Trainer der U21-Nationalmannschaft

Hrubesch über Talente, seine Biographie und Olympia

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Zurzeit mit der deutschen U21-Mannschaft beim Lehrgang in der Sportschule Kaiserau: der 64-jährige Horst Hrubesch.

Kamen-Methler - Gemeinsam mit der U21-Nationalmannschaft fährt Horst Hrubesch im Sommer 2016 zu den Olympischen Spielen nach Rio. Was er sich vom Turnier erwartet und wann seine Biographie erscheint verrät er in einem Interview.

Mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien geht für den aus Hamm stammenden Horst Hrubesch, Trainer der U 21-Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes, ein Traum in Erfüllung. Doch der 64-Jährige verriet in der Sportschule Kaiserau in einem Gespräch mit Jens Greinke und Peter Schwennecker, dass er keineswegs daran denkt, sich nach Rio aus dem Fußball-Geschäft zu verabschieden. Aktuell bereitet Hrubesch die U 21 des DFB derzeit auf die EM-Qualifikationsspiele am Freitag in Essen gegen Finnland (18 Uhr) und am Dienstag auf den Faröer Inseln (18.30 Uhr) vor.

Herr Hrubesch, als passionierter Hobby-Fischer haben Sie 1980 Ihr erstes Buch veröffentlicht mit dem Titel „Dorschangeln vom Boot und an den Küsten“. Haben Sie selbst noch ein Exemplar davon?

Horst Hrubesch: Da hatte ich Glück. Ich hatte gar keins mehr, beziehungsweise nur noch das Cover mit einem anderen Buch drin. Bis mir Alexander Bommes in seiner Talkshow „Sportclub“ ein Exemplar gegeben hat. Die hatten das vorher für 80 Euro im Internet ersteigert.

Das Buch wird sogar schon für über 100 Euro angeboten.

Hrubesch: Ja, das war sofort ausverkauft. Wir hatten damals nicht gedacht, dass das so explodiert. Die erste Auflage lag bei 20 000 oder 25 000, die zweite bei 15 000 und die dritte bei 10 000. Das Buch ist wirklich gut gelaufen und ist danach noch in Norwegen, Dänemark und Schweden verlegt worden. Und da ist es genauso weg. Es war ein Buch für Jedermann, das ich eigentlich nur gemacht hatte, weil ich selbst eine entsprechende Lektüre gesucht, aber nicht gefunden hatte. Das hat wirklich Spaß gemacht.

Ihr zweites Buch, das am 23. November erscheint, heißt schlicht „Horst Hrubesch“ und ist eine Biografie. Was hat Sie dazu bewogen?

Hrubesch: Dazu bewogen hat mich der Autor Andreas Schier. Er hat meine Karriere schon als Kind verfolgt und mir den Vorschlag gemacht, eine Biografie zu schreiben. Erst war ich skeptisch und habe mich gefragt: Wen interessiert das? Dann habe ich irgendwann mit ein paar Journalisten und Uwe Seeler zusammengesessen, und die haben mir dann gesagt: ,Langer, Du musst das Buch nicht für Dich, sondern für Deine Ur-Ur-Enkel schreiben. Da habe ich gesagt, okay, ich mach’s. Andreas Schier hat nun in den vergangenen zwei Jahren nicht nur mit mir, sondern mit 100, 150 Leuten in ganz Europa gesprochen. Ich bekam Stück für Stück immer wieder etwas zu lesen, und es wurde immer interessanter, nach dem Motto: Verflucht noch mal, da hast Du ja überhaupt nicht mehr dran gedacht! Jetzt macht es wirklich Spaß. Am Ende habe ich zum Autor und zum Verleger gesagt: Die Erstauflage von 6000 Exemplaren unterschreibe ich selbst.

Sie haben alle 6000 Bücher persönlich signiert?

Hrubesch: Genau. Ich habe 18 Stunden dafür gebraucht. Aber Andreas Schier hat es eben auch super gemacht. Das Spannende für mich dabei ist zu erfahren, wie die Leute mich gesehen haben. Wenn ich manchmal gewusst hätte, was ich für ein Standing gehabt habe, dann hätte ich in der ein oder anderen Situation auch ganz anders auftreten können – was aber nicht meine Art und Weise gewesen wäre. Aber: Wenn ich den ganzen Weg, den ich gegangen bin, jetzt noch einmal nachlese, ist das faszinierend. Und ich würde heute nichts anders machen, weder im Guten noch im Schlechten. Es war einfach gut, es war super. Meine Mutter musste mich damals übrigens zweimal beim Konfirmations-Unterricht wieder anmelden, weil ich sonntags Fußball gespielt habe, statt in die Kirche zu gehen. Ich denke, es war entscheidend für meine Karriere, was ich für eine Einstellung zum Fußball hatte, dass ich ihn gelebt habe.

Sie sind nun einer der erfolgreichsten Nachwuchs-Trainer in Deutschland...

Hrubesch: Ach. Die Frage ist doch: Wie bewerte ich das? Wenn du arbeitest, ist es doch normal, wenn du irgendwann mal Erfolg hast. Man muss ja auch sehen, worauf dieser Erfolg aufgebaut ist. Nach der misslungenen Europameisterschaft 2000 kam Nachwuchstrainer Dietrich Weise und hat den Grundstein für das DFB-Stützpunkt-Netz gelegt. In diesen Stützpunkten wird seitdem frühzeitig erkannt, was an Talenten da ist. Und zwar bundesweit, das gesamte Land ist abgedeckt. Daraus hat sich das entwickelt, was wir heute haben: ein durchgängiges System, in dem der kleine Verein die Grundlage bildet. Danach folgen die Landesverbände und die Stützpunkte. Die Bundesliga kann heute quasi in die Stützpunkte gehen und sich die Talente, die frühzeitig gefördert und ausgebildet werden, aussuchen. Das ist der Schlüssel.

Dennoch: Sie haben einen sehr guten Draht zu diesen Spielern, obwohl Sie gut zwei Generationen von ihnen entfernt sind.

Hrubesch: Es ist ein Geben und Nehmen, das vor allem auf Ehrlichkeit beruht. Wenn ich etwas mit den Spielern mache, dann geht es für mich darum, dass wir es zusammen tun. Dass der eine den anderen mitnimmt und ihm vertraut. Und die Spieler müssen auch ehrlich zu sich selber sein: Mache ich alles? Tue ich alles dafür? Ist das Auto wichtiger oder ist es wichtiger, dass ich im Training Vollgas gebe? Ich versuche den Jungs zu vermitteln, dass sie selbst dafür verantwortlich sind. Auch für ihren Körper, der ja ihr ganzes Kapital ist. Außerdem spreche ich alles an, was mich stört. Wenn man das macht, weiß jeder, woran er ist bei mir. Die Spieler wissen, dass sie mir vertrauen können.

Das ist die eine Seite der Betrachtung. Extern sieht es in den Bundesliga-Stadien so aus, dass diese jungen Spieler anfangs noch einen gewissen Welpenschutz genießen, aber nach ein, eineinhalb Jahren wie arrivierte Profis behandelt werden, obwohl sie erst 18 oder 19 Jahre alt sind.

Hrubesch: Ja. Das ist eigentlich schade. Denn es ist einfach so, dass diese Spieler ihre Jugend teilweise nicht ausleben können. Da liegt es auch an uns, ihnen beizubringen, es einfach zu genießen. Aber: Wenn ich mir einen Job ausgesucht habe, dann muss ich die guten wie die schlechten Seiten akzeptieren. Es hat mich ja keiner dazu gezwungen, Fußball-Profi zu werden.

Kommunizieren Sie eigentlich über Facebook oder Whatsapp mit den Spielern?

Hrubesch: Jaja.

Ehrlich?

Hrubesch: Ja. Ich bin hier in die Whatsapp-Gruppe aufgenommen worden.

Und sitzen Sie auch mit den Spielern zusammen an der Playstation?

Hrubesch: Nein, das mache ich nicht mehr. Vor fünf Jahren haben sie mir mal Island als Mannschaft gegeben. Da haben alle hinter mir gesessen und haben auf die Großleinwand geguckt und gesagt: ,Trainer, das muss schneller gehen.’ Da konnte ich nur sagen: Aber der läuft doch nicht schneller.

Können Sie denn verstehen, dass ein Spieler wie Davie Selke freiwillig in die 2. Liga zu RB Leipzig geht?

Hrubesch: Verstehen kann ich alles. Die Frage ist, wie sehen die Hintergründe aus. Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen, warum dieser Wechsel stattgefunden hat. Wenn er die Entscheidung selbst getroffen hat und nicht seine Berater, habe ich damit kein Problem.

Das heißt, dass das Umfeld für ein junges Talent heute noch wichtiger ist als früher?

Hrubesch: Ja, definitiv. Man muss die Jungs schützen. Das Umfeld darf nicht erwarten, dass sich die Spieler nur noch nach dessen Maßstäben richten. Ich erlebe es ja immer und immer wieder, dass ein 14-Jähriger auf einmal bestimmte Sachen nicht mehr essen darf, abends früh ins Bett muss und einfach vorbildlich sein soll – wie das so schön heißt. Das kann es nicht sein. Diese Jungs müssen ihre Emotionen auch ausleben. Es ist nicht so einfach, da die richtige Balance zu finden. Man sollte bei einer gewissen Normalität bleiben. Und das Gleichgewicht zwischen Lob und Tadel finden.

Apropos Kritik: Am Wochenende wurde Timo Werner, der ja auch zu Ihrem Kader gehört, von VfB-Coach Alex Zorniger dafür kritisiert, zu ausgiebig gejubelt zu haben, nachdem er den 2:2-Ausgleich geköpft hatte. Angeblich mit der Auswirkung, dass er in der Nachspielzeit die Riesenchance zum Siegtreffer vergab.

Hrubesch: Klar, den muss er machen, das habe ich ihm hier in Kaiserau auch gesagt. Ich habe ihn gefragt: Wie kann man den nicht treffen? Doch das sind Dinge, die du als Fußball-Profi hinnehmen musst. Timo hat die Chance ja nicht absichtlich vergeben. Aber: Auch der Trainer hat ja Emotionen. Da sollte man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Sie haben sich in diesem Sommer bei der Europameisterschaft für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro qualifiziert. Geht da ein Traum in Erfüllung?

Hrubesch: Ja. Aber das war ja einer der entscheidenden Faktoren, warum ich die U 21 im Sommer 2013 noch einmal übernommen hatte. Für mich hat Olympia immer eine große Faszination gehabt, weil ich gesagt habe: Du hast alles gemacht, du hast alles gespielt, aber du warst noch nie bei Olympischen Spielen.

Sie haben theoretisch die Möglichkeit, drei Spieler, die älter als 23 Jahre sind, für den Olympia-Kader zu nominieren. Philipp Lahm hat bereits vorsichtig angedeutet, dass er sich über eine Einladung freuen würde. Andererseits sind aus dem Team, das sich qualifiziert hat, im Jahr 2016 acht Spieler zu alt. Nach welchen Kriterien werden Sie die Auswahl treffen?

Hrubesch (lächelt): Ich werde fair bleiben bei dieser Geschichte. Philipp Lahm, Per Mertesacker oder wie sie alle heißen, haben ja in ihrer Karriere die Möglichkeit gehabt, sich für Olympia zu qualifizieren. Ich habe jetzt hier einige Spieler dabei, die diese Qualifikation geschafft haben. Also werde ich die zuerst fragen. Wenn sich das einer erarbeitet hat, dann musst Du ihm auch die Chance geben, dahin zu fahren. Danach werde ich schauen, was wir an Freistellungen von den Vereinen haben. Wir werden die Namen im Januar, Februar mal in aller Ruhe zusammenstellen und abklopfen, was möglich ist und was nicht. Und zum DFB-Pokalfinale hin werden wir die Mannschaft zu einem kleinen Trainingslager einladen.

Was wird Ihr Ziel in Rio sein?

Hrubesch: Zunächst einmal schicke ich jeden Abend Stoßgebete gen Himmel, dass wir in unserer Gruppe keine großen Reisestrapazen bewältigen müssen. Wenn man ins Finale will, kostet das sehr viel Kraft. Und wir wollen ja nicht nur dabei sein bei Olympia, sondern so weit wie möglich kommen.

Wie geht es mit Ihnen persönlich weiter?

Hrubesch: Mit mir? Ich habe einen Vertrag bis Ende 2016. Alle tun immer so, als würde ich jetzt aufhören wollen.

Nein! Aber so ein Olympia-Sieg wäre ja vielleicht auch ein schöner Abschluss.

Hrubesch: Ich bekomme zwar im nächsten Jahr Rente, was aber nicht heißt, dass ich auch in Rente gehe. Ich habe immer gesagt, so lange ich Spaß habe, mache ich es. Es ist alles grundsätzlich offen. Aber ich bin kein Typ, der zu Hause auf dem Sofa sitzt oder den Garten macht.

Können Sie sich auch vorstellen, nochmal als Vereinstrainer tätig zu werden?

Hrubesch: Ich kann mir alles vorstellen.

Zur Person: Horst Hrubesch geb. am: 17. April 1951 in Hamm

Vereine als Amateur: Germania Hamm, FC Pelkum, SC Westtünnen

Vereine als Profi: RW Essen, Hamburger SV, Standard Lüttich, Borussia Dortmund Bundesliga-Spiele: 224 (136 Tore)

Länderspiele: 21 (6)

Größte Erfolge: Europapokal der Landesmeister 1983, Europameister 1980, Vize-Weltmeister 1982

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