„Hüterin des Schatzes“

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Berchtesgaden - Ingeborg Braun-Wohlgeschaffen hütet einen ganz besonderen "Schatz": Briefe von Karl May an ihre Großmutter.

Die Briefe, die die Berchtesgadenerin Ingeborg Braun-Wohlgeschaffen von Karl May besaß, dessen Todestag sich aktuell zum 100. Mal gejährt hat, waren Gold wert für die Karl-May-Gesellschaft, die das Erbe eines der meistgelesenen Autoren bewahrt. Dass sie im Besitz vieler originaler Erinnerungen des berühmten Schriftstellers war, verdankt sie glücklichen Umständen: Karl May war eng befreundet mit ihrer Großmutter, er war der Patenonkel ihres Onkels, seine zweite Ehefrau Klara May war die Patentante ihrer Mutter. „Er war ein sehr gütiger Mensch, anders als er häufig dargestellt wird“, sagt sie. Sie muss es wissen: In ihrer Familie war Karl May oft Gesprächsthema.

Sie war sich nicht sicher, ob sie damit an die Öffentlichkeit gehen soll, aber der Anlass, der 100. Todestag von Karl May, über den dieser Tage viel geschrieben wird, gab dann dort den Ausschlag. „Irgendwann werde ich nicht mehr sein, also ist es zum Todestag naheliegend, darüber zu sprechen“, sagt die freundliche Dame im Vorgespräch am Telefon. Ingeborg Braun-Wohlgeschaffen öffnet die Tür, bittet ihren Besuch herein. Auf dem Tisch hat sie alles bereits vorbereitet, dicke Ordner, Briefe, Bilder, Postkarten. Ein wahres Eldorado für all jene, die Karl May schätzen, sich für dessen Leben interessieren. Es sind private Erinnerungen an eine Zeit, in der das Auto gerade erfunden war, in der die Schriftsprache überladen wirkte. „Schätze, die es zu bewahren gilt“, sagt sie.

Der Schatz von Ingeborg Braun-Wohlgeschaffen

Babette Kopp (gebürtige Hohl), Großmutter von Ingeborg Braun-Wohlgeschaffen, war in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts Hausdame des Kommerzienrats Pohl in Gams bei Buchs in der Schweiz. In dessen Haus verkehrten viele Persönlichkeiten, Menschen von Rang und Namen, etwa Prinz Max von Baden. Aber auch Karl May mit seiner ersten Ehefrau Emma. Zwischen den Mays und Babette Kopp entstand nach und nach eine engere Freundschaft. Die Folge waren regelmäßige Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller und der Hausdame. 1901 wurde Babette Kopps erster Sohn geboren, de Onkel von Ingeborg Wohlgeschaffen-Braun. Und wer, wenn nicht Karl May, sollte die Patenschaft übernehmen? Also wurde auch der Neugeborene auf den Namen Karl getauft. Zu Karls erstem Geburtstag schenkte ihm der Schriftsteller ein vierundzwanzigteiliges Hirschhornbesteck in einer mit grüner Seide ausgeschlagenen Schatulle, später auch Erstausgaben seiner Gesammelten Werke mit Widmung sowie eine Geige. Dass Ingeborg Braun-Wohlgeschaffen über all jene Dinge von einst so genau Bescheid weiß, verdankt sie, so sagt sie selbst, „einem sehr guten Elternhaus“, in dem viel miteinander gesprochen wurde. „Karl May war regelmäßig Gesprächsthema, meine Großmutter hat viel von ihm berichtet“, erzählt sie. So übernahm Karl Mays zweite Ehefrau Klara die Patenschaft für Ingeborg Braun-Wohlgeschaffens Mutter , Friederike Klara Kopp, später verheiratete Braun. Deren zweiter Vorname war eine Referenz an die Patin. Regelmäßige Briefwechsel zwischen den beiden wurden bis zum Tode von Klara May fortgesetzt.

Dass die Berchtesgadenerin, die im Besitz vieler Kopien handschriftlicher Dokumente Karl Mays ist, sich mit ihren „Schätzen“ an die Karl-May-Stiftung in Radebeul wandte, war mehr spontane Tat als lang geplanter Entschluss: „Eines Tages im Jahr 1989 las ich in der Zeitung, dass ein Gästebuch mit der Handschrift Karl Mays in der DDR aufgetaucht sei. Dabei wurde mir erst richtig bewusst, welcher Schatz handschriftlicher Hinterlassenschaften des Winnetou-Erfinders sich in meinen Händen befindet.“ Um diese Schätze auch für alle Zukunft gut behütet zu wissen, hat sie der Karl-May-Stiftung davon berichtet, erinnert sich die sympathische Dame. Ein Besuch der Vertreter der Stiftung war schnell vereinbart – „ihnen sind damals die Augen rausgefallen, als sie sahen, was ich alles von Karl und Klara May im Besitz hatte.“ Doch war der Berchtesgadenerin auch klar, dass sie die gesammelten Schriften nicht einfach so in die DDR geben würde. Die Mauer stand noch immer, zu gefährlich schien es ihr, den Briefverkehr zwischen ihrer Großmutter und Karl May einfach aus den Händen zu geben. Deshalb wartete sie ab, die Wende kam, der Kontakt zur Stiftung blieb bestehen. Erst im Jahr 2000, am 24. November, „übergab ich, notariell beglaubigt, alle meine Schätze“, erzählt sie. Warum sie die Hinterlassenschaften denn nicht privat verkauft habe? Die Dame lächelt. Viel Geld hätte sie damit machen können. In Amerika fände man Sammler, die horrende Preise für Originale ausgäben. Es sei aber nicht Sinn der Sache, dass private Sammler in den Besitz der vielen Dinge gekommen wären. „Mein Anliegen war es, Karl Mays Erbe komplett für alle Zukunft in sachkundigen Händen, für die Öffentlichkeit in einem Museum zugänglich zu wissen“, sagt sie, überzeugt davon, genau das Richtige getan zu haben. Auch wenn Karl May weit vor Ingeborg Braun-Wohlgeschaffens Zeit lebte und wirkte: Sie fühlt sich ihm verbunden. Zu deutlich sind die Erzählungen über ihn in ihrer Erinnerung verankert. „Ich bin die letzte freundschaftliche Anverwandte“, sagt sie – und hat wohl Recht. Die Karl-May-Stiftung hat nachgeforscht, die überlieferten Briefe, die im Besitz von Ingeborg Braun-Wohlgeschaffen waren, sorgfältig geprüft, sie chronologisch geordnet. In Radebeul bei Dresden, dort, wo Karl May in dem nach ihm benannten Museum weiterlebt, finden sich heutzutage alle wertvollen Stücke von einst. „Ich habe von allem, was ich hatte, Farbkopien anfertigen lassen“, sagt sie. Diese füllen ganze Ordner. Postkarten etwa, die beweisen, dass Karl May in Amerika war, persönliche Geburtstagsgrüße an die Großmutter, Schriftwechsel zwischen Mutter und Klara May. „Ich bin froh, dass ich alles nun in guten Händen weiß.“ Was Ingeborg Braun-Wohlgeschaffen bleibt, sind die Erinnerungen. An einen Mann, den sie selbst zwar nie kannte, dem sie sich dennoch freundschaftlich-familiär verbunden fühlt.

kp

Quelle: BGland24.de

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