Ex-CSU-Sprecher Rosenberg berichtet

Ständige Terrorgefahr: Wie lebt es sich in Israel?

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Immer wieder Opfer von Terroristen: Hier betrauern Juden die bei einem Anschlag in Paris getöteten Angehörigen.

München - Godel Rosenberg war weit weg während des Amoklaufs von München. Dennoch fühlt sich der frühere CSU-Sprecher mit der Stadt verbunden. Er vergleicht die Situation mit Israel.

Godel Rosenberg (70) arbeitete unter anderem für den Münchner Merkur, ehe er 1978 unter Franz Josef Strauß († 73) CSU-Pressesprecher wurde. Über diese Zeit schrieb er das Buch Franz Josef Strauß und sein Jude (19,90 Euro, Allitera Verlag). Seit 1998 lebt Rosenberg mit seiner Familie in Tel Aviv, wo er seit 2009 Repräsentant Bayerns ist. In der tz erzählt Rosenberg, der die deutsche und die israelische Staatsbürgerschaft hat, wie normal für ihn die Allgegenwart des Terrors geworden ist.

"Wer Angst hat, hat schon verloren. Wenn ich in ein Café oder in einen Bus steige, schaue ich mich nie ängstlich um, ob da einer verdächtig aussieht oder einen Rucksack trägt. Ich lebe in Israel keinen Deut anders, wie ich die 50 Jahre vorher in München gelebt habe: Ich arbeite dort, ich gehe abends in Restaurants oder in Konzerte.

Kinder sind mit Terrorgefahr aufgewachsen

Ex-Strauß-Sprecher Godel Rosenberg.

Meine drei mittlerweile erwachsenen Kinder sind mit der Allgegenwart des Terrors aufgewachsen - aber auch sie leben angstfrei und ganz normal. Natürlich, wenn uns etwas auffällt, rufen wir die Polizei. Aber das Alltagsleben in Tel Aviv unterscheidet sich vom Alltagsleben in München durch nichts - der einzige Unterschied ist, dass wir wesentlich besseres Wetter haben.

Zum Glück ist in meinem Bekanntenkreis noch nie jemand durch einen Anschlag verletzt worden. Ich lese von den Anschlägen also genauso nur in der Zeitung wie Sie hier in München.

Aber ich schaue mir die Zahlen an: Seit September vorigen Jahres sind in Israel 33 Menschen durch Terroranschläge ums Leben gekommen - Messerattacken, Schießereien und sogenanntes Car Ramming mit Autos … Aber in der gleichen Zeit sind in Israel 195.000 Kinder geboren! Für diejenigen, die durch einen Terroranschlag Angehörige verlieren, ist es eine Katastrophe, aber politisch für die Zukunft Israels völlig unbedeutend! In der gesamten 68-jährigen Geschichte Israels sind viel mehr Menschen durch Autounfälle ums Leben gekommen als durch alle Kriege und Terroranschläge zusammengenommen.

In Irsael genauso frei und unbesorgt wie in München

Ich lebe seit 18 Jahren in Israel. Ich bewege mich hier genauso frei und unbesorgt wie in München. Denn ich lebe in einem freien Land, in einer Demokratie, in einem Rechts- und Sozialstaat. Und diesen Staat Israel verteidigen wir seit 68 Jahren. Das ist die Stärke von Israel, dass 8,5 Millionen Einwohner dieses Land jeden Tag verteidigen!

Wir in Israel haben aus gutem Grund Zäune und Mauern zu den Palästinenser­gebieten gebaut - für Europa ist Abschottung nicht nur wegen der schieren Größe keine Option, es widerspricht auch der in Europa gewachsenen Lebensart und Kultur. Das einzige, was wirklich hilft, kann ich in drei Worten zusammenfassen: Bildung, Bildung, Bildung! Wir müssen die Menschen, die zu uns kommen, einer Bildung zuführen, die sie in der Lage versetzt, den Unsinn, den sie von islamistischen Hetzern gesagt bekommen, zu durchschauen. Das ist eine Aufgabe für Generationen.

Ich hoffe es nicht, dass sich die Bayern wie wir Israelis an die Allgegenwart des Terrors gewöhnen müssen. Für die Münchner ist das eine neue Situation, mit der man lernen muss umzugehen. Aber wenn ich mir die Realität so ansehe, denke ich, dass es nie mehr so sein wird wie früher."

Aufgezeichnet von Klaus Rimpel

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