Feindbild 1899: Beschimpfungen als Ansporn

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Dietmar Hopp

Hoffenheim - „Retortenklub“, „Plastikverein“, „Neureiche ohne Herz“: 1899 Hoffenheim scheint in ganz Deutschland sehr unbeliebt zu sein. Doch das ist auch ein Ansporn.

Als sich 1899 Hoffenheim vor viereinhalb Jahren als Aufsteiger mit fast naiver Leichtigkeit zum Herbstmeistertitel zauberte, lag Fußball-Deutschland den tollen Typen mit der feinen Technik zu Füßen. Jung, erfrischend, erfolgreich. Flugs machte der Begriff der Mini-Bayern die Runde. Im Rückblick war das wohl eher ein schlechtes Omen. Denn ähnlich wie die Münchner polarisieren die Kraichgauer samt ihres schwerreichen Mäzens Dietmar Hopp.

Schlimmer noch. Vor dem ersten Relegationsspiel um die Zugehörigkeit zur Bundesliga am Donnerstag gegen den Traditionsklub 1. FC Kaiserslautern (20.30 Uhr/ARD) scheinen überproportional viele den Pfälzern die Daumen zu drücken.

Die 1899-Profis wollen aus der Not eine Tugend machen. „Die Anfeindungen sind Ansporn für uns. Es wäre eine große Genugtuung, den Klassenerhalt zu schaffen. Auch wegen Dietmar Hopp“, sagte der Kapitän Andreas Beck. Der Verteidiger weiß um die Stimmung in etlichen Fanlagern von Bundesligisten: Nur nicht Hoffenheim, der als Retortenklub und Plastikverein verunglimpfte Verein aus dem Sinsheimer Stadtteil Hoffenheim in der Hügellandschaft des Kraichgau.

In dieser Saison verschliss Hoffenheim vier Trainer, dazu das Theater um Ex-Nationalkeeper Tim Wiese - und nicht zu vergessen die Akustik-Affäre von 2011, als ein Klub-Mitarbeiter versuchte, während der Partie gegen Dortmund mit einem Beschallungsgerät Schmähgesänge der Gästefans gegen Hopp zu übertönen.

Am vergangenen Wochenende beim abschließenden Ligaspiel in Dortmund (2:1) hat das Team von Trainer Markus Gisdol den ganzen Hass wieder einmal zu spüren bekommen. Mit voller Breitseite. Im BVB-Fanblock hingen zwei Transparente, die den Kopf von Hopp im Fadenkreuz zeigten. Dazu Plakate mit Aufschriften wie „Projekt gescheitert“ oder „Ihr habt es in der Hand, schickt das Projekt zurück ins Niemandsland“. Ein gellendes Pfeifkonzert begleitete die Hoffenheimer nach ihrem Überraschungssieg in die Kabine.

Gisdol weiß um die Problematik und will das entstandene Bild mittelfristig korrigieren. „Es ist uns vielleicht in den letzten Wochen gelungen, ein paar Sympathien zurückzugewinnen, aber das ist noch ein steiniger Weg“, sagte der 43-Jährige: „Das geht nur über ehrliche Arbeit und darüber, bescheidener aufzutreten.“

Die Kraichgauer spüren die Brisanz, die die Partien gegen den Südwest-Rivalen Kaiserslautern bergen. „Ich nehme an, die Verantwortlichen beim FCK versuchen, besänftigend auf die Fans einzuwirken“, sagte 1899-Präsident Peter Hofmann der Bild-Zeitung und echauffierte sich über die Vorkommnisse von Dortmund: „Jemanden in ein Fadenkreuz zu stellen, geht gar nicht. Das ist eine Zielscheibe, wie ein Aufruf zum Töten. Und das bei einem hoch anständigen und sozialen Menschen wie Dietmar Hopp.“

Der Lauterer Vorstandsboss Stefan Kuntz scheint den Appell gehört zu haben. „Wir werden natürlich auf unsere Fans einwirken und Gespräche führen, damit sich alle bewusst sind, welche Bedeutung diese Partie auch für die Außendarstellung unseres Vereins hat.“

Bereits rund um das erste Treffen der beiden Klubs vor knapp sechs Jahren hatte es unschöne Szenen gegeben. Lauterer Fans hatten Milliardär Hopp, übrigens ein glühender Verehrer von FCK-Held Fritz Walter, übelst beleidigt. Wenig später gesellte sich auch Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zu den Hopp-Kritikern und nannte den SAP-Mitbegründer den „weißen Ritter von Hoffenheim“. Klubs wie 1899, den VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen würden bei den TV-Geldern „die Sahne aus dem Thema lutschen, während wir Traditionsklubs die Folklore liefern“, hatte Watzke damals gepoltert.

Hauptkritikpunkt von vielen war stets, dass Hopp, der seit 1989 rund 350 Millionen Euro in den Verein investiert hat, als Finanzier ohne Amt im Klub ist. Der 72-Jährige hatte aber immer wieder auf den Status Quo verwiesen. „Hoffenheim hat mit dem Stadion, dem Trainingszentrum und der Jugendakademie eine einzigartige Infrastruktur - übrigens alles ohne staatliche Hilfe entstanden. Mein Engagement wird ungebrochen bleiben. Allerdings, wie schon lange umgesetzt, im Rahmen des Financial Fairplay“, sagte der Mäzen.

sid

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