menschenmenge bemerkte. "Ich habe dann einen bewaffneten Mann gesehen und mich gefragt, ob hier gerade der nächste Tatort gedreht wird." Doch schnell merkte er, dass dem nicht so war: "Ich habe mein Auto abgestellt und habe dann den Leuten klar gemacht, dass sie sich aus dem Schussbereich entfernen sollen. Als erfahrener Notarzt kenne ich mich mit solchen Situationen aus." Er selbst habe sich dann auch etwas vom Tatgeschehen entfernt und habe anschließend die Schüsse gehört. "Als ich gesehen habe, dass er die Waffe in Richtung der Hofeinfahrt und nicht auf Personen gerichtet hat, habe ich zugegriffen."

Der 39-jährige Priener muss sich wegen zweifachen Mordversuchs vor dem Traunsteiner Landgericht verantworten.

Von hinten sprang er dem 39-Jährigen in den Rücken und hielt dabei seine Schusshand fest. "Ich habe ihn dann überdie Hüfte umgeworfen und seine Hand mehrmals auf den Boden geschlagen, bis er die Waffe losließ." Mit seinem Knie habe er den Angeklagten dann fixiert und die Waffe entladen und einem Zeugen übergeben. Doch damit nicht genug. Als die Polizei eintraf übergab er ihnen Waffe und Täter und kümmerte sich postwendend um den angeschossenen 49-Jährigen. Ganz bescheiden meinte er im Gespräch mit chiemgau24.de: "Es ging mir nur um die Eigensicherung und darum, dass keiner zu schaden kommt."

UPDATE 15.40 Uhr: Der angeschossene Zeuge sagt aus

Der 49-jährige Lkw-Fahrer, der beim Tatgeschehen angeschossen wurde, machte am Nachmittag seine Aussage. Vom Laden seiner Frau aus habe er die Ereignisse gesehen. "Ich habe beobachtet, wie er die Frau an den Haaren gepackt hat." Daraufhin sei er sofort hinausgegangen, um ihr zu helfen. "Ich habe zu ihm gesagt, er soll damit aufhören. Er hat mir mit der Waffe gedeutet, dass ich weggehen soll."

Er wich danach ein Stück zurück. Doch als der Angeklagte die 31-Jährige anschließend in die Hofeinfahrt zerrte, sei er wieder hinterher gegangen und habe ihn abermals dazu aufgefordert, damit aufzuhören. Danach habe er zwei Schüsse gehört und gesehen, wie die Frau weglief. Dass er im Anschluss an der Oberlippe getroffen wurde, habe er nicht gemerkt. "Dann hat er mir in die Augen geschaut und mir in die Brust geschossen." Den Druck in der Brust habe er sofort gespürt: "Ich war gleich unter Schock." Bis heute leide er unter psychischen Problemen und ist deshalb nach wie vor in Behandlung. Auch seinen Job als Lkw-Fahrer hat er verloren.

Auf die Frage der Nebenklagevertreterin, wie er es empfinde, dass der Angeklagte möglicherweise schuldunfähig sei, meinte der Zeuge: "Er soll sich nicht hinter dem Alkohol verstecken. Jeder soll für das geradestehen, was er getan hat."

UPDATE 13.30 Uhr: Die Geschädigte erzählt von der Tat

Die 31-jährige Geschädigte machte ihre Aussage bei Gericht. Sie ging zuerst auf ihre rund viermonatige Beziehung mit dem Angeklagten ein. Zu Anfang habe er seinen Alkoholkonsum stark eingeschränkt. Doch im Laufe der Beziehung habe es sich immer mehr "eingeschlichen". Nach dem Zusammenleben habe ihr der Angeklagte wüste Beschimpfungen per SMS geschickt. Der vorsitzende Richter Erich Fuchs verlas anschließend einige der Nachrichten. "Flittchen" und "Schlampe" gehörten dabei noch zu den harmloseren Ausdrücken, die der Angeklagte gebrauchte.

Danach kam die Geschädigte auf den Tatabend zu sprechen. Sichtlich mitgenommen beschrieb sie, wie der Angeklagte sie überfallen und bedroht hatte. Er habe sie in der Schulstraße abgepasst und ihr gesagt, er brauche sie jetzt. "Ich habe dabei schon die Waffe in seiner Jacke gesehen. Ich habe einigen Passanten sofort gesagt, sie sollen die Polizei rufen." Daraufhin habe er sie gegen eine Hauswand gedrückt und sie geschüttelt. "Er hat mich angeschrien, ich solle das Maul aufmachen und ihm sagen, was ich mit seiner Tochter zu tun habe." Danach habe er sie in eine Hecke gezogen und ihr mit der Waffe aufs Auge geschlagen. Sie sei dabei auf allen Vieren gewesen, weil er ihr ein Bein gestellt habe.

Anschließend habe er sie an den Haaren in eine Hofeinfahrt gezerrt. Dort habe der Angeklagte ihr die Waffe gegen den Hinterkopf gehalten. "Ich habe die Pistole immer wieder gespürt." Sie habe mit ihm um die Waffe gerangelt, während er sie weiter an den Haaren festhielt. "Dann konnte ich mich plötzlich losreißen, keine Ahnung wie. Ich bin einfach nur noch gerannt, in das Café und habe meinem Chef zugerufen, er soll die Tür zusperren."

Als Richter Erich Fuchs nachfragte, wie es ihr jetzt gehe, brach die 31-Jährige in Tränen aus. "Ich denke jeden Tag daran, spiele es im Kopf durch. Jede freie Sekunde denke ich dran."

UPDATE 12.10 Uhr: Polizist sagt aus

Der ermittelnde Polizist machte anschließend den Anfang bei der Beweisaufnahme. Seine Aussage deckte sich mit den Angaben der Anklageschrift. Demnach habe der Angeklagte zuerst seine Ex-Freundin geschlagen und bedroht, bevor er dann auf sie und danach auf einen Zeugen geschossen habe. Zudem berichtete der Beamte, dass es das Treffen zwischen dem Opfer und der Kindsmutter nie gegeben habe. "Sie haben sich, nach eigenen Angaben, nicht gekannt."

Bei seiner Verhaftung sei er aggressiv gewesen und sehr provokativ im Umgangston. Das habe sich aber bis zur Vernehmung am nächsten Tag gelegt. Da sei er kooperativ gewesen. Bei seinen Einlassungen habe er gesagt, es sei "Pech" gewesen, dass der Zeuge auch angeschossen wurde. Er habe sich nicht in den Weg stellen sollen, habe der Angeklagte bei der Polizei ausgesagt.

UPDATE 10.50 Uhr: Angeklagter spricht

Der 39-Jährige wollte am ersten Verhandlungstag nur Angaben zu seinen persönlichen Verhältnissen machen. Demnach sei er schon im Kleinkindalter von den Eltern im Stich gelassen worden. "Aufgewachsen bin ich bei meinen Großeltern." Mit 17 Jahren sei er dann von Zuhause ausgezogen, weil er mit seinen Großeltern nicht zurechtgekommen sei. Nach seiner Ausbildung zum Maurer sei er dann zur Bundeswehr gegangen. Weil er allerdings sechs Tage unerlaubt von der Truppe weggeblieben war, bekam er eine Freiheitsstrafe von vier Monaten auferlegt.

Der 39-Jährige ging anschließend auf seinen Umgang mit Alkohol und Drogen ein. Er beschrieb, dass er fünf Monate vor der Tat "trocken" gewesen sei. Sein Drogenkonsum sei allerdings in den eineinhalb Jahren vor der Tat immens angestiegen. "Ich habe täglich zwischen zwei und drei Gramm Speed genommen." Dazu kamen noch Kokain und Cannabis.

Anschließend ging er auch auf das Verhältnis zu seiner Tochter und deren Mutter ein. Vor der Geburt des Kindes habe er mit ihr in einem Haus gewohnt. Sie sei sehr aufdringlich gewesen: "Ich habe sie nicht losgebracht und als wir eines Abends mal eine Flasche Wein getrunken haben - den hat sie ja gern gemocht - ist es dann eben passiert." Doch er wollte das Kind nicht und versuchte die Mutter zu einer Abtreibung zu bewegen. Mit der Geschädigten der Tat sei er vier Monate zusammen gewesen. "Wir haben uns dann aber auseinandergelebt."

Bis zum Tatabend habe er nur sporadischen Kontakt zu ihr gehabt. Doch im August 2013 habe er dann seine Tochter in eben dem Café gesehen, in dem die Geschädigte gearbeitet hat. "Ich habe dann wieder Alkohol getrunken. Ich wollte wissen, was da los ist. Das hat mich so gewurmt." Am Tattag selbst habe er sechs halbe Bier und zwei Wodka-Bull in einem Zeitraum von rund fünf Stunden getrunken. Dazu habe er eine geringe Menge Cannabis konsumiert. Auf die Frage eines Sachverständigen, wie er sich danach gefühlt habe, meinte er nur: "Schlecht."

Vorbericht:

Der psychisch kranke Mann soll im Februar diesen Jahres seiner Ex-Freundin mit einer Pistole aufgelauert haben, um sie zu bedrohen und ein Geständnis von ihr zu erzwingen. Der 39-Jährige, der laut Gutachten unter einer paranoiden Psychose leidet, habe eine Verschwörung zwischen seiner Ex-Freundin und der Mutter seiner Tochter vermutet. Um seine ehemalige Lebensgefährtin zur Rede zu stellen, habe er sich am Abend des 3. Februar eine geladene halbautomatische Pistole eingepackt, um sie vor ihrer Haustür abzufangen. Zudem soll er noch 38 weitere Patronen dabeigehabt haben.

Zuerst soll er seine Ex mit dem Kopf gegen eine Hauswand geschlagen haben, bevor er sie dann an den Haaren ins

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Gebüsch zog. Dort habe er sie mit seiner Pistole bedroht und ihr mit dem Griff der Waffe auf das linke Auge geschlagen. Anschließend soll er sie in eine Hofeinfahrt gezerrt haben, wo er ihr die Pistole an den Kopf hielt. Als ihr mehrere Zeugen zu Hilfe eilten, habe sie sich losreißen können.

Der Angeklagte soll daraufhin zwei Schüsse auf seine Ex-Freundin abgefeuert haben, die sie beide verfehlten. Anschließend habe er sich umgedreht, um auf einen der Zeugen zu schießen. Der Geschädigte wurde von einem Streifschuss an der Oberlippe getroffen. Eine zweite Kugel durchschlug seinen Brustkorb. Er überlebte schwer verletzt. Einem Autofahrer, der gerade am Tatort vorbeifuhr, gelang es danach, den Schützen zu entwaffnen und festzuhalten.

Ein Bild vom Tatort

Ab Freitag muss sich der 39-Jährige nun wegen versuchten Mordes in zwei Fällen vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Sollte das Gericht den Angeklagten für Schuldunfähig befinden, dann käme er - im Falle einer Verurteilung - in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie. 

Chiemgau24.de berichtet aktuell aus dem Gerichtssaal.

Aus dem Archiv:

Schüsse auf Mann in Prien

Quelle: rosenheim24.de

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