Neue Alzheimer-Therapie verringert Ablagerungen im Gehirn

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Alzheimer ist eine degenerative Erkrankung des Gehirns. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/Illustration

Alzheimer ist bislang nicht heilbar. Eine neue Therapie reduziert zumindest die typischen Ablagerungen, die bei Patienten im Gehirn auftreten. Experten warnen jedoch vor verfrühter Euphorie.

Cambridge (dpa) - Eine Antikörper-Therapie reduziert bei Alzheimer-Patienten die typischen Eiweißablagerungen im Gehirn. Auch die fortschreitende Verschlechterung der Geisteskraft scheine sich infolge der Behandlung zu verlangsamen, berichten Forscher aus den USA und der Schweiz im Fachblatt "Nature".

Dieser positive Effekt auf die kognitiven Fähigkeiten muss aber noch genauer untersucht werden.

Alzheimer ist eine degenerative Erkrankung des Gehirns. Lange bevor Patienten die typischen Alzheimer-Symptome zeigen - etwa Gedächtnis-, Sprach- oder Denkstörungen - häufen sich im Gehirn Bruchstücke von bestimmten Eiweißen. Forscher sprechen von amyloiden Plaques oder genauer: Amyloid-ß-Plaques.

Eine Reihe von Experten geht davon aus, dass diese Ablagerungen die Hauptursache für die Alzheimer-Erkrankung sind, indem sie etwa Nervenzellen zerstören, Entzündungsreaktionen auslösen und letztlich die Signalübertragung im Gehirn behindern. Bewiesen ist das bisher aber nicht. Dagegen spricht etwa, dass es Menschen mit Eiweißablagerungen gibt, die keine Symptome zeigen. Zudem verbessert eine Auflösung der Plaques nicht zwangsläufig den Geisteszustand.

Die Wissenschaftler um Alfred Sandrock vom US-Biotech-Unternehmen Biogen hatten insgesamt 165 Patienten mit leichten Alzheimer-Symptomen einmal monatlich mit dem Antikörper Aducanumab oder mit einem Scheinmedikament behandelt. Der Antikörper greift die für Alzheimer typischen Eiweiße an und sorgt für ihren Abbau.

"Das ist aus vielerlei Gründen eine sehr wertvolle Studie, unter anderem, weil es erstmals gelingt, mit einem Antikörper aggregierte Eiweiße zu reduzieren, im Tierversuch und im Menschen", kommentiert Theo Dingermann vom Biozentrum der Goethe Universität Frankfurt am Main, der an der Studie nicht beteiligt war. "Dennoch muss man realistisch bleiben. Das ist eine Grundlagenstudie und von einer therapeutischen Anwendung ist man - auch wenn sich die guten Ergebnisse in größeren Studien bestätigten - noch Jahre entfernt."

Dingermann sieht trotz der guten Ergebnisse ein großes Defizit der Studie: Die kleine Studiengruppe umfasse nur Patienten in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung, die kaum Symptome zeigen. In der Praxis werde Alzheimer aber sehr viel später diagnostiziert - zu einem Zeitpunkt, an dem schon große Teile des Gehirns zerstört sind. Die bisher verfügbaren Alzheimer-Medikamente wirkten vermutlich deshalb nicht besonders gut, weil sie zu spät eingreifen. Das sei bei dem Antikörper womöglich nicht anders. "Was wir wirklich brauchen, ist eine frühe Diagnostik. Wenn wir die haben, würde ich große Summen auf den Antikörper setzen."

Die Forscher aus der Schweiz und den USA hatten zunächst in Versuchen mit Mäusen gezeigt, dass der Antikörper ins Gehirn gelangt und dort die Eiweißablagerungen angreift. Anschließend hatte sie insgesamt 165 Patienten einmal monatlich mit dem Antikörper Aducanumab oder mit einem Scheinmedikament behandelt. Der Antikörper richtet sich gegen die Amyloid-ß-Eiweiße in ihrer löslichen und unlöslichen Form.

Die untersuchten Patienten zeigten bei Start der Tests nur leichte Alzheimer-Symptome, also erste kognitive Einschränkungen bis hin zu einer leichten Demenz. Vor Beginn der Behandlungen waren in Aufnahmen ihres Gehirns Alzheimer-typische Ablagerungen nachweisbar. Nach einem Jahr waren die Ablagerungen im Gehirn deutlich zurückgegangen.

Der Rückgang war umso größer, je länger die Patienten behandelt wurden und je höher die verabreichte Antikörper-Dosis war. Zudem zeigte sich, dass die kognitive Leistung der Patienten im Verlauf des Jahres weniger stark abgenommen hatte als bei den Patienten, die ein Scheinmedikament bekommen hatten. Die Forscher fanden zudem einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Plaques und dem geistigen Zustand der Patienten.

Ihre Ergebnisse bestätigten die Amyloid-Hypothese und rechtfertigten die Weiterentwicklung des Antikörpers zur Behandlung von Alzheimer, schreiben die Wissenschaftler. Sie weisen jedoch darauf hin, dass die Studie darauf angelegt war, die Sicherheit des Präparats und die Auswirkung auf die Eiweißablagerungen zu prüfen. Die Auswirkung der Behandlung auf die klinischen Beschwerden der Patienten standen nicht im Mittelpunkt, die Ergebnisse dazu sollten deshalb mit Vorsicht interpretiert werden.

"Sollte sich bestätigen, dass die anti-Aß (Anm: Amyloid-ß)-Therapie den kognitiven Verfall bremst, würde das die Art und Weise, wie wir Alzheimer verstehen, behandeln und vorbeugen, radikal verändern", schreibt der Alzheimer-Forscher Eric Reiman vom Banner Alzheimer's Institute in Phoenix (US-Staat Arizona) in einem Kommentar zu der Studie. Auch er mahnt vor vorzeitiger Euphorie: "Es ist ratsam, sich mit einem Urteil über den kognitiven Nutzen von Aducanumab zurückzuhalten, bis Ergebnisse größerer Studien vorliegen."

Die Patienten hatten den Antikörper recht gut vertragen, ganz ohne Nebenwirkungen verlief die Studie aber nicht. 40 der Patienten stiegen im Verlauf des Jahres aus der Studie aus, 20 davon wegen unerwünschter Nebenwirkungen. Am häufigsten wurde ein Hirnödem festgestellt, also eine Schwellung des Gehirns. Dies war jedoch nicht zwangsläufig mit konkreten Beschwerden verbunden, und oft verschwand die Schwellung nach einigen Wochen wieder.

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