Sänger gegen Weltmeister

Darum fürchten wir die Italiener - und darum bewundern sie uns

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Die Abwehr Italiens knacken will DFB-Stürmer Mario Gomez. 2012 gelang es ihm bei der Europameisterschaft nicht – zu stark verteidigten die Azzurri im Halbfinale in Warschau (hier Andrea Barzagli).

Evian-les-Bains/Bordeaux – Warum die Deutschen die Italiener fürchten – und die Italiener die Deutschen bewundern: Der Versuch einer interkulturellen Fußball-Erklärung.

Was damals, 2012, die Tonlage in der Nachbetrachtung so scharf hat werden lassen, war die Sache mit der Hymne.

Die Italiener haben da ihre spezielle Art: in einer Reihe stehend, aber doch einander zugewandt wirkend, das Kinn nach vorne gereckt, alle Kraft in den Gesang lenkend. Die Fernsehzuschauer haben bemerkt, dass Gianluigi Buffon, vor vier Jahren schon der alte Gigi, zwar falsch, aber beherzt gesungen hat. Die deutschen Jungs dagegen: schwache Lippenbewegungen, manche stumm.

Deshalb, hieß es in konservativen Kreisen in Deutschland, habe das EM-Halbfinale 2012 in Warschau eben Italien gewonnen. Ein Tor mehr Inbrunst, 2:1.

Bundestrainer Joachim Löw hat ein paar Wochen später eine fast zwanzigminütige Wutrede gehalten gegen alle, die dieser kruden Theorie anhängen. Nun sagt Mats Hummels, bevor es am Samstag (21 Uhr, live im TV und Live-Stream) in Bordeaux im EM-2016-Viertelfinale gegen Italien geht: „Es hieß, die Italiener hätten 2012 gewonnen, weil sie die Hymnen lauter geschrien haben – ich denke, dass wir genauso viel Willen gezeigt haben.“ Und Jerome Boateng, der für die Mannschaft zwar die Kabinenmusik auflegt, aber die Hymne nicht mitsingt, sagt, dass er Buffons mit- und niederreißenden Gesang eigentlich gar nicht mitbekomme: „Ich kann bei der Hymne ja nicht um die Ecke gucken.“ Er hat es selbst mal als TV-Zuschauer mitbekommen, wie die Italiener ihr Lied anstimmen: „Und nicht nur Buffon singt laut. Andere auch.“

So wird es wieder sein: Die Italiener hymnisch stark, die Deutschen weniger. Deshalb muss es nicht so aus ausgehen wie die letzten Male. Wie 2012, wie bei der WM 2006 (0:2 n.V.), wie im Finale von 1982 (1:3) und im Jahrhundertspiel 1970 (3:4 n.V.). Deutsches Trauma? „Welches Trauma sollte ich haben? Ich habe gegen Italien nur einmal gespielt“, sagt Toni Kroos.

Italiener freuen sich über ein 1:0

Trauma – das ist eine deutsche Gesamtsicht. Die der Fans, die sich in einem kulturellen Kampf mit Italien sehen. Weil man sich mit den Italienern in zu vielen Punkten ins Gehege kommt. Deutschland ist eine Turniermannschaft, Italien aber auch. Deutschland ist ein Torhüterland, Italien jedoch ebenso: Wo Maier, Kahn, Neuer waren und sind, hat(te) das andere Land Zoff, Zenga, Buffon. Deutsche können verteidigen, Italiener aber die noch krasseren Abwehrschlachten liefern.

Und umgekehrt: „Deutschland wird in Italien hochgeschätzt“, sagt Oliver Bierhoff, der selbst in Italien gespielt hat und mal Torschützenkönig der Serie A geworden ist. Gerne haben die Klubs in Mailand, Turin, Rom, Bologna, Verona deutsche Spieler geholt – und auch einfache Charaktere wie Helmut Haller (in den 60er-Jahren) gewannen an weltmännischer Ausstrahlung, wenn sie lange genug in Italien spielten. In den 80er- und 90er-Jahren war Italien das Paradies, bot die beste Liga der Welt und das meiste Geld: Rummenigge, Klinsmann, Matthäus, Brehme, Möller, Häßler, Völler, Riedle, Reuter, Briegel, Berthold, kurz auch Jens Lehmann und Matthias Sammer verdingten sich in Italien.

„Doch nach der WM 1990“, weiß Bierhoff, „hat Italien von den Stadien her den Anschluss verpasst.“ Für die Deutschen, die zuletzt hingingen, war Italien eher eine Notlösung: Hitzlsperger, Klose, Gomez, Podolski. Selbst Sami Khedira hat sich mit Juventus Turin verschlechtert: Zuvor war er bei Real Madrid.

Khedira fühlt sich aber wohl in Italien, er mag die fachliche Wertschätzung durch das Publikum. Bei einem Spieler wie ihm muss man auf die Details achten, in Turin werden sie offensichtlich erkannt: „Man sieht mich da so, wie ich mich sehe.“

Auch Oliver Bierhoff verweist auf die etwas andere Debattenkultur der Italiener, die man mitbekommt, wenn man in die Bars geht: „Sie freuen sich über ein 1:0, erkennen darin die taktische Meisterleistung.“ In Deutschland ist 1:0 eher ein Unzufriedenheits-Ergebnis.

Gerede von Panzern hat aufgehört

„Die Italiener haben auch eine Freude an allen schönen Dingen“, sagt Bierhoff, daher verspüre man bei ihnen Anerkennung für das, was sich im deutschen Fußball entwickelt hat. 2006 wurde Italien noch Weltmeister, schaltete Deutschland im Halbfinale aus (Bierhoff: „Wir waren damals am oberen Limit, aber Italien einfach erfahrener“), doch spätestens ab 2010 entwickelte sich Deutschland an Italien vorbei. Cesare Prandelli, der die Deutschen bei der EM 2012 schlug, blickte eigentlich schon zu ihnen auf: „Wir haben nicht diese talentierten Spieler wie sie“, sagte Prandelli vor einem Freundschaftsspiel 2011 in Dortmund (1:1). Bierhoff hat registriert, dass auch das Gerede „von den deutschen Panzern“ aufgehört hat: „Das war das Image zu meiner Zeit, und ich war daran vielleicht nicht unschuldig“, sagt er.

Italiens Fußball hat heute genügend mit sich selbst zu tun, um über andere Nationen zu lästern: Faschismus in manchen Fan-Kurven, Ultras, die zu starken Einfluss auf die Vereinsgeschäfte nehmen, sportlich ein Ausbildungssystem, das zu wenig Nachschub liefert. Folglich stellt Italien bei der EM den ältesten Kader. Doch die Squadra Azzurra ist immer dann gut, wenn das Land in klassischer Rücken-zur-Wand-Situation ist. 2006 wurde man Weltmeister, als der nationale Fußball gerade wegen eines veritablen Wettskandals mit Juventus Turin im Brennpunkt zerplatzte.

Die Hymne singen die Spieler, wenn die Lage sich kritisch anfühlt, noch eine Spur leidenschaftlicher. „Jeder von denen ist heiß – aber bei uns auch“, sagt Bierhoff, „doch ich sehe keine Gefahr, dass einer unserer Spieler überdreht.“ Viele haben solche wichtigen Spiele öfter. „In den Mannschaften, in denen ich spiele, bin ich immer optimistisch. Ich hatte noch vor keinem Gegner Angst. Ich habe noch nie gedacht: Jetzt kommt ein Spiel, das wir eher verlieren als gewinnen, sondern immer andersherum“, erklärt Thomas Müller. Auch er ist kein herausragender Hymnen-Sänger. Aber Weltmeister.

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